Gemeinfrei via Fundus/ Birgit Arndt
Jubelnde Bäume
Hymne und Hilferuf der Schöpfung
23.09.2026 06:35

Wenn die Natur singen könnte, was für ein Lied wäre das zurzeit: ein Lob oder eine Klage?

Sendetext:

Heute ist kalendarischer Herbstanfang. Der Sommer verabschiedet sich. Ein Jahreszeitenwechsel, der mich spüren lässt, wie schnell die Zeit vergeht. Und der mich an den Süßkirschbaum meiner Kindheit erinnert.

Aus meinem Kinderzimmer im ersten Stock konnte ich direkt in seine Krone schauen: schneeweiße Blüten im Frühling, dann im Sommer saftig-rote Kirschen. Ich bin mit einem kleinen Eimer auf den Baum geklettert, habe gepflückt, gegessen und mir doppelte Kirschen wie Ohrringe über die Ohren gehängt. Wenn ich heute daran denke, habe ich ein Lächeln im Gesicht. Dieser Kirschbaum lässt mich bis heute innerlich jubeln.

In Psalm 96 in der Bibel heißt es: "Lass jubeln alle Bäume des Waldes!"

Jubelnde Bäume sind ein fantastisches Bild! Offenbar hat die Schöpfung Grund, sich zu freuen und in Jubel auszubrechen. Aber wenn ich mir heute die Wälder anschaue, klingt das eher nach einem Hilferuf als nach Jubel. Dürre, Hitzewellen, brennende Wälder. Die Bäume stimmen zurzeit wohl eher ein Klagelied an.

Auch den Kirschbaum meiner Kindheit gibt es nicht mehr. Über die Jahre wurden die Früchte madig. Irgendwann musste er gefällt werden. Wachsen und Gedeihen liegen nicht allein in unserer Hand. Daran erinnert mich der Herbstanfang: Die Tage werden kürzer, die Natur zieht sich zurück. Das Leben wandelt sich. Ich kann die schönen Sommerstunden nicht einfach einfrieren. Ist ja auch widersinnig: Sommer einfrieren…

"Lass jubeln alle Bäume des Waldes!" Das ist die dringende Bitte an Gott, seine Welt zu erlösen und Gerechtigkeit zu schaffen. Gott soll handeln, damit die Natur aufatmen und jubeln kann. "Lass jubeln alle Bäume des Waldes!" Das ist zugleich ein Aufruf an uns Menschen. Eine Aufforderung, nicht tatenlos zuzusehen, sondern Verantwortung für die Schöpfung zu übernehmen.

Jubelnde Bäume. Ich habe mich gefragt: Wie könnte das klingen? Und was bringt die Bäume zum Jubeln?

Ich stelle mir vor: Die Bäume singen zwei Lieder. Das erste Lied schaut zurück an den Anfang und preist Gott als den Schöpfer. Es singt: "Es war einmal!" Es war einmal eine Welt, in der alles gut gedacht war. Gott rief die Welt ins Leben, ließ die Bäume wachsen. Und Gott sah, dass es gut war.

Die Schöpfung spiegelt die Handschrift des guten Schöpfers wider. Das nehme ich wahr im Rauschen des Herbstwindes, im goldenen Licht der Sonne, im Regen, der die Erde tränkt. Die ganze Schöpfung stimmt in diese Melodie ein. Ein Lied, das von Gottes Spuren erzählt.

Die Bäume singen ein zweites Lied. Es heißt "Eines Tages wird es sein!" Eines Tages wird es sein, dass Himmel und Erde Gott loben. Einmal wird es sein, dass Tyrannen von ihren Thronen gestürzt werden und dass Frieden und Gerechtigkeit herrschen. Das ist die Hoffnung auf das Reich Gottes, auf Gottes neue Welt.

Psalm 96 hofft darauf: Gott kommt, um Gerechtigkeit zu schaffen. Eine Gerechtigkeit, die auch die Natur aufatmen lässt. Als Christin glaube ich: Gott hat diese Welt nicht aufgegeben. In der Bibel steht: Am Ende werden alle Tränen abgewischt. An den Ufern des Lebensflusses werden Bäume wachsen, deren Blätter den Völkern zur Heilung dienen. In Gottes Reich werden die Bäume wirklich Grund zu jubeln haben.

Der Traum einer neuen Welt. Eine Zukunftsvision, klar, ein Hoffnungsbild. Aber Sehnsüchte und Wünsche können Menschen in Bewegung setzen. "Eines Tages wird es sein!" Deswegen müssen wir uns nicht mit der Gegenwart abfinden.

An der Stelle des alten Kirschbaums im Garten meiner Eltern steht heute ein Walnussbaum. Er wirft jetzt im Herbst seine Nüsse ab und spendet Schatten. Ein Neuanfang.

Vielleicht fängt der Jubel der Natur damit an, dass wir der Schöpfung mehr Liebe entgegenbringen. Die Schöpfung bewahren, indem wir sie lieben. Etwas zu lieben heißt ja auch, etwas schön zu finden; so lange zu suchen, bis man die Schönheit in der Schöpfung gefunden hat. Weil man schützt, was man liebgewonnen hat. Damit die Bäume wieder jubeln können und wir mit ihnen. 

Es gilt das gesprochene Wort.

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