Sehen. Gesehen werden. Genau hinschauen. Dabei kann Ärger manchmal zu Solidarität werden.
Sendetext:
Gott hat viele Namen. Einer, der mir besonders gefällt, ist eher eine Tätigkeit als ein Name. Gott heißt in einer Bibelstelle El Roi, der Gott, der sieht. Der mich sieht.
Diesen Namen bekommt Gott verliehen von einer Frau, die er aus höchster Not rettet. Die Frau ist eine Magd und war in die Wüste geflohen vor den Demütigungen ihrer Herrin. In der Wüste wäre sie sicher umgekommen, hätte Gott sie nicht gesehen. Aber Gott sieht sie und schickt einen Engel, der ihr sagt: "Geh zurück zu deiner Herrin!" Eine Zumutung. Aber gleichzeitig sagt er ihr seine Hilfe zu und seinen Segen. Bei allen Schwierigkeiten würde ihr Leben unter einem guten Stern stehen. Einen guten Ausgang finden. "Du bist ein Gott, der mich sieht." So nennt die Frau Gott am Ende der Geschichte.[1]
Menschen und ihre Situation sehen. Ihre Schwierigkeiten. Ihre Not.
Ich bin für einige Tage nicht zuhause. Als ich wiederkomme, liegt in der Post ein Abholschein für einen eingeschriebenen Brief. Er ist in einer Filiale deponiert, die ich bis zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht wahrgenommen habe. Ich mache mich auf den Weg und lande in einem trostlosen, in die Jahre gekommenen Einkaufszentrum. Erst einmal sehe ich überhaupt keine Postfiliale. Aber dann leuchtet in der hintersten Ecke eines Geschäftes dann doch ein Schild der Post.
Hinter dem Tresen stehen eine ältere Frau und ein Mann. Gerade hat ein Paketzusteller ihnen die Pakete hingestellt, die er bei seiner letzten Fuhre nicht losgeworden ist. Schon jetzt platzt alles aus den Nähten. Überall Päckchen und Pakete – kleine und große. In den Regalen, auf dem Boden. Und jetzt – noch 60 Pakete. Die beiden sind überfordert.
Zunächst bin ich so sauer über das Chaos, dass ich am liebsten eingegriffen hätte. Aber dann schaue ich mir die zwei näher an: Beide nicht jung, vermutlich sogar in Rente. Beide ganz offensichtlich auf das Geld angewiesen, das sie hier verdienen. Beide nicht für die Aufgabe ausgebildet, die sie übernommen haben. Wahrscheinlich musste eine kurze Einweisung genügen.
Und so stehen die beiden unter Druck, allein mit sich und den vielen Paketen. Derer sie nicht Herr werden. Wurschteln sich mehr schlecht als recht durch. Mit einem Mal tun sie mir leid in ihrem Bemühen, es trotzdem irgendwie hinzubekommen. Ich frage mich: Wer sieht sie? Wer sieht, dass diese Menschen überarbeitet und unterbezahlt sind und macht sich darüber Gedanken? Wer sieht eigentlich, dass dies kein guter Arbeitsplatz ist? Vielleicht könnte er gut werden, wenn jemand die Situation sieht und etwas tut.
Und dieses Sehen geht noch weiter. Diese irrsinnig vielen Pakete, die sich in dieser Filiale stapeln, haben etwas mit unserem Lebensstil zu tun. Mit meinem und dem von vielen anderen. Ich bestelle, lasse liefern. Weil es so praktisch ist. Wenn es gut geht, bin ich zuhause. Oder die Nachbarn sind so freundlich. Ansonsten landet mein Päckchen, mein Paket in einer Filiale. Stapelt sich dort mit vielen anderen.
In meiner Bequemlichkeit bin ich mir in meinem Konsumverhalten die nächste. Für mich ist das am einfachsten. Ich muss nichts schleppen. Andere hingegen schon. Sie bringen, holen, bewahren auf.
Das geht mir durch den Kopf, während ich darauf warte, dass die zwei hinterm Tresen das Einschreiben finden, das ich abholen will. Ich habe mich bemüht, zu den beiden besonders freundlich zu sein. Ich wollte ihnen zeigen, dass ich ihren Stress kleiner und nicht noch größer machen will. Denn eigentlich verstehe ich mich als einen Menschen, der sich an den Gott hält, der Menschen sieht. Und Menschen spüren lässt, dass sie genauso kostbar und wichtig sind wie die, für die sie arbeiten. Ich möchte Menschen mit den Augen Gottes sehen. So gut ich es eben kann.
Es gilt das gesprochene Wort.
Literatur zur Sendung:
[1] Die Bibel, Lutherübersetzung (2017), 1. Mose 16 (insb. V. 13)
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