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An Thanksgiving, dem amerikanischen Erntedankfest, veranstaltet das Kaufhaus Macy’s in New York eine legendäre Parade. Nur Show und Shopping? Unser Autor findet: Dahinter steckt eine urmenschliche, religiöse Sehnsucht.
Macy’s Thanksgiving Day Parade
Wie die kommerzielle Welt Erntedank feiert
01.11.2026 07:05

An Thanksgiving, dem amerikanischen Erntedankfest, veranstaltet das Kaufhaus Macy’s in New York eine legendäre Parade. Nur Show und Shopping? Unser Autor findet: Dahinter steckt eine urmenschliche, religiöse Sehnsucht.
 

Sendetext:

Das Universum macht Magisches möglich. Das sagt Abby, eine High School-Schülerin. Über ihr lässt eine Konfettikanone bunte Papierschnipsel herabrieseln. Auf einem Banner steht groß: "Ihr fahrt zur Macy’s Thanksgiving Day Parade!" Das ist Magie, da ist sich Abby ganz sicher. Abby spielt in einer Paradeband, einer sogenannten Marching Band. Ein Vertreter des New Yorker Einkaufszentrums Macy’s ist zu ihr in die Schule gekommen und hat ihre Band ausgewählt. Hunderte Marschkapellen hatten Bewerbungs-Aufnahmen gesendet. Alle sechsundneunzig Musikerinnen aus Westvale Missouri, mit den Kappellenleiterinnen, den assistierenden Leitern, den Betreuerinnen, den Instrumenten, Flaggen und Uniformen haben ein gemeinsames Ziel: New York City für das bekannteste Paraden-, Marschier- und Prozessions-Event des Landes: die Macy’s Thanksgiving Day Parade. 

Abby sagt von sich selbst, dass sie cheesy ist, also kitschig drauf ist. Schnulzig, ist vielleicht ein anderes deutsches Wort. Und die große Thanksgiving-Parade, die ist das auch. Cheesy, schnulzig, aber eben auch verzaubernd und erhebend.
Abby glaubt an das Universum. Dass man manchmal an der richtigen Stelle zum richtigen Zeitpunkt ist, mit der richtigen Person und dass dann tatsächlich magische Dinge passieren können. 

Abby ist die Hauptperson im Roman "This Day Can Change Anything" von Edward Underhill. Dieser Tag kann alles ändern, heißt es auf Deutsch.

Auf der Parade soll sich Abbys Leben ändern. Auf der Parade will sie ihrer großen Liebe, auch eine Musikantin in ihrer Parade, sagen, wie sie fühlt. Wenn das Universum sie nach New York schickt, dann wird es sie auch unterstützen. Der Zauber des Momentes, in der großen Stadt, mit endlos Konfetti und Musik und Farben – ihre Energie, die geben Abby den Mut, das Risiko einzugehen und zu sagen: Ich liebe dich!

Dieses Jahr, in drei Wochen, nämlich am 26. November wird die einhundertste Thanksgiving Day Parade stattfinden. Bestimmt wird sie es wieder auch in die deutschen Nachrichten schaffen. Diese magische Parade wird Abby besuchen dürfen.

Seit 1924 hat sich die Macy’s Thanksgiving Day Parade zu einem weltberühmten Ereignis entwickelt. Im Krieg wurde sie zweimal ausgesetzt, deswegen kommen wir erst dieses Jahr auf 100. Ein TV-Großereignis. Sie erreicht Millionen von Menschen. Die ikonischen riesigen Ballons, die festlich geschmückten Wagen und Konfetti, Marching Bands und viele weitere Attraktionen sorgen für diesen besonderen Moment des Feierns und des Zusammenkommens. Es ist die moderne Inszenierung von Erntedank, von Dankbarkeit für eine gute Ernte.

Die Macy’s Thanksgiving-Parade und ihre Magie bemühen sich dabei um eine religionsübergreifende, eine zivilreligiöse Ausrichtung. Das ursprünglich religiöse, puritanisch geprägte Fest der Fürsorge und Ernte soll für alle Menschen da sein. Die Parade ist fester Bestandteil von der Jahreszeit, die in den USA diffus als "the season" bezeichnet wird, also den Zeitraum von Halloween und Thanksgiving bis Weihnachten.

