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Großmama Gott
Umarmt in den Krisen des Lebens
13.09.2026 07:05

Unsere Autorin hat lange nach einem Namen für Gott gesucht, bei dem sie sich geborgen fühlt. "Vater" oder "Herr" war ihr zu einseitig, "Quelle des Lebens" zu abstrakt. Schließlich hat sie ihren Namen für Gott gefunden.

Sendetext:

Wenn ich mir die Welt anschaue – unser Land, meine Stadt und die Nachbarschaft… wie sie sich in diesem Sommer gezeigt hat und auf den Herbst zugeht –, dann stellen sich so viele Fragen zu dieser Gegenwart und unserer Zukunft.

Wenn ich manchmal nachts wachliege und über die Entscheidungen meines Lebens nachdenke – die großen und vor allem die vielen kleinen –, dann kommt Unruhe in mir auf, die sich schwer wieder einfangen lässt.

Wenn das Leben lauter Fragen aufwirft oder völlig verrücktspielt, dann brauche ich etwas, das mich wieder Ruhe finden lässt und mir Boden unter die Füße bringt. Wenn die Welt aus den Fugen ist, dann suche ich nach Halt. Sehne mich nach dem Gefühl, getröstet zu sein. 

Als Christin liegt es für mich nahe, in der christlichen Tradition danach zu suchen. Doch ich merke, wie manche Elemente dieser Tradition mir wenig weiterhelfen. Darum suche ich: Welche Worte, Gedanken, Zeichen oder Rituale stärken mich? Was macht mir Mut? Und wenn ich glaube, dass Gott die Quelle für neuen Mut ist, wie stelle ich mir Gott vor? Welche Bilder gibt es von Gott, die positiv auf mich wirken? 

Wie stelle ich mir Gott vor – und wie wirkt sich diese Vorstellung aus in meinem Leben? Ich habe Jahre zugebracht mit dieser Frage: habe sie studiert, die Lehre von Gott, Theologie – und werde doch nicht fertig damit. Es ist keine Frage zum Fertigwerden, sondern eine, die mein Leben begleitet.

Gott, der Herr, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist – das ist die Vorstellung, die sich im Christentum durchgesetzt hat. Drei göttliche Personen – zugleich eine einzige Gottheit. Ich bin während meiner Kindheit und Jugend nahezu jeden Sonntag in die Kirche gegangen. Die Gottesdienste wurden im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes gefeiert. Mit dieser Selbstverständlichkeit bin ich großgeworden. 

Im Studium dann haben wir uns irgendwann in einem Pausengespräch ehrlich und offen gegenseitig gefragt: Zu wem betest du eigentlich? Die Antworten fielen meist klar und deutlich aus: Wer regelmäßig betete, wusste genau, an wen er oder sie sich richtete, wen sie im Kopf hatten als Gegenüber.

Der eine meinte: Jesus natürlich – und wusste dies klar für sich zu begründen. Für mich war Jesus eine historische Person und eine, über die ich viele Geschichten kannte. Eine Beziehung spürte ich nicht wirklich. So konnte ich mich auch im Gebet nicht an Jesus richten.

Jemand anders sagte voll Überzeugung: Natürlich bete ich zu Gottvater. Auch der wirkte für mich irgendwie fern. Das Vaterunser war und ist mir nah und wichtig. Aber wenn ich mit meinen eigenen Worten bete, dann spreche ich Gott nicht mit Vater an. 

Der Vater, der Sohn – sie verkörpern für manche eine große Klarheit. Sie geben an, wo es langgeht, was richtig ist. Vielleicht ist es genau das, was mir fremd ist. In dem, was mir im Leben begegnet, was hilft mir da ein Gegenüber, das ich mit Worten und Namen anspreche, die angeblich genau richtig sind? Diese Behauptung, es gebe den einen richtigen Weg, die richtige Entscheidung, die eine Wahrheit – vielleicht ist es das, was mir fern und lebensfremd erscheint. An ein Gegenüber, das Richtigkeiten verkörpert, kann ich mich nicht wenden, wenn alles in Frage steht.

Lange erschien mir die göttliche Person des Heiligen Geistes am nächsten. Auf Hebräisch und in der jüdischen Tradition heißt Gottes Geist die Ruach. Ursprünglich bedeutet Ruach "bewegte Luft". Gottes Geistkraft ist wie Luft: überall, aber nicht zu greifen. Unsichtbar, aber sie bewegt sich doch. Von dem hebräischen Wort für Geist und der jüdischen Tradition haben sich christliche Theologinnen und Theologen inspirieren lassen. In der christlich-feministischen Tradition wird Gottes Geist als Heilige Geistkraft bezeichnet. Darin verbirgt sich ein weibliches Element Gottes. Dass Gott als Heiliger Geist so unfassbar erscheint – das empfand ich lange als angemessen. Dahin konnte ich mich richten, zu diesem Geist konnte ich beten.

