"Schauspiel und eitel Abgötterei". So schimpfte Martin Luther über das Fronleichnamsfest. Nach wie vor ist Fronleichnam ur-katholisch. Aber es muss nicht mehr spalten. Es kann zeigen, welcher Glaube verbindet.
Sendetext:
Demonstrationen sind ein Grundrecht in der freiheitlichen Demokratie. Sie dienen der kollektiven Willensbildung in der Öffentlichkeit. Demonstrationen geben allen Menschen die Möglichkeit zu zeigen, was ihnen wichtig ist. Dazu geht man auf die Straße, ob mit oder ohne Plakat, und hofft auf viele andere, die ebenso denken und mitgehen. Meistens sind Demonstrationen mit einer Kundgebung auf einem Platz verbunden. Oft ziehen die Demonstrierenden aber auch in einem Marsch durch die Stadt, um von vielen wahrgenommen zu werden. Demonstrationen finden Zustimmung ebenso wie Gegnerschaft. Sie fordern zur Entscheidung heraus.
Heute ist Fronleichnam. Besonders in katholisch geprägten Regionen gehen Menschen auf die Straße. Es ist ein Demonstrationszug ganz eigener Art. Gezeigt wird nicht eine politische Meinung oder ein gesellschaftlicher Wille. Vielmehr soll demonstriert werden: Gott ist in dieser Welt gegenwärtig.
Christenmenschen glauben: In Jesus war Gott selbst gegenwärtig. Am Ende verspricht Christus: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." (Matthäus 28, 20) Natürlich ist er das nicht mehr leibhaftig als Person. Aber die Christen aller Konfessionen glauben: Beim Heiligen Abendmahl und in der katholischen Eucharistiefeier - mit Brot und Wein ist Christus präsent. Für katholische Christen bleiben Hostie und Wein auch nach der Eucharistiefeier Leib und Blut Christi. Darum wird der Wein in der Messe ganz ausgetrunken. Die übrigen Hostien werden ehrfürchtig im Tabernakel - das ist eine Art Schrank im Altarraum - verwahrt bis zur nächsten Messe.
Heute an Fronleichnam tragen katholische Gläubige eine geweihte Hostie in einer Monstranz – das ist ein kostbar verziertes Schau-Gefäß auf einem langen Stab – durch die Straßen. Vom Altar her in der Kirche zieht das geweihte Brot sichtbar für alle durch die Stadt. Wie ein König auf einer Sänfte mit einem Baldachin darüber können es alle sehen, die an der Straße stehen oder aus dem Fenster schauen. Die Botschaft: Seht, hier in der Hostie ist der Leib Christi präsent. Daher der Name des Festes: Fronleichnam. Der Leib des Herrn.
Als evangelischer Christ habe ich meine Mühe, mir die Gegenwart Jesu so substantiell vorzustellen, dass man sie in einem Gefäß durch die Stadt tragen könnte. Bis heute gilt Fronleichnam als Unterscheidungsmerkmal zwischen evangelischer und katholischer Kirche. Kaum ein anderes Fest hat so polarisiert. Luther hat Fronleichnam abgrundtief kritisiert und sprach von einem Schauspiel, das da öffentlich veranstaltet werde und der heiligen Mahlfeier nicht gerecht werde. Wie das bei Demonstrationen eben oft ist: Sie fordern heraus, sich zu bekennen. Und oft gibt es nur ein Dafür oder Dagegen.
Ich versuche es mit Gelassenheit. Wie Gott in unserer Welt gegenwärtig sein will, bleibt Geheimnis. Wenn ich mich mit den Worten und Taten Jesu beschäftige, ist Gott da, so glaube ich. Wenn wir Abendmahl feiern und an das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern denken, berührt mich das auch heute. Weil ich einfach Mensch bin, so wie seine Jünger auch: Fehlerhaft und doch eingeladen. Zweifelnd und begrenzt im eigenen Horizont. Aber doch bereit, mehr zu glauben und zu hoffen, als möglich erscheint.
Warum nicht in einer festlichen Frühlingsdemonstration daran erinnern: Gott ist mir auch im Alltag näher, als ich es mir vorstellen kann. Und dann mit vielen Menschen zusammenkommen, sich des Lebens freuen und sich gesegnet fühlen.
Ich habe gehört, dass einige katholische Prozessionen inzwischen auch an evangelischen Kirchen Station machen. Wunderbar, wenn die Fronleichnamsprozession heute nicht spaltet. Denn alle Christen verbindet die Ahnung: Die irdische Wirklichkeit ist durchlässig für die himmlische Ewigkeit.
Es gilt das gesprochene Wort.
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