Wenn es Gott gibt: Kann man Gott sehen? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. Aber Erfahrungen.
Sendetext:
Sehen und gesehen werden. Darum dreht sich viel im Leben. Für religiöse Menschen verbindet sich das mit der Frage: Sieht Gott mich? Und: Kann ich Gott sehen? Dazu gibt eine Geschichte in der Bibel eine Antwort. Wobei: Eine Antwort? Nein! Aber die Geschichte weist einen Weg. Im 2. Buch Mose steht:
"Da stiegen Mose und Aaron (…) und siebzig von den Ältesten Israels hinauf und sahen den Gott Israels. Unter seinen Füßen war es wie eine Fläche von Saphir und wie der Himmel, wenn es klar ist. Und Gott reckte seine Hand nicht aus wider die Edlen der Israeliten. Und als sie Gott geschaut hatten, aßen und tranken sie."[1]
Sie sahen den Gott Israels. Was soll das denn heißen? Richtig sehen? Oder haben diese Männer ein außergewöhnliches Erlebnis auf dem Berg und glauben: Darin zeigt sich Gott? Vielleicht so: Sie erfahren ein ungeheures Licht. Ein Licht, wie wir es sonst nicht kennen. Manche erleben so etwas, wenn sie meditieren, ganz eins mit sich und mit Gott werden.
Ich hatte einmal so ein Licht-Erlebnis. Es war auf einer Reise in Syrien vor vielen Jahren, als das Land noch nicht vom Krieg zerstört war. Wir waren in dem trocken-heißen Gebirge, von Damaskus aus Richtung Norden gelegen. Wir sind auf einen Berg gestiegen, weil wir ein Kloster in luftiger Höhe besuchen wollten. Als ich mich auf dem Gipfel umsah, schaute ich in ein Licht voller Helligkeit. Der Himmel war richtig dunkelblau, so intensiv, dass er an den Rändern weiß wurde. Da habe ich zum ersten Mal verstanden: Gott und Licht gehören zusammen. So stark ist dieses Licht, das die Dunkelheit an ihren Rändern selbst zu Licht wird.
Mich hat das Licht fast benommen gemacht. Am liebsten hätte ich es gleich wieder gesehen. Aber bei diesem einen Mal ist es geblieben.
Auch Mose wollte das gerne wiederholen – Gott sehen. Das Licht. Die Grenzen überwinden zwischen Erde und Universum. Die Grenzen überwinden zwischen Gott und Mensch. Die Erdenschwere hinter sich lassen, leicht werden. Licht werden. Mose fordert von Gott: "Lass mich dein Angesicht sehen!" Aber: So klar der Wunsch, so eindeutig die Absage: Nein. Über Gott können Menschen nicht einfach verfügen. So ein Erlebnis lässt sich nicht beliebig wiederholen.
Nach wissenschaftlichen Kriterien ist es damit uninteressant. Denn was man nicht wiederholen kann, lässt sich nicht untersuchen und erklären. Damit rückt es in den Bereich des Glaubens. Den tun die einen als Hirngespinst ab. Ich aber glaube: Es gibt Erfahrungen, die jenseits dessen liegen, was man wissenschaftlich erfassen kann. Und trotzdem sind sie real. Es war also schon echt, was Mose und Aaron und die siebzig Ältesten gesehen haben. Das Licht und Gott.
Denn: Mose ist nicht allein, als er Gott sieht. Da sind viele andere. Die meisten von ihnen viel weniger geübt im Umgang mit Gott als Mose. Vermutlich keine Gotteshelden. Manche vielleicht komisch; immer schnell dabei zu jammern und zu nörgeln. Es werden viele dabei sein, die ängstlich darauf schauen, dass sie genügend vom Kuchen abbekommen. Mit ihnen, wegen ihnen, durch sie ist es möglich, Gott zu erfahren.
Gott sehen – und das nicht nur allein, sondern hier mit einem kleinen Volksauflauf. Mit den anderen und durch die anderen erkennen wir Gott, sehen wir das Licht. Die Geschichte in der Bibel wird herrlich praktisch: "Und als sie Gott geschaut hatten, aßen und tranken sie." Erst Erleuchtung, dann Picknick. So geschieht Gott-Sehen: im gemeinsamen Essen und Trinken, im Gehen, im Reden und Schweigen, in der Anstrengung des Aufstiegs, dem Genießen des Augenblicks auf dem Gipfel, wenn sich in der Höhe der Blick weitet. Und schließlich beim Abstieg ins Tal, in die Niederungen des Alltags, wo das Licht verblasst. Der andere bleibt. Blöderweise und zum Glück!
Es gilt das gesprochene Wort.
Literatur zur Sendung:
[1] Die Bibel, Lutherübersetzung (2017), Exodus 24, 9-11
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