Manchmal muss man gehen, um zu entdecken, was man zu Hause hat.
Sendetext:
Eine alte Geschichte erzählt von drei Mönchen, die seit Jahren zufrieden in ihrem Bergkloster leben. Jeden Morgen sehen sie hinter den Bergen die Sonne aufgehen, bis sich ihr Licht über das ganze Land ergießt. Und gegen Abend können sie beobachten, wie es dunkel wird, wenn die Sonne hinter dem Haus verschwindet. Aber wohin geht das Licht in der Nacht?
Eines Tages sagen sie zueinander: "Wir haben die Welt nie gesehen. Wie können wir über Schönheit und Weisheit sprechen, wenn wir nur diesen einen Ort kennen?" Also packen sie ihre Sachen und ziehen los. Viele Jahre wandern sie durch fremde Länder. Sie stehen vor den schneebedeckten Tempeln in Tibet, laufen durch die Wüsten Arabiens, bestaunen die goldenen Paläste Indiens und die Kirschblüten Japans.
Doch je mehr die Mönche sehen, desto unruhiger werden sie. Auf ihrem Weg haben sie Kirchen und Klöster, Tempel und Moscheen gesehen. Aber auch großes Elend: Krankheiten, Hunger und Armut. Und immer wieder Menschen, die zupacken und helfen. Schließlich werden sie müde.
Nicht nur ihre Beine sind müde. Nicht nur ihre Rücken können die Lasten nicht mehr tragen. Nein, ihre Augen sind müde. Müde von all der Schönheit. Und ihre Köpfe und Herzen von den vielen Fragen. Wer ist denn nun Gott? Was macht unser Leben hell? Und was sollen wir tun, wenn es dunkel wird?
Da entdecken sie ein kleines Bergkloster, hinter dem gerade die Sonne untergeht. Der Mond steht schon über dem Dach, der Brunnen im Hof plätschert, und der Duft von Zedern hängt in der Luft. Es ist ihr Zuhause. Der älteste Mönch atmet tief und sagt: "Hier ist alles, was wir gesucht haben. Wir mussten nur gehen, um das zu sehen."
Vielen geht es wie den drei Mönchen. Sie machen sich auf, um neue Perspektiven zu gewinnen. Manche wandern den Jakobsweg entlang, wenn sie nach Antwort auf ihre Fragen suchen. Nach einer Krankheit, bei einer schweren Diagnose, am Anfang eines Lebensabschnitts. Sie pilgern nach Santiago de Compostela oder einfach ein Stück des Weges dahin. Durch Spanien, in Frankreich oder auch in Deutschland.
Für den Jakobsweg muss man nicht katholisch sein. Auch Christ:innen anderer Konfessionen, Glaubende wie Suchende machen sich auf. Pilgerwege zu einem Heiligtum, das kennen viele Religionen, von Jerusalem bis Mekka. "Religionen sind wie Glasfenster", hat der Benediktinermönch und Zen-Meister Willigis Jäger gesagt. "Wir sollten nie vergessen, dass nicht das Glasfenster das Letzte ist, sondern das Licht, das dahinter leuchtet."
Während die einen nach Santiago pilgern, gehen andere auf Kreuzfahrt. So wie früher die jungen Männer auf die große Tour geschickt wurden, wie Goethe nach Italien reiste. Sie lernen andere Landschaften und Kulturen kennen. Immer auf der Suche nach dem Licht. Sie entdecken alte Klöster in Griechenland, buddhistische Stupas in Thailand, Ikonen und Gebetsglocken – und kommen mit neuen Fragen zurück. Was wissen wir von der Welt? Was wissen wir von Gott? Wo finden wir ihn? In goldenen Tempeln, an weiten Sandstränden – oder zu Hause, wo wir zusammensitzen und ehrlich miteinander sprechen?
Nun gibt es ja nicht nur die Reisen und Pilgerwege, die wir bewusst suchen. Manche hat ihre Arbeit in andere Länder geführt, manche die Liebe. Manche sind geflohen oder wurden vertrieben. Nicht alle können dahin zurückkehren, wo sie herkamen wie die drei Mönche. Und manche wollen das gar nicht.
Aber jede Lebensreise kann zur Pilgerreise werden – unterwegs zu fremden Welten, auf der Suche nach Gott. "Die Hütten der Religion, auf die der Mensch im Zyklus des Lebens immer wieder trifft, sind… nur vorläufige Herbergen", schreibt der Zürcher Theologe Ralph Kunz. "Sie schützen, weil sie von der Hütte Gottes bei den Menschen erzählen und ihm die Gewissheit schenken: Die Reise ist noch nicht zu Ende. Aber irgendwann kommen wir nach Hause."
Es gilt das gesprochene Wort.
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