Ruach. Bewegte Luft – das hebräische Wort für Gottes Geist. Das Gebet zur Ruach, zur Heiligen Geistkraft war lange mein Weg, wie ich zu Gott bete, wie ich Gott anspreche. Doch über die Jahre habe ich auch hier angefangen, eine Art Leere zu empfinden. Heiliger Geist, heilige Geistkraft – das bleibt ziemlich abstrakt. Es ist eine göttliche Person ohne Gesicht, irgendwie körperlos. Wenn ich mich einsam fühle und mich innerlich nach einer tröstenden Umarmung durch die Gottheit sehne, hilft mir das Gebet zur Geistkraft wenig.

Und dann eines Tages… haben wir G‘tt gefunden, meine Therapeutin und ich. Es war an einem Freitagnachmittag, der zuerst bewölkt war und dann auf dem Heimweg sehr sonnig wurde und warm.

In dem Moment, als ich G’tt endlich fand und erkannte, wurde mir erst so richtig bewusst, wie lange ich gesucht und gesucht hatte, geforscht und gefragt und gegrübelt und erklärt – immer mit dem Kopf. 

Und tatsächlich war ich G‘tt dabei ja auch immer nähergekommen. G’ttes verlässlich sprudelnde Kraft spürte ich hin und wieder, wenn ich von ihr sprach als der Quelle des Lebens. Manchmal ging mir das Herz auf, wenn wir sangen von Gottes Heiligem Geist, der Verständigung schenkt und Versöhnung. Natürlich berührten mich auch Geschichten über die Begegnungen, die Menschen mit Jesus erlebt haben. Da ist im griechischen Originaltext von "dynamis" die Rede, von der Kraft, mit der Jesus gewirkt hat. Eine Kraft so stark, dass sie Menschen lebendig macht, böse Geister vertreibt und Stürme stillt. 

Trotzdem blieb mein Reden von Gott, auch mein Beten zur Quelle des Lebens, abstrakt und kopfig. So hielt ich Gott auf Abstand, weit weg von den Gefühlen, die mich manchmal wegfegten. Hin und wieder habe ich mich dann gefragt, warum ich in diesen starken Gefühlen keinerlei Halt finden konnte in Gott. Ich bin doch in einer so treu kirchlichen Familie groß geworden. Das müsste sich doch in mir verankert haben und mir helfen, wenn ich innere Hilfe brauche. 
Aber kein Bild, das ich von Gott kannte, hat mich in diesen Momenten erreicht. Herr und Vater und König und "Ein feste Burg ist unser Gott", irgendwie gab nichts davon den Halt und die Geborgenheit, die ich brauchte. Dabei habe ich mich danach gesehnt und es so doll vermisst in diesen Zeiten, in denen alles sich aussichtslos und haltlos anfühlte. Verletzungen beherrschten mich wie eine erdrückende Last, die einen unter den Boden zieht, in den tiefsten und dunkelsten Keller.

Kein einziges Gottesbild, das ich kannte, konnte mich in diesem Keller wirklich erreichen oder überzeugen oder halten.

Ich kenne Zeiten von innerer Verzweiflung und heftigen Gefühlen. Darum habe ich professionelle therapeutische Hilfe gesucht. Ich kann das nur empfehlen. Es hilft, sich nicht zu verbarrikadieren, sondern mit einem verständigen, einfühlsamen Gegenüber darüber zu sprechen. 

Eine meiner Anlaufstellen war die Traumatherapie. Sie ist nicht die erste Therapie, die ich gemacht habe. Es gab in der Arbeit mit meinen Therapeutinnen verschiedene Phasen. Mal war die Therapie mehr zur Stabilisierung da, mal zum Aufspüren und Aufarbeiten. Nach und nach konnte ich weiter wachsen, konnte einiges heilen. 

So ganz genau habe ich bis heute nicht herausgefunden, worin genau das Trauma besteht. Ich glaube, es gibt nicht den einen Moment, der etwas kaputt gemacht hat. Es ist eher eine Ansammlung von Momenten. Es hat etwas mit Ohnmacht und Einsamkeit zu tun – und ich glaube, nicht nur mit meiner eigenen. 

