epd-bild / Bernd Zöllner
Die Bernauer Straße in Berlin gilt als Brennpunkt der deutschen Teilung. Sie verlief direkt an der Sektorengrenze, heute steht dort die Kapelle der Versöhnung. Ein Pfarrer mit Ost- und West-Biografie über Zerrissenheit – und was es braucht, damit Einheit gelingt.
Zwei Seelen - ein Land
Biblische Gedanken zur Einheit
03.10.2026 07:05

Die Bernauer Straße in Berlin gilt als Brennpunkt der deutschen Teilung. Sie verlief direkt an der Sektorengrenze, heute steht dort die Kapelle der Versöhnung. Ein Pfarrer mit Ost- und West-Biografie über Zerrissenheit – und was es braucht, damit Einheit gelingt.
 

Sendetext:
 

Thomas Jeutner;
"Es gibt auch die Arroganz der Menschen, die aus dem Osten kommen, die immer sagen: Hallo, ihr überseht uns! Wir hatten es so schwer. Wir hatten weniger als nichts oder so. Also diese Larmoyanz, die ging mir auch auf den Keks, also das Herauskehren, dass wir Opfer gewesen sind. Es gibt viele Geschichten, die das belegen: wie arrogant natürlich der Westen auch wirtschaftlich in den 90er Jahren gewesen ist, die ganze Treuhand-Geschichte - also mich hat das eher demütig gemacht. Ich wollte nicht in die Ost-Schublade gesteckt werden, und ich lernte, auch die westdeutschen Frauen und Männer, auch die nicht in eine Wessi-Schublade zu stecken. Also das war mein ganz großer persönlicher Gewinn und Reichtum in diesen Jahren. Ich bin da sehr beschenkt wieder nach Hause gekommen. Die ganzen Geschichten von Kränkungen, die gab es, aber ich muss immer sehen: Was kommt unter dem Strich dabei raus? Was will ich eigentlich? Was will ich daraus machen? Was? Wie will ich mich verhalten im Beurteilen, im Bewerten von anderen?"

Thomas Jeutner ist Pfarrer an einem besonderen Ort: der Versöhnungsgemeinde im Berliner Bezirk Wedding. Sie liegt direkt an der Bernauer Straße. Berliner Mauer und der Todesstreifen teilten 28 Jahre lang Straße, Nachbarn und Gemeinde in Ost und West. Familien wurden getrennt, mindestens 140 Menschen kamen an der Berliner Mauer ums Leben. Heute erinnert hier die Gedenkstätte Berliner Mauer an ihr Schicksal und die leidvolle Geschichte der innerdeutschen Teilung. Dort wird auch die Sprengung der früheren Versöhnungskirche dokumentiert. Das Gotteshaus stand mitten im Todesstreifen und durfte von der Gemeinde nicht betreten werden. Im Januar 1985 wurde die Kirche von den DDR-Behörden gesprengt. An ihrer Stelle steht heute die Kapelle der Versöhnung. Ein kleiner Rundbau aus Lehm, gemischt mit dem Schutt der zerstörten Kirche. Das Altarkreuz konnte vor der Sprengung geborgen werden und schmückt nun den ansonsten kargen Raum. Es gibt eine Orgel – ihr Klang begleitet musikalisch durch diese Sendung. Thomas Jeutner passt zu diesem besonderen Ort, der Ost und West in eigener Weise bis heute in sich trägt: Er kennt als Pfarrer beide Seiten. Geboren in Prenzlau, studierte er später in Ost-Berlin. Es folgten berufliche Stationen in Greifswald, nach dem Fall der Berliner Mauer ging es nach Hamburg. Als Ost-Pfarrer in den Westen – direkt nach der Wiedervereinigung. Gibt es das: zwei Seelen in einer Brust – eine ost- und eine westdeutsche?        
 
Thomas Jeutner:
"Das ist eine schöne Formulierung, weil die Ambivalenz des Vorher und Nachher von dem Mauersturz darin zum Ausdruck kommt. Es gab vorher natürlich immer so ein Schauen auf den Westen: Ich konnte nicht reisen, obwohl ich das immer beantragt hatte, einen westdeutschen Freund zu besuchen, den ich bei Aktion Sühnezeichen kennengelernt hatte, was aber immer abgelehnt worden war, so dass 89 im November wirklich mein erster Schritt in einen westlichen Quadratmeter gewesen ist. Interessanterweise auch auf die Bernauer Straße: den Bürgersteig dort zuerst, wo die Mauer aufging von der Oderberger Straße, wo ich wohnte, und wo ich jetzt wieder arbeite. Das ist schon sehr seltsam! Diese beiden Seelen, die sind mit Erfahrungen verbunden, die haben mich für mein Leben geprägt."

