Das Wort "Migrant" klingt, als hätte ein Mensch frei gewählt, sein Land zu verlassen. Die Realität sieht oft anders aus. Das wissen Bibel, Bertolt Brecht und Paul Gerhardt.
Emigranten
Was Menschen Heimat gibt
30.01.2026 06:35

Das Wort "Migrant" klingt, als hätte ein Mensch frei gewählt, sein Land zu verlassen. Die Realität sieht oft anders aus. Das wissen Bibel, Bertolt Brecht und Paul Gerhardt.

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Die Woche startete mit Eis: In meiner Stadt Berlin waren die Straßen spiegelglatt.  Martinshörner heulten, und es gab jede Menge Verkehrschaos. Die Straßenbahnen fuhren nicht wegen gefrorener Oberleitungen. Es ergab sich dann dies ungewohnte Bild: Menschenzüge durch die Stadt. So viel wandert Berlin selten zu Fuß. Ich auch.

Mein Weg führt an einer Gedenktafel vorbei, darauf lese ich: "In dem früher hier stehenden Haus lebte von 1930 bis zu seiner Emigration 1933 Walter Benjamin – Literaturkritiker, Essayist und Philosoph." Und dann steht da weiter auf der Gedenktafel: "Freitod an der französisch-spanischen Grenze wegen drohender Auslieferung an die Gestapo." Noch im Weitergehen stoße ich mich an dem Wort Freitod. War Walter Benjamin nicht vielmehr ein Verfolgter, ein Getriebener in den Tod wie so viele andere damals?

Auch das prägt diese Woche: Das Erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus – darunter auch diejenigen, die emigrieren konnten wie Walter Benjamin. Beraubt ihrer Heimat und Sprache, ihrer Beziehungen und ihres Besitzes. Oft sehnsüchtig und heimatlos geblieben bis ans Ende ihres Lebens.

Bertolt Brecht – selbst Emigrant – fasst diese Existenz so in einem Gedicht zusammen: "Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab: ‘Emigranten‘. Das heißt doch Auswandrer. Aber wir wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluss wählend ein anderes Land. Wanderten wir doch auch nicht ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer. Sondern wir flohen. Vertriebene sind wir, Verbannte. Und kein Heim - ein Exil soll das Land sein, das uns da aufnahm." (1)

Ich finde diese Zeilen, die Brecht im Jahr 1937 verfasst hat, bemerkenswert heute, wo das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus trifft auf aktuelle Protestmärsche durch eisige Kälte in Minneapolis. In der Stadt im Mittleren Westen der USA gehen Menschen auf die Straße, darunter auch viele Gläubige und Geistliche. Sie protestieren gegen Willkür und Gewalt durch Einsatzkräfte der US- Einwanderungsbehörde ICE. Flüchtlings-Schicksale wie das von Walter Benjamin erinnern daran: Wer auswandern muss - und fast immer geschieht das nicht freiwillig! -, muss irgendwo einwandern, muss Aufnahme finden. Nicht alle Emigranten fanden Schutz. So wie heute.

Was unfreiwilliges Exil, was Heimatlosigkeit bedeutet, klingt in diesem Lied, in einem biblischen Psalm - oft vertont und gesungen: By the rivers of Babylon – An den Wassern zu Babylon saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. (2) Ein berührendes Klagelied der Israeliten im babylonischen Exil. Ein Lied von Heimweh und Sehnsucht. Von diesem schmerzlichen Gefühl, das viele von uns in kennen in dieser Zeit und an vielen Orten der Welt.

Auch mich beschleicht es öfter: ein Gefühl von Heimatlosigkeit und Fremdheit, von Unsicherheit und mangelnder Verständigung im eigenen Land, eine Sehnsucht nach Sicherheit in unruhigen Zeiten.

Auch davon weiß die Bibel ein Lied zu singen und verspricht dabei keine Illusionen: Das Volk Gottes ist auf Wanderschaft - so wie Jesus sein ganzes Leben ein Wanderer war. Migrantin bin ich so in diesem Sinn – Wandernde und unterwegs - das ist und bleibt unsere menschliche Existenz, wie sicher sie auch scheint. "Ich bin ein Gast auf Erden und hab hier keinen Stand" dichtete Paul Gerhardt in einem Choral. Das katholische Gotteslob macht daraus noch schöner gleich eine Gemeinschaft und singt: "Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh mit mancherlei Beschwerden der ew‘gen Heimat zu."

Diese Einsicht löst nicht alle Probleme von Einwanderung und Migration. Aber sie löst ein wenig das Eis zwischen uns. Es weitet die Perspektive und vielleicht auch etwas die Herzen: das Bewusstsein, dass wir alle beheimatet sein wollen. Und immer darauf angewiesen bleiben, dass Menschen uns bei sich ankommen lassen.

Es gilt das gesprochene Wort.

Literatur dieser Sendung:

(1) Bertolt Brecht, Über die Bezeichnung Emigranten: Die Gedichte, Hrsg. Jan Knopf, Suhrkamp Frankfurt am Main 2007

(2) Psalm 137

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