Gemeinfrei via Fundus/ Hans Georg-Vorndran
Reise ohne Rückkehr
Die Tagebücher der Etty Hillesum
20.06.2026 06:35

Vor ihrem letzten Weg nach Auschwitz lag ein innerer Weg. Die jüdische Niederländerin Etty Hillesum hat durch ihre Tagebücher aus der Depression herausgefunden und zu ihrem Glauben an Gott.

Sendetext:

"Ich schlage die Bibel an einer willkürlichen Stelle auf und finde: Der Herr ist meine starke Burg. Ich sitze mitten in einem überfüllten Güterwagen auf meinem Rucksack. Vater, Mutter und Mischa sitzen einige Waggons entfernt. Die Abfahrt kam dann doch recht unerwartet. Ein plötzlicher Befehl für uns aus Den Haag. Singend haben wir dieses Lager verlassen, Vater und Mutter sind tapfer und ruhig. Wir werden drei Tage auf der Reise sein. Auf Wiedersehen von uns vieren. Etty."

Die Reise, von der hier die Rede ist, ist keine Urlaubsreise und auch keine Dienstreise. Es ist eine Deportation von Jüdinnen und Juden aus dem Lager Westerbork nach Auschwitz-Birkenau. In das Vernichtungslager. Und die Postkarte mit den wenigen Sätzen, die ich eben gelesen habe, wurde von Etty Hillesum aus dem Zug geworfen. Bauern haben sie gefunden. Ettys Eltern starben wahrscheinlich schon auf dem Transport oder sie wurden gleich nach der Ankunft in Auschwitz ermordet. Etty selbst am 30. November 1943. Sie wurde keine 40 Jahre alt. Wer diese Frau wirklich war, wurde erst Jahrzehnte später durch ihre Tagebücher bekannt.

Sie schrieb diese Tagebücher – neun einfache Hefte – in den Jahren 1941 - 1942. Da waren die Niederlande schon fast ein Jahr von der Deutschen Wehrmacht überfallen und besetzt. Im Februar 41 hatte Etty den deutschen Emigranten Julius Spier kennengelernt, einen Psychoanalytiker und Körpertherapeuten. Bei ihm machte sie eine Psychotherapie. Er wurde zu ihrem Freund und Geliebten – und gab ihr den Rat, Tagebuch zu schreiben.

Als Etty Hillesum 1942 den Aufruf in das Lager Westerbork bekam, versuchte sie, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Sie übernahm eine Aufgabe in der sozialen Arbeit mit den so genannten Aussiedlern dort. Sie widmete sich den Alten und Kranken, den Müttern und ihren Kindern. Weil sie beim Judenrat angestellt war, konnte sie noch eine Weile zwischen Amsterdam und Westerbork pendeln. Sie nahm an Spiers Beerdigung teil und lag dann einige Monate krank in Amsterdam.

In dieser Zeit hätte sie untertauchen können. Viele Freund:innen kannten sie aus ihrer Heimat in Middelburg oder aus dem Studium. Sie war eine säkulare Jüdin gewesen, keinesfalls auffällig, eine Studentin der Slawistik und Psychologie, die viele mochten. Trotzdem ging sie im Juni 43 endgültig ins Lager, wohin jetzt auch ihre Eltern und der Bruder verschleppt wurden. Am Ende des Sommers wurde sie mit dem 75. Massentransport nach Auschwitz deportiert.

Etty Hillesum trat eine Reise an, von der sie – wie die allermeisten – nie zurückkehren würde. Warum war sie nicht untergetaucht? Sie hatte genau beobachtet, was geschah. Wie sich die Judenverfolgung entwickelte, wie die Transporte abliefen. Sie hatte offene Augen und Ohren. Aber was genauso wichtig war: Sie wurde immer hellhöriger für ihre inneren Erfahrungen, für ihre spirituelle Entwicklung. So konnte sie mitten in dieser bestürzenden Zeit die Depression hinter sich lassen, unter der sie so lange gelitten hatte. Sie konnte Klarheit in ihr Leben bringen.

Sie las Rilke, Dostojewski und die Bibel. Sie entdeckte eine tiefere Dimension des Lebens. In ihren Tagebüchern spricht sie von einem Wachstumsprozess. In ihren Seelenlandschaften fand sie große, weite Flächen und das Allertiefste, das sie Gott nannte. So kam sie zum Beten. Im Gebet war sie geborgen. So sehe ich sie auf dem Weg nach Auschwitz. Sie war reisefertig. Sie hatte sich vorbereitet. Und sie liebte die Menschen.

Etty Hillesum war überzeugt: Gott braucht Menschen, um zu lieben, zu helfen. Sie blieb Gott treu und war bereit anzunehmen, was sie nicht verstand. So konnte sie freiwillig mitgehen auf diese furchtbare Reise. Die Frau, die ruhig im überfüllten Güterwagen saß, fühlte sich geschützt wie in einer Klosterzelle.

Es gilt das gesprochene Wort.

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