Das war der Klang der Orgel in der Kapelle der Versöhnung – sie befindet sich mitten auf dem ehemaligen Todesstreifen der früheren innerdeutschen Grenze in Berlin an der Bernauer Straße. Der Ort erzählt von den Wunden der innerdeutschen Teilung. Er bewahrt die Namen der Mauertoten. Er bewahrt deren Biografien und öffnet Wege in die Zukunft. Wer sich der Kapelle der Versöhnung von der S-Bahn-Station Nordbahnhof nähert, wo früher das Auge nur Beton und Stacheldraht sah, der blickt heute auf eine weite Rasenfläche. Der ehemalige Todesstreifen wurde begrünt. Viele Touristen spazieren täglich hier entlang. Sie halten an den Gedenktafeln und Audiostationen und machen Selfies vor den Mauerresten. An den Häuserwänden Bilder von Flüchtenden, die damals um die Welt gingen. Gleich neben der Kapelle findet sich ein Nachbarschaftsgarten, daneben ein Roggenfeld: Zeichen, dass hier wieder Raum für Leben und Begegnung ist, wo früher Beton und Stacheldraht war. Ein hoffnungsvoller Ort. So wie der Name der bescheidenen Lehmkirche: Kapelle der Versöhnung. Doch wie versöhnt sind Ost und West tatsächlich? Wie viel Versöhnung ist in unserem Land? Nach nunmehr drei Landtagswahlen – eine davon in Berlin – zeigt sich das Land am Tag der Deutschen Einheit oft gespalten. Das spiegeln auch die Wahlergebnisse wieder. Die Gesellschaft ist zerrissen. Einen großen Anteil an dieser Zerrissenheit hat auch die deutsche Teilung – und einen an vielen Stellen nicht geglückte Wiedervereinigung. So als hätte dieses Land zwei Seelen in der Brust. 

Ich selber habe meine Kindheit und Jugend in West-Berlin verbracht. Ich bin mit der Mauer groß geworden, die die Stadt durchzog. Und wie viele Westberlinerinnen und -berliner war das ein Gefühl des Irgendwie-dazwischen: nicht DDR, nicht Westdeutschland, sondern eben West-Berlin. Eine Identität, die bis heute noch in vielen Köpfen und Herzen steckt. Doch trotz aller nach wie vor vorhandener Schwierigkeiten und Unterschiede zwischen Ost- und West-Identität halte ich fest an der Dankbarkeit, dass es die Mauer in meiner Stadt und in diesem Land nicht mehr gibt. Und suche nach Einheit. Vielleicht ist Einheit auch ein viel zu großes Wort. Annäherung träfe es wohl eher. Sehnsucht auch. Wie unter Geschwistern, die ja auch selten ein Herz und eine Seele sind, sondern oft sehr unterschiedlich - trotz gemeinsamer Herkunft.

Ein Blick in die Bibel zeigt: Streit, Hass und Enttäuschung bilden viel eher menschliche Realität ab als die Erfahrung von Einheit.    

Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain … danach gebar sie den Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an: Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. Die Bibel, Genesis 4, 1-5

"Vertragt euch endlich!" – "Geschwister müssen doch zusammenhalten!" Das sind Sätze, mit denen viele von uns groß geworden sind. Die Geschichte des ersten Geschwisterpaares der Bibel führt in das krasse Gegenteil: Sie endet tödlich. Kain schlägt seinen Bruder Abel tot. Zwei, die eigentlich so eng miteinander verbunden sind: durch gemeinsame Eltern und Herkunft. Von einem Moment zum anderen reißt das Band, das beide verbindet. Schuld daran hat eigentlich keiner der Brüder. Gott bevorzugt das Opfer Abels, das von Kain sieht er nicht einmal an. Und der fühlt sich abgewertet, weniger geschätzt, nicht genügend gesehen. Und reagiert mit Eifersucht und Hass, die umschlägt in tödliche Gewalt: in Brudermord.  

