Wo bleibt die Hoffnung, wenn gerade ein Weltbild zerbricht? So ging es vielen am 11. September vor 25 Jahren. Auch heute haben Menschen in Deutschland Zukunftsangst - aus ganz unterschiedlichen Gründen.
Sendetext:
Zahlen sind nüchtern: 1,32. So sieht die aktuelle Geburtenrate in Deutschland aus. Sie sinkt, obwohl sich viele nach wie vor Kinder wünschen. (1) Wirtschaftliche Unsicherheit, Kriege, Krisen und auch die Stimmung in unserem Land haben Anteil daran, dass der Kinderwunsch oft Wunsch bleibt. Am Ende steht die ernüchternde Zahl: 1,32.
Dabei passen Zahlen gar nicht zu den Gefühlen, die sich beim Gedanken an Kinder einstellen. Genau so wenig wie das Wort Geburtenrate. Die erinnert mehr an künftige Rentenzahler und Volkswirtschaft als an den Duft eines Neugeborenen, die ersten Schritte – und klar: an durchwachte Nächte und Dauerbereitschaft.
0,32 Kinder gibt es nicht. Es gibt Kinder ganz oder gar nicht. Sie krempeln dein Leben komplett um. Egal ob leibliches Kind, adoptiert, Pflege- oder Patenkind oder Kinder aus der Nachbarschaft: Kinder sind Leben pur, Wunder, Segen, Geschenk und Riesenaufgabe: für Eltern und für eine ganze Gesellschaft.
Dieselbe Zahl: 1,3. Ein Jahr und drei Monate war meine Tochter alt, als heute vor 25 Jahren islamistische Terroristen Flugzeuge in Gebäude in New York und Washington hineinsteuerten. 11. September, 9/11, ein Datum, das weltweit das Lebensgefühl verändert hat.
Ich wollte immer Kinder haben. Bis zu dem Moment, als meine Tochter auf dem Teppich spielte, während vor mir auf dem Fernsehbildschirm Menschen aus den brennenden Twin Towers in New York in den Tod sprangen. Wenig später sackten die Türme zusammen. Mit ihnen ging auch mein bisheriges Weltbild unter: das Gefühl von Sicherheit in dieser Welt, der Glaube an das Gute und eine verheißungsvolle Zukunft. In diese Welt hatte ich mein Kind geboren!?
Das ist jetzt 25 Jahre her. Meine Tochter lebt ihr eigenes Leben: mutig-beherzt in herausfordernden Zeiten. Ich bin froh, dass sie da ist. Mit ihr kam mein Glaube an die Zukunft zurück, und ich bin sicher: Wo keine Kinder mehr geboren werden und später die eigenen Eltern und unsere Gesellschaft infrage stellen, geht das Licht aus. Kinder holen uns raus aus eingefahrenen Sichtweisen und Gewohnheiten. Sie träumen groß und wagen viel. Nicht 1,32, sondern volle Pulle Leben.
Davon erzählt die biblische Geschichte von Abraham und Sara. Die beiden sind ungewollt kinderlos. Dabei hat Gott ihnen Nachkommen versprochen, und zwar so viele wie Sterne am Himmel. Hoffnung und Zukunft satt. Mich hat in diesen Tagen nach der Wahl in Sachsen-Anhalt das Interview mit einer jungen Mutter aus Magdeburg berührt. Sie hat die AfD gewählt – wie sie selber sagt als "Zeichen an die Bundesregierung". Und sie erklärt weiter: "Ich habe Angst um meine Kinder. Wir ziehen uns immer weiter in diese Kriege rein. Das möchte ich nicht." Sie sagt das mit Tränen in der Stimme, das Baby auf dem Schoß. (2)
Ich teile ihre politische Entscheidung nicht. Aber ich kann ihre Angst nachfühlen. Die junge Mutter ist Teil einer Eltern-Kind-Gruppe. Ein Vater neben ihr ist gebürtiger Spanier, seine Frau kommt aus Estland. Er sagt: "Wir haben von Tag eins versucht, uns anzupassen und zu integrieren. Doch jetzt haben wir Angst wegen der Migrationsgeschichte."
Angst vor der Zukunft. Vielleicht ist es das, was uns gerade eint in diesem Land - bei aller Zerrissenheit. Und vielleicht ließe sich genau daran anknüpfen: Ängste offen aussprechen, einander zuhören, beieinanderbleiben – so wie die befragten Eltern da auf der Krabbeldecke bei ihren Babys. So wie die Trauernden und Traumatisierten damals in New York und Washington. Die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft nicht aufgeben. Und miteinander alles dafür tun.
Mich trägt ein Versprechen Gottes aus dem Buch des Propheten Jeremia:
"Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leidens, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung." (3)
Das sind Worte wie ein Sternenhimmel. Und Abraham und Sara bekamen ein Kind.
Es gilt das gesprochene Wort.
Literatur zur Sendung:
(1) https://www.tagesschau.de/inland/geburtenrate-gesunken-100.html
(3) Jeremia 29,11
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