In Haifa trifft unser Autor den 94-jährigen Kurt, Holocaust-Überlebenden aus Wien. Dessen Frage: "Glaubst du so richtig oder tust du nur so?" Ein intensives Gespräch über Glauben, Wunden der Geschichte und Kurts tägliches Gebet.
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Vor ein paar Jahren in Haifa hatte ich ein intensives Gespräch mit einem Juden. Die Begegnung mit diesem alten Mann habe ich bis heute nicht vergessen. Kurt hieß er, damals 94 Jahre alt, gebürtiger Wiener. Kurt musste im Jahr 1938 aus Wien vor der Gewalt der Nationalsozialisten flüchten und ging in das Gebiet des heutigen Israel.
Nun bin ich viele Jahre danach mit einer Gruppe Bremer Bürgerinnen und Bürger nach Israel gekommen. An einem Mittwoch steht auf unserem Programm: "Besuch mit Überlebenden des Krieges im Seniorenheim".
Wir steigen aus dem Bus. Ein älterer Mann heißt uns willkommen im Wiener Dialekt: "Da schau her, die Deutschen kommen. Wie schön!" Er hält uns die Tür auf und bittet uns herein in den Saal. Kurt und ich sitzen zufällig nebeneinander im Stuhlkreis. Er blitzt mich mit seinen wasserblauen Augen an. "Na, woher aus Deutschland kommt ihr?" Ich antworte: "Aus Norddeutschland, Bremen." Kurt lächelt mich an: "Aus unserer Partnerstadt, wie schön. Ich nehme an, dann sind wir wohl Partner, oder?"
Kurt fragt uns weiter aus. "Was seid ihr denn eigentlich? Christen? Juden?" Die meisten meiner Mitreisenden drucksen herum. "Ich bin Christ", gebe ich mich zu erkennen. Kurt lässt nicht locker und forscht weiter: "Na und - glaubst du so richtig oder tust du nur so?" Ich lasse durchblicken: "Von Beruf bin ich Pastor." Das reicht ihm nicht. "Katholisch oder evangelisch?" "Evangelisch", antworte ich. "Dann bist du nicht mein Freund," brummte der alte Herr und schüttelte mit dem Kopf. "Luther, Bismarck – die sind doch Antisemiten gewesen. Die waren nicht gut zu uns Juden."
Während er noch redet, wird der alte Herr immer lebendiger. Er fragt uns weiter aus: "Was ist für euch Christen heute das wichtigste Gebot?" Ich will gerade das erste Gebot zitieren: "Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir." Da gibt Kurt schon selbst eine andere Richtung vor. Er verkündet mit lauter Stimme: "Meine Lieben, das wichtigste Gebot im Leben ist: Beeilt euch zu leben! Nun ja, ich bin 94 Jahre alt."
Am Ende dieser Begegnung lädt Kurt unsere Bremer Gruppe noch zu sich in sein eigenes Appartement ein. "Das hat er noch nie gemacht", flüstert die Heimleiterin uns leise zu. In seinem schönen Wohnzimmer zeigt Kurt uns ein Bild. Ein Familienbild. Da sieht man den kleinen Mann inmitten der Schar seiner Kinder und Kindeskinder. Seine drei Söhne, seine drei Schwiegertöchter und 14 großgewachsene Enkelkinder um ihn herum in der ersten Reihe. Kurts Stimme wird leiser: "Wisst ihr, dass ich vor diesem Bild jeden Morgen bete?" Wir schauen ihn irritiert an. Was soll das? Beten vor einem Familienbild? Der Jude Kurt bekennt: "Jaja, genau hier bete ich. Und ich bete jeden Tag: Danke, Adonaj, ich habe Hitler besiegt." Wir stehen schweigend still.
So nahe wie in diesem Gespräch bin ich zuvor noch niemandem gekommen, der die Shoa, den Holocaust überlebt hat. Zwischen uns ist eine Nähe entstanden. Ich wünsche mir mehr von solchen Gesprächen. Begegnungen – offen und direkt –, bei denen man sagt, was man ablehnt, und sich gegenseitig Respekt zollt. Wo man einander ehrlich fragen kann: "Wer bist du, was glaubst du? Betest du eigentlich zu Gott?"
Der Leipziger Mönch und Priester Andreas Knapp hat gedichtet:
glauben Sie
so wurde ich gefragt
an den lebendigen Gott
und ich antwortete
ich lebe davon
dass Gott an mich glaubt
und was halten Sie
von Jesus Christus
und ich antwortete
ich baue darauf
dass er mich hält
und was denken Sie
vom Heiligen Geist
und ich antwortete
dass er uns beide tief verbindet
mehr als wir denken können.
Es gilt das gesprochene Wort.
(Andreas Knapp, Tiefer als das Meer, Gedicht zum Glauben, Würzburg 2005, S. 68)
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