Ich spaziere heute durch die Bernauer Straße in Berlin. Eine Markierung am Boden zeigt an, wo damals die innerdeutsche Grenze verlief. Ein paar Zentimeter nur, die entschieden, ob die Menschen in Ost- oder Westberlin zuhause waren. Bewohnerinnen und Bewohner einer Stadt, die plötzlich durch eine Mauer geteilt wurde. Fenster wurden zugemauert, Häuser mussten geräumt werden, ehemalige Nachbarn und Familienangehörige durften einander nicht mehr begegnen. Ob man im Ost- oder im Westteil der Stadt wohnte, war Zufall. Menschen – ursprünglich zuhause in einer Stadt – gingen plötzlich getrennte Weg. Aus Bewohnern eines Landes wurden Klassenfeinde. Kinder, die eben noch miteinander gespielt hatten, wuchsen ab sofort in zwei unterschiedlichen Systemen und Gesellschaften auf. Der evangelische Pfarrer Thomas Jeutner erinnert sich an seine Kindheit in der Uckermark, damals Anfang der 60er Jahre.
O-Ton 3 Thomas Jeutner
Feldwege, Natur, Weiden, Himmel, also das typisch Ländliche, wenn man auf dem Dorf groß wird. Natur jenseits von irgendwelchen politischen Fragmentierungen oder Orientierungen. Einfach Kind sein: ein großer Himmel, weite Felder, noch ein bisschen das Gefühl in der Erinnerung, dass es stimmig ist. Dass die Welt noch heile ist. Obwohl gerade Prenzlau ja überhaupt nicht heile war, sondern total kaputt. Für mich ist Prenzlau wie eine Chiffre: Es ist eine sehr – wie soll ich sagen – "ostige" Stadt, auch eine Garnisonstadt, verwundet von den Kriegen, Kaiserreich, den Weltkriegen. Also das verbinde ich damit. Und diese Geschichte, die darüber hingeht. Das macht mir ein wehmütiges Gefühl.

Die Familie zog weiter von der Uckermark in die Niederlausitz, von da weiter ins heutige Sachsen-Anhalt. Thomas Jeutner wurde Bausoldat. Er studierte evangelische Theologie am Sprachenkonvikt in Ost-Berlin. Arbeitet in Greifswald. Nach dem Sturz der Mauer ging er nach Hamburg. Und erlebte dort erst einmal einen Kulturschock. Man könnte auch sagen: Die sprichwörtliche Freiheit des Westens erschien im beruflichen Kontext des östlich geprägten Pfarrers viel weniger frei als im Ostteil des Landes. 

Thomas Jeutner:
"Aber die Kirchenkultur, in der ich ja arbeite und auch sozialisiert bin, die war und und ist immer noch bis heute markant unterschiedlich, und das hat gar nicht mal so zu tun mit der Geschichte, sondern auch mit den Ressourcen, die man an Finanzen, an Gebäuden, an Mitarbeitenden noch hatte, und wie wir in den östlichen acht Landeskirchen, die es damals noch gab, gewöhnt waren, mit nichts oder von der Hand in den Mund zu arbeiten und auch sehr viel improvisiert, sehr viel auf die Beine gestellt haben. Dieses ganze intuitivere Mitmach-Kirchentum, was wir im Osten kannten, das war, was ich in Hamburg erlebt habe, doch eher administrativ eingeordnet in den Apparat Kirche: Was gehört sich, was nicht? Wie ist die Hierarchie? Das hat mich schon erschrocken, wie ich zurechtgewiesen wurde, um mich einzuordnen in den Apparat Kirche."

Wie bleiben wir beieinander – trotz unterschiedlicher Meinungen und politischer Überzeugungen, trotz unterschiedlicher Identitäten? Trotz Enttäuschungen und Verletzungen in der Vergangenheit?

Der spirituelle Ort an der Bernauer Straße gibt eine Antwort darauf. Die erste schon im Namen: Kapelle der Versöhnung. Es braucht Schritte aufeinander zu. Verständigung über verschiedene Lebenswege und Erfahrungen. Wahrnehmen und Würdigen der jeweils anderen Seite. Um nicht in die Kainsfalle zu tappen. Um Neid und Missgunst den Nährboden entziehen.