Es wird etwas Intergenerationales sein. Etwas, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Schon vor mir waren Menschen in meiner Familie davon betroffen, haben ähnlich gefühlt. Ich habe nicht alles selbst erlebt, was diese Gefühle erklärt. Vieles davon habe ich geerbt. Und auch ich werde Teile davon weitergegeben haben, hoffentlich in wieder deutlich abgeschwächter Form gegenüber dem, was ich mitbekommen habe, und erst recht gegenüber dem, was die vor mir erlebt haben. Und hoffentlich gebe ich auch weiter, dass man dem nicht ausgeliefert sein muss. Dass man sich Hilfe suchen und Unterstützung finden kann. 

Meine Suche nach den Ursachen der Verzweiflung hat nichts Konkreteres ergeben als den Kummer, der keinen Trost findet. Den Kummer, der Trost sucht bei Menschen, die deinen Kummer gar nicht (aus-)halten können. Weil der eigene viel zu groß ist. Die Traurigkeit darüber war so stark, dass etwas in mir in mancher Zeit untröstlich blieb. 

Ich habe früh die Erfahrung gemacht, dass der angebotene Trost nicht hält, was er verspricht. Daher wohl rührt mein ständiger Verdacht gegenüber Trostversuchen und Gottesbildern, die mir oft zu schnell und mit zu wenig Tiefe um die Ecke kommen. Ich durchschaue immer schnell, ob jemand mit leeren Worten und Bildern versucht, gegen Verzweiflung anzupredigen, ohne die Verzweiflung wirklich ernst zu nehmen.

Da fand ich schon tröstlicher, wenn sich Leute trauten, ehrlich die Verzweiflung zu beschreiben und ich ihnen ihre Sehnsucht abnehmen konnte nach Trost, der angemessen ist, der nicht vertröstet, sondern etwas gibt, das hier und jetzt hilft. Wenn schon nicht getröstet und gehalten, dann zumindest das Gefühl: Du bist in der Verzweiflung nicht alleine. Es gibt andere an deiner Seite, die wissen, wovon du redest, und ahnen, wovon du schweigst.

Gott war in solchen Situationen nicht Trost, aber zumindest eine Richtung, in die ich aus der Verzweiflung und Verlassenheit herausschreien, schweigen, sehnen und singen konnte. Ich hielt mich an die berühmte Frage aus dem jüdischen Psalm, von dem erzählt wird, dass Jesus ihn in größter Verzweiflung am Kreuz in den Himmel geschrien hat: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Psalm 22) 

Dann, an diesem einen Freitag im Herbst haben wir G’tt gefunden. Es war in einer Therapiesitzung. Eine Suche nach Halt, nach neuen Narrativen, die Trost und Zuflucht schenken. Und dann auf einmal hab ich angefangen, sie vor mir zu sehen: Ich habe ihr Gesicht erkannt, ihre Nähe gespürt und habe sie tief in mir abgespeichert.

Ich musste richtig lachen, als ich spürte: G’tt freut sich gerade, dass ich sie endlich gefunden habe. Großmama G’tt. Sie war immer da, und ich wusste es nicht. Sie hat gewartet, bis ich sie entdecke. Das war nicht leicht für mich, weil das Vermissen so stark war und so viel Kraft brauchte. Ich hatte dieses Vermissen immer besser kennen gelernt und konnte auch ganz gut damit leben, die meiste Zeit. 

Zum Erkennen aber brauchte es ein bisschen mehr Mut und ausreichend Halt im Leben und die richtige Begleitung, die diesen Weg mit mir gestaltet hat und mitgegangen ist.

Die Methode in der Therapiesitzung ist eine, die durch Erzählen im Gespräch innere Bilder aufspürt und neue malt. Es ist dann, als ob im Inneren eine neue kleine Welt entsteht, ein neuer Raum zum Leben für die Seele.

Auf einmal fand ich mich in einem Haus meiner Kindheit wieder, ein altes Pfarrhaus mit großem Garten, wo wir oft Verwandte besucht haben. Ein lichtdurchfluteter Raum, ein Wohnzimmer, das Wärme ausstrahlt. Im Hintergrund die Stimmen fröhlich spielender Kinder. In der Mitte des Raumes ein Schaukelstuhl. Und in diesem Schaukelstuhl tauchte vor meinem inneren Auge diese gemütliche, geduldige, warmherzige Großmama auf, die ich so in meinem Leben gar nicht hatte, aber nun doch genau vor mir sah. Vielleicht ist es so: Alle warmherzigen Momente mit Personen aus meiner Kindheit und Jugend haben sich zu ihr vereint – und zugleich geht sie weit über sie hinaus. So fühlte es sich an. Und so spüre ich es, wenn ich heute innerlich in diesen Raum in mir zurückkehre.