Vor über 100 Jahren ging es los. Am Morgen des 27. November 1924 versammelte sich eine Gruppe von Mitarbeitenden des Kaufhauses Macy’s an der 145th Street in Harlem. Es sind vor allem Migranten und Migrantinnen aus Osteuropa, viele jüdischen Glaubens, die mit der Parade anfangen. In Kostümen gekleidet und begleitet von Tieren aus dem Central Park Zoo marschierten sie bis zum Macy’s-Kaufhaus an der 34th Street. Dort begrüßten sie den Weihnachtsmann und enthüllten die festlich dekorierten Schaufenster. Die Veranstaltung war ein so großer Erfolg, dass sie zu einer jährlichen Tradition wurde.

102 Jahre später ist es für Abby im Roman von Edward Underhill so weit. Die Magie baut sich auf. Ihre Band ist kurz vorm Losmarschieren. Irgendwo weiter unten in der Straße heult eine Sirene auf, und ein gewaltiger Jubel bricht los, hallt von den Wolkenkratzern wider und trägt bis Abbys Band zurück. Es ist der lauteste Jubel, den Abby je gehört hat – sogar lauter, als die Menge gejubelt hat, als sie im vergangenen Frühjahr bei den Regionalmeisterschaften angetreten sind. Wie eine Welle zieht der Jubel die Straße hinauf. Immer mehr Leute begreifen: Jetzt geht‘s los! Die Parade beginnt. Auch die Menschen entlang der Gehwege fangen an zu jubeln.

Abby und ihre Band marschieren mit ihren violett-weißen Uniformen die Sixth Avenue hinunter, mit weißen Federbüschen auf ihren Parade-Hüten, umgeben von riesigen Ballons und prächtig geschmückten Festwagen voller Broadway-Stars. Sie spielen ein Medley aus jazzig aufgepeppten Weihnachtsliedern, während das Tanzteam vor den unzähligen Kameras rot-grüne Fahnen schwenkt.

Die Menschenmenge nimmt kein Ende. Noch mehr Leute in Kostümen. Noch mehr Menschen, die mit den Seilen der riesigen, schwer zu bändigenden Ballons kämpfen, die über ihren Köpfen schweben – so gewaltig, dass sie hausgroße Schatten auf die Straße werfen. Noch mehr Leute in Leucht-Westen mit Funkgeräten. Noch mehr Menschen, die von Festwagen herunterklettern, die wie Lebkuchenhäuser aussehen. Abbie sagt: Das ist Magie. 

Warum schauen Menschen bei dieser Parade nach oben? Und hat dieses Staunen etwas mit Religion zu tun?

Und warum ausgerechnet Snoopy? Warum der Beagle-Hund aus dem bekannten Peanuts-Cartoon, der Alltagsphilosoph, der sich vor Problemen in seine Fantasie rettet? Snoopy hat die meisten Auftritte bei dem New Yorker Feiertagsspektakel. Er hält den Rekord. Ausgerechnet Snoopy ist für Menschen in den Vereinigten Staaten das Startsignal für eine Zeit, die zumindest von dem traditionell jüdisch geführten Kaufhaus Macy’s seasonal celebration genannt wird, also vage so etwas wie Feiertage statt Weihnachtszeit. 

Snoopy ist die Figur, über die man sich am wenigsten streiten kann. Zum Schluss der Parade kommt aber eine traditionellere, ursprünglich christliche Figur: Santa Claus, der Weihnachtsmann und seine Frau beenden wie schon 1924 die Parade und läuten offiziell "the season" ein, also die vor allem kommerziell verstandene Vorweihnachtszeit mit der Veränderung der Lädenflächen und Dekorationen. 

Auch in Deutschland erlebe ich solche Momente, die im öffentlichen Raum den Wechsel der Saison markieren. Aber sie sind nicht zentral, nicht landesweit. Irgendwie fehlt mir so etwas, um eine angeblich gespaltene Gesellschaft zusammenzubringen. In vielen Städten werden adventliche Straßenbeleuchtungen oder die ersten Weihnachtsbäume mit großen Hebeln oder Knöpfen feierlich-rituell angeschaltet. Politik, Einzelhandel und die Kirchen sind mit dabei. In Berlin wurde zum Beispiel der Weihnachtsbaum am Brandenburger Tor feierlich angeschaltet – mit Konzert und im Fernsehen übertragen. Die Stadt hat dafür mit einem großen Energiekonzern kooperiert.  

Im Roman von Edward Underhill geht es für Abby jetzt los mit Macy’s Thanksgiving Day Parade. Und ich will in dieser Sendung mit Ihnen der Magie nachgehen dieser "season", der Jahreszeit, in der das Sonnenlicht abnimmt und die Menschen umso mehr das Licht in der Dunkelheit inszenieren, in den USA mit großen Paraden, in Deutschland auf andere Weise.