Die Kapelle ebnet Geschichte nicht einfach ein oder lässt sie verschwinden. Die Kapelle ist kleiner, bescheidener. Kein Wiederaufbau der alten gesprengten Kirche. Die Lehmwände sind rau – sie bestehen aus Schutt der ehemaligen Kirche. Narben und Verletzungen bleiben.

Damit Zukunft miteinander gelingen kann, braucht es die Fähigkeit, Fehler der Vergangenheit einzugestehen – und eines Tages seinen Frieden damit zu machen. Es braucht Großzügigkeit. Sie fügt am Ende auch eine andere zerbrochene Gemeinschaft glücklich wieder zusammen. So geschehen in einer anderen biblischen Geschwister-Geschichte. Es hat Jahre gedauert, bis Josef und seine Brüder sich miteinander versöhnen und an die gemeinsame Herkunft anknüpfen konnten. Josef, der erklärte Liebling des Vaters, wurde von den älteren Brüdern aus Eifersucht in einen Brunnen geworfen und in die Sklaverei verkauft. Er baut sich ein Leben in einem fremden Land auf. Erst die Zeit und die Not führt die Brüder wieder zusammen:

Da konnte Josef nicht länger an sich halten … und er weinte laut … und sprach zu seinen Brüdern: Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt. Und nun bekümmert euch nicht und denkt nicht, dass ich darum zürne … Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte, es gut zu machen. (Die Bibel, Genesis 45 1 ff. in Auszügen + 50, 18 ff.) 

Einheit ist die Ausnahme – ist Segen und Geschenk und immer wieder harte Arbeit. Davon erzählt die Bibel. Davon erzählt auch die Geschichte der deutschen Teilung und ihrer Spätfolgen. Einheit meint nicht Einheitsbrei, meint nicht Aufgabe oder Abwerten unterschiedlicher Erfahrungen und Lebenswelten. Einheit heißt, aufeinander zugehen trotz Enttäuschung und Entfremdung. Sich besinnen auf Verbindendes. Und immer wieder auch: über den eigenen Tellerrand hinausschauen. Und so blickt der Pfarrer der Versöhnungsgemeinde an der Bernauer Straße heute auf die Menschen in der Nachbarschaft:        

Thomas Jeutner:
"Dann merke ich natürlich auch, wie eng meine Ost-West-Brille ist oder meine Ost-West-Seele, weil ich sehe die Türken und die Kurden, also wie die alle ringen um ihre Identitäten. Ich sehe die Afrikanischen in ihren verschiedenen Facetten, die Bulgaren, die Rumänen und Esten, die arabischen Leute. Es gibt so viele tiefe Risse und Verwundungen in der Welt, die praktisch nach Berlin in unsere Stadtteile hineinreichen durch die Bevölkerung. Die sind es viel mehr wert, ernst genommen zu werden."

In wenigen Tagen wird Thomas Jeutner aus seinem Amt als Pfarrer der Versöhnungsgemeinde verabschiedet. In der Kapelle der Versöhnung, bei gutem Wetter auch draußen. Ein emotionaler Moment und ein dankbarer. Was ist sein Wunsch für die Zukunft?

Thomas Jeutner:
"Wir sind natürlich in so einem großen Umbruch seit Jahren gefühlt jetzt, deswegen wage ich gar nicht zu träumen, was ich mir wünschen soll. Ich nehme an – ziemlich gewiss – dass diese kleine Kapelle da noch da sein wird. Ich wünsche mir, dass dort weiter wie jetzt auch ehrenamtliche Leute diese Kapelle öffnen, dass die Tür nicht zu ist, dass die Tür offen sein soll. Das wäre für mich das Allerwichtigste. Und wenn da jemand ist, mit dem ich sprechen kann. Ich wiederhole mich: das Reden! Da gibt es so viele Schilder, Audioclips, Informationen. Ich werde zugeballert mit historischen Fakten. Aber wenn ich da Menschen treffe, wie das jetzt unser Auftrag als Gemeinde ist: dass wir Ost- und West-Leute haben. Dass wir nicht nur Schilder haben, sondern Menschen, die von sich erzählen, und Leute, die uns besuchen - dieses minimale Geschehen möge bleiben – das wäre toll!"

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Musik dieser Sendung:
1. Der Klang der Versöhnung, Philip Glass Opening piece from "Glassworks"
2. Nadia Boulanger, Improvisation
3. Take 14, Russisches Volkslied
4. Der Klang der Versöhnung, John Rutter - Toccata in Seven