Als ich nach dieser Gottesentdeckung das erste Mal wieder eine Verzweiflung in mir aufziehen spürte, diese Ohnmacht, die ich so gut kannte, dieses Ausgeliefertsein: "Und nichts und niemand kann helfen!", da habe ich mir vorgestellt, wie ich zu ihr hinrenne, zu Großmama G’tt. Hab mich zu ihr in den Schaukelstuhl auf ihren Schoß gesetzt und in ihre Umarmung verkrochen. Hab meine Wange an ihre trockene, warme, faltige Haut geschmiegt und laut geschnieft und noch lauter geschluchzt. 

"Komm her, mein Kind", hat sie gemurmelt und mich einfach nur gehalten. In ihrer weichen, warmen, starken Umarmung, die alles weiß und alles kennt und schon so viel erlebt und gesehen hat. Nach einer Weile hat sie ein großes Taschentuch aus ihrer Schürze gefischt, ein Stofftaschentuch, weich und glattgebügelt, und hat mir die Rotze und die Tränen damit abgewischt. Dann hat sie sanft geseufzt und leise weitergesummt, was sie schon den ganzen Tag vor sich hingesungen hat.

Großmama G’tt. Mit diesem Namen ist G’tt für mich zu einer Person geworden. Zu einem echten Gegenüber. Seitdem fällt es mir leichter, G’tt nicht mehr nur in abstrakten Bildern zu beschreiben. Die Quelle des Lebens, das klingt immer noch schön für mich. Aber manchmal brauche ich Bilder, die mehr in mir berühren, in denen mehr Beziehung drinsteckt. Und ich mag es, mit verschiedenen Bildern zu spielen.

Ich möchte mir G‘tt von nun an auch als bärige Großmama vorstellen, wie Tante Lucy von Paddington. Paddington, der kleine Bär mit dem blauen Dufflecoat und einem schief sitzenden, roten Hut auf dem Kopf. Er hat eine Tante Lucy, eine Bärin, größer als Paddington. Sie hat den verwaisten Paddington im Dschungel von Peru großgezogen. Auf seine große Reise nach London kann sie nicht mit. In ihrem hohen Alter schafft sie das nicht mehr. Aber sie gibt dem kleinen Paddington alles mit, damit er in der fremden, großen Stadt London nicht verloren geht, sondern Menschen findet, die sich um ihn kümmern. 

Eine, die dir mitgibt, was du brauchst, damit du ins eigene Leben losziehen kannst. Und eine große Umarmung wie ein Vorrat an Trost und Mut. Wenn ich bete und mir Gott dabei als eine starke, verlässliche, Trost spendende Großmama vorstelle, dann fühle ich endlich die Geborgenheit, nach der ich mich immer gesehnt habe und die für mich in Gott zu finden sein muss.

Seitdem weiß ich auch, warum es mir so wichtig ist, mit welchen Worten ich als Pfarrerin am Schluss des Gottesdienstes den Segen spreche. Die klassische Formulierung, die ich sehr schön finde, heißt: "Gott segne uns und behüte uns. Gott lasse sein Angesicht über uns leuchten…" Seit einiger Zeit sage ich, dass "ihr Angesicht über uns leuchtet und uns Frieden gibt". Und dieses Wissen ist nicht mehr nur in meinem Kopf. Ich spüre es aus vollem Herzen. Ihr Angesicht leuchtet – sie ist da – sie hält – in ihren Armen wird der Kummer klein, und die Kraft kann wieder wachsen.

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Musik dieser Sendung:
1. J. S. Bach, Suite Nr. 1 in G-Dur (BWV 1007) – Präludium (Robert Cohen)
2. Veni sancte spiritus (Taizé) mit Solo "Komm, heiliger Geist…"
3. Dans nos obscurités, Taizé

4. J. S. Bach, Prélude aus der Cello-Suite Nr. 2 in d-Moll (BWV 1008), Robert Cohen
5. Alanis Morissette: Incomplete (1:11 – 2:07)
6. Sarah McLachlan, Angel [01:00 – 01:55]

7. J. S. Bach, Suite Nr. 3 in C-Dur (BWV 1009), Robert Cohen – Bourrée