Harvard-Professor Henri Nouwen gibt seinen Lehrstuhl auf – um Pfleger zu werden. Warum? Eine Geschichte über Seitenwechsel: von oben nach unten. Nouwen hat sich Jesus zum Vorbild genommen.
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Als der katholische Theologe Henri Nouwen 54 Jahre alt geworden war, wagt er einen überraschenden Seitenwechsel. Eigentlich geht es mit seiner Karriere steil nach oben. Als Professor für Theologie ist Nouwen an die Harvard Universität berufen worden. Ein geschätzter und renommierter Hochschullehrer. Henri Nouwen lebt mittendrin in der Welt des Geistes, steigt zum Liebling der Studentinnen und Studenten auf, eine echte Größe im Hörsaal, nebenbei ein bekannter und anerkannter Buchautor. Eigentlich könnte es immer so weitergehen für ihn.
Doch Henri Nouwen hat noch eine andere Aufgabe, und die bringt ihn mit einer anderen Seite des Lebens in Kontakt. Er wird ehrenamtlicher Seelsorger der "Arche"-Gemeinschaft. Ein Wohnprojekt, in dem Menschen mit und ohne Einschränkungen eng zusammenleben und sich im Alltag helfen. Dort begegnet er Adam, einem jungen schwerbehinderten Mann. Adam ist weder in der Lage zu sprechen, zu schreiben noch zu gehen. Aber Adam, so lernt Henri Nouwen nach und nach, kann unheimlich schön lächeln.
Mit seiner stillen und liebenswürdigen Art bezaubert Adam sein Umfeld. Henri Nouwen beginnt ihn zu mögen. Die beiden werden Freunde. Von nun an kümmert er sich fast ausschließlich nur um Adam.
Ein paar Wochen später beschließt Henri Nouwen: Er will sich nicht nur ehrenamtlich in dem Wohnprojekt Arche engagieren. Er will ganz dort arbeiten. Nouwen wechselt seinen Beruf. Er steigt herab von seinem Lehrstuhl, gibt seine Position als Theologieprofessor an der Uni auf. Und wird quasi im Hauptberuf Pfleger in der "Arche".
Warum tust du das nur?, fragen ihn seine Freunde fassungslos. Ist das nicht ein großer Rückschritt für dich? Du hast in Harvard alles, wovon andere Gelehrte nur träumen können. Nouwen aber sagt über seine berufliche Veränderung: Adam hat mich viel mehr gelehrt, als alle Bücher oder Professoren mich je lehren könnten. Adam hat mich zum Menschen Jesus geführt. Ich tat es, weil ich mich fragte: "Woran glaube ich?" (Henri Nouwen, Adam und ich, Freiburg 1998, S. 11) Ich glaube, dass Gott wirklich Mensch geworden ist. Adam zeigte mir: Gott liebt den Menschen von Ewigkeit her.
Der Professor hat die Seite gewechselt und ist Pfleger geworden. In der Advents- und Weihnachtszeit geht es auch um einen Seitenwechsel. Da wechselt Gott die Seiten. Steigt vom Himmel herab und kommt herunter zu uns Menschen. Unfassbar: Der Schöpfer von Himmel und Erde wird ein wehrloses Kind in einer Krippe. Was für ein enormer Seitenwechsel!
"Ihr werdet ein Kind finden, das in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt." (Lukas 2,6) Das ist die Mitte der Weihnachtsbotschaft nach dem Evangelisten Lukas. Um das zu begreifen, muss man im Kopf umparken. Dieser Seitenwechsel bedeutet etwas. Such Gott nicht in der Höhe, such ihn in der Tiefe. Gott begegnet uns als Kind. Gott wählt für sich selbst nicht das Große, Erhabene aus. Gott wählt für sich das Kleine, Bescheidene, Schlichte. Gott wird ein Krippenkind.
Der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch hat den Wechsel Gottes von oben nach unten einmal so erklärt:
"Ich habe mich auf den Weg gemacht:
Wie einer der Könige suchte ich nach einem
Lichtpunkt am dunklen Himmel.
Wie einer der Hoffnungslosen suchte ich nach einem
Funken Hoffnung in dieser Welt. …
Ich fand Gott nach langem Suchen:
Sehr arm, nicht mächtig, nicht prächtig,
sehr bescheiden, alltäglich als Kind in der Krippe,
nackt, frierend, hilflos, mit einem Lächeln durch die Zeiten;
das erreichte mich in meinen Dunkelheiten.
Gott fing ganz klein an - auch bei mir."
Es gilt das gesprochene Wort.
(Aus: Hanns Dieter Hüsch – Ich stehe unter Gottes Schutz, S. 135)
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