In New York bei Macy’s Thanksgiving Day Parade am 26. November kommt am Anfang Snoopy als übermenschengroßer Ballon, der über den Köpfen der Leute schwebt. Am Ende kommt Santa Claus, der Weihnachtsmann. Auf seinem Sack steht "Merry Christmas" – obwohl noch über einen Monat Zeit ist bis Heiligabend. 

Snoopy und der Weihnachtsmann haben bei der Parade magische Eigenschaften. Ich staune und finde faszinierend, wie ursprünglich christlich-religiöse Inhalte – die Geburt von Jesus Christus – in die Welt der großen Kaufhäuser abgewandert sind. 

Der philosophische Hund Snoopy und Santa Claus sind Figuren, die für das Gute stehen. Sie erzählen von einem guten Leben und einer guten Zukunft. Und das ist nicht daran gebunden, ob jemand Christ ist oder nicht, eine Religion hat oder keine. Ich behaupte: Die Ballon-Figuren bei der Parade sind inklusive und religionsübergreifende Akte. 

Zwischen Snoopy am Anfang und Santa Claus zum Schluss paradieren noch mehr Figuren: Buzz Lightyear aus dem Film Toy Story, der Anime-Charakter Goku, Mario aus den Nintendo-Spielen, Pikachu von Pokemon, Micky Maus, Spider Man und Spongebob. Ein Pantheon der Kinderfiguren. Die stehen für die Hoffnung und das Vertrauen der Populärkultur und der Kinderkultur. 

Jesus kannte keine Ballons. Klar. Die gab es zu seiner Zeit noch nicht. Ich bin mir aber sicher, Jesus hätte etwas über Luftballons und die Figuren aus der Kinderwelt zu sagen gehabt. Er hat die Kinder und ihre Welt in den Mittelpunkt gestellt und gesagt: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, versteht ihr wenig vom Himmel." Wenn Christ:innen über Gottes Idee für die Welt nachdenken, sollen sie sich in die Welt der Kinder hineinversetzen.

Ich gehe wieder zu Abby, der Hauptperson im Roman von Edward Underhill, "This Day Can Change Anything". Dieser Tag kann alles ändern. Abby ist Mitglied in einer Marching Band bei der Thanksgiving Parade in New York. Abby hat keinen religiösen Hintergrund. Sie hat eine eher allgemeine, spirituelle Vorstellung vom Universum als eine gute Kraft, die es gut mit ihr meint. Sie redet von Magie, wenn sie die Thanksgiving Parade beschreibt. Magie ist so etwas wie eine besondere Atmosphäre, das Spüren von mehr Energie, als da sein dürfte. Magisch sind für Abby das Gewusel bei der Parade, die bunten Farben und die Wellen von Staunen und Applaus. 

Der Name Abby ist die Kurzform von Abigail. Das ist Hebräisch für: "Mein Gott ist Freude" oder "Mein Vater ist Freude". Ich weiß nicht, ob der Autor Edward Underhill das bei der Benennung seiner Hauptperson mitgedacht hat. In der hebräischen Bibel ist Abigail, oder Englisch Abigail, der Name einer Prophetin, einer der Frauen von König David (1. Samuel 25). 

Vermutlich war später auch eine Abigail dabei, als Jesus durch die Dörfer und Städte zog und große Scharen von Menschen angezogen hat. So wie das Neue Testament davon erzählt, hatte das Auftreten von Jesus auch eine Art von Magie. Jesus hatte keine Riesen-Ballons. Aber auch bei seinem Zug in die Stadt gab es Show-Effekte: Die Leute nahmen große Palmzweige, um ihm zuzujubeln. Oder Jesus setzte sich auf einen Berg, damit er für die vielen Menschen gut sichtbar und hörbar war, die gekommen sind, um seine berühmteste Rede zu hören: die Bergpredigt. 

Bei Macy’s Thanksgiving Day Parade in New York schauen viele Leute nach oben und staunen, welche Ballon-Figuren an ihnen vorbeigeschwebt kommen. In seiner Bergpredigt lenkt Jesus den Blick der bunten Menschenmenge ebenfalls nach oben. Er sagt: 

"Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr dann nicht viel kostbarer als sie?" (Matthäus 6,26)

Das ist eine andere Schwebegeschichte. Für mich ein Verstehens-Schlüssel für Macy‘s Thanksgiving Day Parade, so kommerziell sie auch ist. Die Vögel in Jesu Worten sind das Wunder. Sie fordern zum Staunen auf. Zum Staunen, aus dem Vertrauen entstehen kann und Hoffnung. Ich finde, etwas von diesem Schweben zwischen Himmel und Erde bildet auch die Thanksgiving Parade ab. Sie lässt nach oben schauen und staunen. 

