Zum ersten Mal ist Lucy in Europa zu sehen: das Skelett einer Urahnin der Menschheit. Lucy erinnert an den gemeinsamen Ursprung, der Menschen trotz aller Unterschiede verbindet.
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Lucy ist nach Prag gereist. Sie ist zum ersten Mal in Europa. Für 60 Tage besucht sie nun die tschechische Hauptstadt. Aufrecht steht sie im Prager Nationalmuseum. Das ein Meter sechs große Mädchen kommt aus Addis Abeba. Äthiopien im Osten Afrikas ist ihre Heimat. Lucy wird dort auch "Dinkinesh" – "Du bist schön" oder "Du Wunderbare" genannt.
Ihre Arme und Beine sind deutlich behaart. Sie wirkt affenähnlich. Sie entspricht nicht dem gängigen Schönheitsideal. Ihre Faszination liegt in ihrer Bedeutung für die Menschheit. Denn Lucy gehört zu einer Vormenschenart, die vor einer Million Jahren ausgestorben ist. Die Wurzeln der Menschheit liegen in Afrika. Lucy ist einer der Beweise dafür.
Der amerikanische Paläoanthropologe Donald Johanson hat Lucy entdeckt. Er sagt: "Egal welche Hautfarbe, Körper- oder Augenform – wir alle sind Afrikaner. Wir alle teilen gemeinsame Vorfahren. Wir alle sind vereint durch unsere Vergangenheit." Johanson und sein Student Tom Gray haben Lucys Knochen 1974 in Äthiopien ausgegraben. Zur Feier des Fundes spielte Johanson eine Kassette mit einem Beatles-Song ab: "Lucy in the Sky with Diamonds". Damit war der Name für unsere Urahnin gefunden: Lucy. Das 3,2 Millionen Jahre alte Teil-Skelett bekam eine neue Persönlichkeit.
Bei der Ausstellungseröffnung in Prag am Montag erinnerte Donald Johanson an unseren gemeinsamen Ursprung: Der Homo Sapiens hat sich in Afrika entwickelt. Von einem gemeinsamen Ursprung erzählt auch die Bibel. Adam und Eva gelten als Stammeltern aller Menschen. "So schuf Gott den Menschen als sein Ebenbild." (1. Mose 1,27). Wir sind alle Menschen, Geschöpfe und Ebenbilder Gottes. Das ist unser größter gemeinsamer Nenner. Das verbindet uns. Wir sind Mitmenschen, und jeder Mensch ist wertvoll, weil er ein Mensch ist. Und doch sind uns unsere Mitmenschen oft fremd.
Seit Urzeiten haben sich Menschen zu Gruppen Gleichgesinnter zusammengeschlossen. Bei der Auswahl unserer Freundinnen und Freunde fühlen wir uns meistens zu denen hingezogen, die uns ähnlich sind. Mit Personen, die wir als enge Freunde bezeichnen, teilen wir in der Regel einige Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel das Alter, den Bildungsgrad, Hobbys oder auch den Musikgeschmack. Gemeinsamer Humor ist wichtig, mitunter auch Religion und politische Überzeugung. Es ist leicht, Menschen gern zu haben, die einem ähnlich sind. Schwieriger wird es, wenn jemand fremd, unbekannt und andersartig wirkt.
In der Bibel steht eine erstaunliche Aufforderung: "Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott." (3. Mose 19, 33-34). Gott spricht hier zu den Israeliten. Gott erinnert sie an die Erfahrung: fremd zu sein, keinen eigenen Grund und Boden zu besitzen.
Einheimisch und fremd sein – beides gehört zur Menschheit. Irgendwann seit Lucy, unserer Urahnin. Denn irgendwann haben sich Lucys Nachkommen aus Afrika aufgemacht in andere Regionen. Es gibt viele Gründe, warum: die Suche nach besseren Lebensbedingungen, Flucht vor Umweltkatastrophen oder Kriegen.
In dieser Woche erinnern wir uns an zehn Jahre Willkommenskultur. Zehn Jahre "Wir schaffen das!". Der Satz polarisiert. Einige Fronten haben sich seitdem verhärtet. Gleichzeitig ist unser "Wir" gewachsen. Menschen sind zu unserer Gemeinschaft hinzugekommen. Der Iraner wurde zu Ehsan, die Syrerin zu Noura. Sie alle haben einen Namen. Und sie bringen ihre Geschichte mit.
Unser größter gemeinsamer Nenner bleibt: Wir sind Menschen, Geschöpfe und Ebenbilder Gottes. Wenn wir das im anderen erkennen, so anders er oder sie auch ist, dann entpuppt sich manche Begegnung vielleicht auch als sensationeller Fund.
Es gilt das gesprochene Wort.
Literatur der Sendung / Quellen:
1. https://www.visitczechia.com/de-de/things-to-do/events/2025/08/e-lucy-exhibition-national-museum-prague
2. https://www.deutschlandfunk.de/lucy-in-prag-nationalmuseum-zeigt-beruehmtes-vormenschen-skelett-100.html
3. https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag8764.html
4. https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/freundschaft-in-unseren-freunden-suchen-wir-uns-selbst
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