Opfer von sexualisierter Gewalt brauchen keine Betroffenheitslyrik. Können Worte überhaupt etwas bewirken?
Sendetext:
Mein Beruf als Pfarrerin hat viel mit Reden zu tun. Ich schätze den Umgang mit Worten. Worte schaffen Wirklichkeit – im Guten wie im Schlechten. "Im Anfang war das Wort": So beginnt das Johannesevangelium. Um dann umgehend fortzufahren: "Und das Wort ward Fleisch." Aus dem Flüchtigen wird Bleibendes. Im Wort zeigt sich Gott, wird greifbar.
Dem Wort die Tat folgen zu lassen oder den Worten entsprechend zu handeln: Das ist mit Anstrengung verbunden. Selten geschieht das Gute von allein, nur weil davon geredet wurde. Das unterscheidet das gute Wort vielleicht vom bösen: Hässliche Worte scheinen mühelos zu hasserfüllten Taten zu werden.
Schon lange beschäftigt mich die Frage von Machtmissbrauch und Gewalt. In der Kirche und auch sonst. Ich frage mich, wie es dazu kommt, dass Menschen anderen Gewalt antun. Manchmal unbeabsichtigt, oft aber ganz bewusst: Weil sie dabei Lust empfinden und Befriedigung. Und nur selten begreifen oder billigend in Kauf nehmen, dass das Leben des anderen dabei schweren Schaden nimmt. Der sich im Grunde nicht heilen lässt. Das gilt für jede Form von Gewalt, für sexuelle Gewalt besonders.
Manche finden einen Weg, mit der erlittenen Gewalt umzugehen. Auch sie mühen sich ein Leben lang damit ab. Aber es gelingt ihnen, dem Hässlichen und Bösen das Schöne und Gute gegenüberzustellen. Die größere Kraft entfalten zu lassen.
Bei anderen ist so viel zerstört, dass sie ihr Leben nur unter Aufbietung aller Kraft überhaupt gestalten können. Manche schaffen es nicht, weil das Erlebte sie immer wieder einholt.
Deswegen macht es mich ganz krank zu sehen, wie verbreitet Gewalt in unserer Gesellschaft ist. Vor allem gegen Kinder und alte Menschen. Menschen mit Beeinträchtigungen, Frauen und Queers. Sie alle erleben Gewalt, Übergriffe, Vergewaltigungen. Es macht mich krank, dass diese Gewalt auch in Kirchen und in der Diakonie stattgefunden hat. Und sie einfach nicht aufhört.
Gut gemeinte Worte helfen hier nicht weiter. Betroffenheitsrhetorik nicht.
Was hilft, so sagen mir Menschen, die zu Opfern sexualisierter Gewalt gemacht wurden, was hilft, ist: Anerkennen, was geschehen ist. Menschen zuhören, die bei uns und durch uns Leid erfahren haben und erfahren. Ich sage bewusst "uns": Auch, wenn ich es nicht war. Auch, wenn ich es hätte nicht verhindern können. Menschen, die bei uns in Kirche und Diakonie vor langer Zeit Gewalt erfahren haben, wollen nicht erleben, dass sich die Nachfolgenden herausreden. Und die, die jetzt Gewalt erleben, wollen auch keine Ausreden hören.
Was auch hilft: Andere Strukturen schaffen. Vieles ist ohnehin gesetzlich vorgeschrieben. Aber noch immer gibt es Ecken, in denen Gewalt ziemlich lange unentdeckt bleiben kann. Aber je mehr Menschen sensibilisiert sind, je deutlicher Machtverhältnisse beschrieben werden, desto heller wird es auch in diesen Ecken.
Und schließlich hilft: Wenn Menschen, die Gewalt erfahren haben, sichtbar werden. Das können und wollen viele nicht, weil es zu schmerzhaft ist. Weil sie sich schämen für das, was ihnen angetan wurde. Das ist ja so besonders perfide: Nicht die Täter und Täterinnen schämen sich, sondern die Betroffenen. Viele machen sich unsichtbar.
Manchmal wollen Betroffene reden, um zu zeigen, was es heißt, von Gewalt betroffen zu sein. Was es mit einem Menschen und seinen Beziehungen macht. Ein Leben lang.
Darüber bin ich froh, weil das Leid damit ein konkretes Gesicht gewinnt. Meine Hoffnung ist, dass vom Sichtbar- und Gesehen-Werden eine heilsame Wirkung ausgeht. Eben weil das Verschweigen einen innerlich erstarren lässt, krank macht.
Das alles hat viel mit Reden zu tun, das zum Handeln wird. So wird das Wort, das im Anfang war, zur Tat. Es gewinnt an Gestalt. Wird Fleisch. Hat Kopf, Herz und Hand. Damit etwas besser wird.
Es gilt das gesprochene Wort.
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