Die Nachrichten am Morgen sind oft schwer zu verkraften. Trotzdem will unsere Autorin wissen, was die Welt bewegt. Sie bittet um Berührbarkeit und Gelassenheit in diesen Zeiten.
Sendung lesen:
Morgens beim Frühstück muss ich mich oft erst einmal an der Tischkante festhalten: Ich gehöre - so wie alle, die Deutschlandfunk einschalten - zu den Menschen, die den Tag mit Nachrichten beginnen - noch während der Kaffee durchläuft. Dann stehe ich barfuß im Pyjama gedanklich bereits an der Grenze zu Venezuela und mit einem Fuß auf Grönland und an der Grenze zum Iran. Ich sehe meine Stadt Berlin stromlos in Kälte und Dunkelheit, sitze ungewaschen in einer Vorlesung zum Thema Völkerrecht und bin Teilnehmerin an einer Übung zum Brandschutz.
Auf mich prasseln dann Worte ein wie Feuer- und Eisregen: Flashover, Stromausfall, Angriffe, Übergriffe, kritische Infrastruktur… Das Meiste, was ich höre, ist erschreckend, traurig und verstörend. Und trotzdem bleibt das Radio an, denn es gehört zu meinem Start in den Tag.
Ich möchte durchlässig bleiben für das, was an anderen Orten los ist, jenseits meiner warmen Kaffee-Küchen-Pyjamawelt. Ich will wissen, was die Welt bewegt, auch wenn das die eigenen Energiereserven anzapft und mir der Mut sinkt. Ich möchte berührbar bleiben.
Barmherzigkeit nennt das die Bibel: die Fähigkeit, nicht achtlos vorüberzugehen an Not, die andere trifft. Das sagt sich leicht, und ich frage mich, ob Jesus wohl heute noch sein Gleichnis vom Barmherzigen Samariter so erzählen würde. Denn die Welt damals war noch eine andere, kleiner, überschaubar. Wobei: Erschütternde Nachrichten gab es schon damals – nur weniger.
Ganz sicher würde der Samariter im Jahr 2026 noch dem ersten Notleidenden helfen. Spätestens aber beim dritten würde er vielleicht wegschauen. Er würde diesen ganz besonderen Blick aufsetzen, den Menschen in meiner Stadt sich antrainieren, damit sie nicht wahnsinnig werden auf dem täglichen Weg vorbei an den vielen Notleidenden, verirrten und verzweifelten Seelen.
Der unberührbare Blick geht so – ich beherrsche ihn selber gut: Die Augen gehen schräg am anderen vorbei oder aus dem Fenster oder durch die andere hindurch. Sich schlafend stellen oder furchtbar in Eile geht auch. Oder eben Nachrichten ignorieren.
Jesus hätte wohl ein Einsehen. Er selber zog sich manchmal zurück, wenn ihm alles zu viel wurde. Er konnte Menschen sogar abweisen. Doch diese Unberührbarkeit wurde bei Jesus nie zur Lebenshaltung, sie blieb immer die Ausnahme. "Seid wachsam" – Worte aus seinem Mund, die die Bibel oft zitiert. Kein Rückzug ins Private, kein dauerhaftes Abschalten oder Ausblenden, nein: Hinhören, Hinsehen, Ansprechen, Hingehen – oft genug sogar Anfassen, Berühren, Sich-berühren-Lassen.
Damit das gut geht in diesen Zeiten, brauche ich Hilfe. Ich bitte darum an diesem Montagmorgen, wo Nachrichten doppelt hart auf Wochenendgefühl prallen. Um Durchlässigkeit bitte ich an diesem Morgen mit meinem Gebet:
Gott, gib mir die Gabe, gelassen zu bleiben und weiter auf Empfang.
Ich will die Augen nicht zumachen, meine Ohren nicht zustöpseln, meine Hände nicht in den Schoß legen. Realität ausblenden ist keine Option.
Aber ich will mich beschränken – nicht immer online, nicht immer durchlässig für alles und alle. Manchmal lass mich bitte nur bei mir sein!
Schenk mir die Gabe der Unaufgeregtheit im Chaos. Dämpfe meine Empörung und Besserwisserei. Stärke die Erkenntnis, dass auch ich nicht auf alles eine Antwort habe und erst recht nicht von allem eine Ahnung.
Die Wut auf andere kehre um ins Gebet, denn Fürbitte und gute Gedanken kann jeder brauchen. Sie wirken mehr als Hass und Zorn, der mir selbst mehr schadet als nützt.
Inmitten schlechter Nachrichten zeig mir, was ich habe, was Glück ist und Schönheit und Gnade in meinem Leben, was Segen ist in dieser Welt.
Stärk in mir die Liebe und die Gabe, sie zu empfangen.
Stärk meine Hände, meine Gedanken, mein Hoffen.
Schenk Lebensenergie an diesem Morgen.
Lass mich präsent sein:
Was immer dein Reich baut auf Erden,
heute bin ich dabei.
Es gilt das gesprochene Wort.
Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage!