Was bleibt von einem Menschen, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert?
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Vor ein paar Jahren habe ich eine Frau beerdigt, die keine Angehörigen mehr hatte. Sie war 98 Jahre alt, als sie gestorben ist, eine Deutschbaltin, geboren 1904 im heutigen Estland. Sie lebte zuletzt in einem Altersheim in Nürnberg. Dort wusste man wenig über ihr Leben. War sie verheiratet? Wie kam sie nach Deutschland? Was hat sie gearbeitet?
Niemand konnte mehr erzählen, ob sie als Kind das Meer geliebt hat, ob sie über die Dünen gesprungen und hinunter gerast ist zum Strand. Niemand konnte mehr erzählen, ob man gut mit ihr lachen konnte, ob sie gerne Eis gegessen hat, ob die ersten Jahre in der Bundesrepublik schwer waren. Niemand konnte mir sagen: "Das hat sie auch immer so gern gesungen!" oder "Du lächelst genauso wie sie!"
Es war, als ob diese Frau nicht gelebt hätte, denn es gab keine Erinnerungen an sie. Jedenfalls keine, die ich gehört habe. Sie wurde in einem sogenannten Sozialgrab beerdigt, unter einer grünen Rasenfläche mit einem einfachen Metallschild, das im Boden eingelassen ist: Name, Geburtsdatum, Sterbedatum.
Ich finde das traurig: Nicht mehr im Gedächtnis von jemandem sein. Vergessen. Spurlos. Ich frage mich: Bei wem werde ich im Gedächtnis bleiben, wenn ich mal nicht mehr bin? Wer wird an mich denken, so wie ich an meine Oma denke, die schon vor Jahren gestorben ist? Ich erinnere mich so gern an das, was sie mir erzählt hat. Wie sie für mich da war und mich liebevoll gedrückt hat.
Ich hoffe, dass sich mal jemand an mich erinnert. Dass ich gerne gewandert bin, allein schon wegen der Brotzeit mit Bier. Dass ich mir immer mehr Bücher gekauft habe, als ich lesen konnte, und dass ich ganz witzig war. Das hoffe ich.
Ob es der Frau aus dem Baltikum so gegangen ist? Ob sie sich in ihren letzten Jahren vergessen und unwichtig gefühlt hat? Bei ihrer Beerdigung habe ich einen Text des Propheten Jesaja gelesen:
"Kann eine Frau ihr Neugeborenes vergessen? Sie erbarmt sich doch über ihr leibliches Kind. Selbst wenn sie es vergäße – ich, Gott, vergesse dich nicht. Schau, in beide Handflächen habe ich dich gezeichnet." (Jesaja 49,15 Bibel in gerechter Sprache)
Das finde ich eine tröstliche Vorstellung. Ich bin in Gottes Handflächen gezeichnet. Mit allem, was dazugehört, was mich ausmacht. Mit meinen Vorlieben und Besonderheiten. Mit meinen Schwächen und dem, was ich gut kann. All das steht in Gottes Händen.
Gott vergisst sein Volk nicht. Jede und jeder ist in seine Handflächen gezeichnet. Wir sind mit Gott verbunden im Leben und über den Tod hinaus. Aus dieser biblischen Vorstellung hat die jüdisch-christliche Tradition ein sehr tröstliches Bild gemacht: Gott ist Gedächtnis.
Gott ist Gedächtnis und die Bibel ein Buch der Erinnerungen. Die Menschen erinnern sich an Gott, an das, was sie mit ihm erlebt haben. Und Gott erinnert sich an die Menschen, an seine Verbindung zu ihnen. Und damit Gott das nicht vergisst, kreiert er sich eigens dafür Gedächtnisstützen, die besser sind als ein Knoten im Taschentuch, besser als ein Foto im Portemonnaie. Gott zeichnet uns in seine beiden Handflächen. Mich und dich.
Gott ist Gedächtnis. Wenn mein Gedächtnis nicht mehr so will, wie es soll, dann bin ich nach wie vor aufgehoben in Gottes Gedächtnis. Und wenn sich niemand mehr an mich erinnern wird, bin ich auch dann dort sicher aufbewahrt. So wie viele vor mir und viele nach mir.
Bei der Beerdigung der alten Frau aus dem Baltikum haben der Friedhofsbedienstete und ich für sie gebetet und sie bestattet. Gott vergisst dich nicht. In seine Handflächen bist du gezeichnet.
Es gilt das gesprochene Wort.
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