Unser Autor war in Vilnius, der Hauptstadt von Litauen. Dort gibt es ein Künstlerviertel, das sich eine eigene Verfassung gegeben hat. Ein Akt künstlerischer Freiheit mit Blick für alle am Rand der Gesellschaft.
Sendetext:
Vor ein paar Wochen war ich in Vilnius. Die Hauptstadt von Litauen liegt ganz im Süden der drei baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland. Nicht nur in Leipzig und vielen ostdeutschen Städten gab es eine friedliche Revolution. Bereits im August 1989 haben Balten eine 600 Kilometer lange Menschenkette von Vilnius im Süden bis zum estnischen Tallinn im Norden gebildet. Sie haben die Unabhängigkeit von der Sowjetunion gefordert. Der baltische Weg oder die singende Revolution hat den friedlichen Wandel hin zur Demokratie geebnet.
Vilnius ist heute eine junge Stadt mit einer großen Universität. Zahlreiche weltweit tätige Unternehmen haben sich hier angesiedelt. Die Stadt atmet Historie ebenso wie Modernität und Phantasie. Szenecafés, die ohne Murren einen ganzen Vormittag als Co-Working-Space genutzt werden; Museen, viele Kirchen, Grünanlagen und Restaurants.
"Jerusalem des Nordens" wurde Vilnius früher genannt, weil große Teile der Bevölkerung ehemals jüdisch waren. So auch der Stadtteil jenseits der Vilnia. Einige Brücken führen über diesen Fluss, der die Siedlung wie eine Halbinsel umarmt. "Jenseits des Flusses" – so nennt sich der Stadtteil Ŭzupis. Unter dem NS-Terror wurden Juden dort vertrieben oder getötet. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben Straßen und Häuser zu Sowjetzeiten leer. Kriminelle, Obdachlose oder Ausgestoßene fanden Zuflucht in dieser Parallelwelt.
Nach 1989 entwickelte sich Ŭzupis zu einem Szeneviertel für Künstler. Freiheit wurde neu buchstabiert, und so gründete man am 1. April 1997 die Freie Republik Ŭzupis. Klingt, als wäre es ein Anti-Staat von Radikalen, ist aber so ziemlich genau das Gegenteil davon. Eher ein Aprilscherz, der künstlerische Freiheit ebenso feiert wie nationale Diversität und Lebensrecht für jede und jeden, auch und gerade für die schrägen Typen.
Die Freie Republik Ŭzupis hat sich sogar eine Verfassung gegeben. Sie ist eher ein offenes Kunstwerk als eine verbindliche Rechtsordnung. Sie findet sich auf zahlreichen silbernen Wandtafeln, die in verschiedenen Sprachen nebeneinander an einer Mauer hängen. In den Tafeln sind nicht nur die Grundsätze eingraviert, man kann sich auch darin spiegeln, so dass jedem, der davorsteht, seine Rechte ins Gesicht geschrieben stehen. Ich lese:
"Jeder Mensch hat das Recht, beim Fluss Vilnia zu leben. Und der Fluss hat das Recht, an jedem vorbei zu fließen. Jeder Mensch hat das Recht, Fehler zu machen; einzigartig zu sein, zu lieben; nicht geliebt zu werden, aber nicht notwendigerweise. Jeder Mensch hat das Recht, gewöhnlich und unbedeutend zu sein. Jeder Mensch hat das Recht zu sterben, ist jedoch hierzu nicht verpflichtet."
Diese künstlerische Verfassung besteht vor allem aus positiven und lebensklugen Aussagen. Es gibt nur wenige negative Formulierungen:
"Kein Mensch hat das Recht, Gewalt auszuüben. Kein Mensch hat das Recht, nach der Ewigkeit zu trachten." Offensichtlich gilt es, sich mit der eigenen Endlichkeit abzufinden.
Und alles schließt mit den Worten:
"Jeder Mensch hat das Recht, keine Angst zu haben. Lass dich nicht unterkriegen! Schlag nicht zurück! Gib nicht auf!"
Besonders für Benachteiligte und Menschen ohne Obdach sind diese Sätze geschrieben. Sie erinnern mich an die Seligpreisungen Jesu. Sie nehmen die in den Blick, die auf der Schattenseite stehen. Gerade ihnen gilt ein besonderer Segen.
Jesus sagt: Selig sind die Sanftmütigen, die Verfolgten, die Traurigen, die Hungrigen. Sie werden einmal die Glücklichen sein, die Gesegneten.
Und so ist er auch nicht weit: Jesus. Eine Christusfigur steht unmittelbar am Fluss Vilnia in einem Hinterhof; eine Skulptur mit ausgebreiteten Armen wie zum Kreuz geformt. Auf dem Rücken trägt Jesus einen Rucksack und eine zusammengerollte Isomatte. Jesus war Wanderprediger, er hatte keinen festen Ort, wo er sein Haupt hinlegte. Er war besonders denen nah, die jenseits des Flusses, jenseits der etablierten Welt leben.
Es gilt das gesprochene Wort.
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