Ich vermute, Jesus hätte auch etwas über Luftballons gesagt, über ihre Schwerelosigkeit, besonders, wenn sie 20 Meter Durchmesser haben und groß über den Köpfen der Menschen schweben. Sie werfen in der Novembersonne übermenschlich große Schatten. 

Sie sind quietsch-bunt und gleichzeitig erhaben. Und es begleitet sie die Sehnsucht: Das Schwere leicht nehmen können. Über den Sachen stehen, Weite erfahren. Das Leben an trüben Tagen mit Farbe füllen. Wenn vieles sinnlos erscheint, einen Spruch wie Snoopy parat haben, der einen zumindest lächeln lässt. Oder jemanden, der einen kräftig in den Arm nimmt und Wünsche wahr werden lässt, so wie Santa Claus. Diese Sehnsucht ist urmenschlich, und sie kommt in vielen Religionen vor. Etwas, das meinen Blick zum Himmel richtet. Das erhebt das Herz und macht es leichter. Im besten Fall lässt der Blick zum Himmel spüren: Das Leben ist kostbar. Ich bin kostbar. 

"Seht die Vögel unter dem Himmel." Für Jesus waren es die Vögel. Und meine These ist: Für die breite Gesellschaft an Thanksgiving übernehmen die Festballons dieselbe Aufgabe.

Snoopy, Pikachu, Micky Mouse, Santa Claus. So riesige Charaktere schweben sonst ja nicht. Wir kennen sie aus Comics, Büchern und von Bildschirmen. Und nun haben sie die Wirkung von schwebenden Riesen, beinahe Göttern. Was so schwerelos aussieht, ist für das Team, das einen Ballon bei der Parade hält, extrem anstrengend. Dutzende Menschen lenken und bewegen die Ballons mit starken Seilen. Beinahe unbändig, aber doch schwerelos.

Bis 1932 ließ Macy’s die Ballons einfach losfliegen. Damals, 1932, versuchte eine junge Pilotin, einen achtzehn Meter langen Katzenballon einzufangen. Er wickelte sich um einen Flügel und das Flugzeug kam ins Trudeln, konnte aber wieder unter Kontrolle gebracht werden. 

Vielleicht fasziniert auch diese Verletzlichkeit: Die Majestät eines kleinen Vogels, die Erhabenheit eines gigantischen Ballons. Beide sind verletzlich und vergänglich. Der Vogel unterm Himmel sucht Futter und Schutz. Ein kleiner Riss genügt, und der Ballon fällt in sich zusammen. Aber sie kommen schwebend leicht vorbei: von außen getragen, von innen beatmet, umgeben von guter Kraft, ohne Angst und Sorgen.

Freude und Staunen über das, was über uns hinausgeht, das sind religiöse Erfahrungen. Die Welt ist nicht nur funktional und mechanisch und vorhersehbar, sondern ein Fest, eine Welle von Menschen, und ihre Energie kann Verwunderung und Freude auslösen, die unter die Haut gehen.

Eine Ahnung davon, wie das sein könnte "somewhere over the rainbow", irgendwo hinter dem Regenbogen, das erhoffe ich mir von den Bildern und Videos, wenn am 26. November Macy’s Thanksgiving Day Parade zum 100. Mal in New York stattfindet. In meinen Augen passiert dabei mehr als nur Show und Kommerz. Die riesigen Ballons auf der Parade erzählen davon, was das Leben zum Schweben bringt. Sie schenken Momente, in denen Sorgen und Angst mal Pause haben. Im Mittelpunkt steht, was das Leben farbenfroh macht, wofür man dankbar sein kann und was Menschen miteinander verbindet. Es ist Magie, wenn eine Gesellschaft zusammenkommt, zusammenfindet und Differenzen vergessen werden für ein gemeinsames Fest mit religiösen Spuren.

Snoopy, der philosophierende Hund von Charlie Brown, würde vielleicht sagen: Das Beste an der Thanksgiving Parade sind nicht die Ballons, sondern der Mensch neben dir. Und Jesus hat gesagt: "Seht die Vögel unter dem Himmel. Seid ihr denn nicht viel kostbarer?" Das lohnt sich zu feiern!

Es gilt das gesprochene Wort.

Musik dieser Sendung:
1. U2, Beautiful Day
2. Van Morrison, Into the Mystic
3. Norman Greenbaum, Spirit in the Sky
4. Judy Garland, Somewhere Over the Rainbow
5. Elgar, Pomp and Circumstance March No 1 in D major, 'Land of Hope and Glory'