Gemeinfrei via Fundus/ Luca Peter
Moni
Aus Liebe Grenzen setzen
19.05.2026 06:35

"Ich oder der Alkohol." Vor diese Entscheidung hat Karl seine Frau Moni gestellt. Das hat alles verändert.

Sendetext:

"Moni hat getanzt, getrunken, gefeiert, gelebt", erzählt mir ihr Sohn aus Dortmund am Telefon, und ich weiß noch, wie mir das zuerst ein Fragezeichen aufs Gesicht gelegt hat. Was mag das heißen? Jetzt stehe ich an Monis Grab und sehe ein großes Herz aus Rosen. Nicht in Dunkelrot, sondern bunt: Rosen in Gelb, Rot, Orange, Rosa, Weiß. Es wirkt kräftig und wild. Wie ihr Leben?

Vor mir steht Monis Mann Karl, 88 Jahre, auf den Rollator gestützt. Schaut mich immer wieder an aus seinen hellblauen Augen unter Tränen. Seine Trauer ist voller Liebe, immer noch. Daneben der Sohn, mit dem ich telefoniert habe, Robert, den Arm um Karls Schulter gelegt. Karl ist nicht sein leiblicher Vater, aber er ist Monis große Liebe. Vor zwei Jahren sind die beiden ins Pflegeheim gezogen, seit einem Jahr ist sie bettlägerig gewesen. "Ich möchte hier bei meiner Moni bleiben", hat Karl gesagt und wich nicht von ihrer Seite. 

Moni hat Musik geliebt. Früher hat sie morgens als erstes das Radio angemacht, hat sofort mitgesungen, klar und textsicher. "Diese Fröhlichkeit und Leichtigkeit hat sie durchs Leben getragen", sagt ihr Sohn Robert. Und ich frage mich, wo sie diese Leichtigkeit wohl gefunden hat, denn in jungen Jahren war ihr Leben gar nicht leicht.

Direkt nach der Schule hat sie in der Fabrik gearbeitet, mit knapp 19 ihren ersten Mann kennengelernt, im Tanzlokal. Die beiden bekommen ein Kind, ihren einzigen Sohn Robert, doch die Ehe hält nur wenige Jahre. Tapfer, wie sie ist, schlägt sie sich ohne Mann durch. Nimmt sich eine kleine Wohnung in einem etwas heruntergekommenen Viertel ihrer Kleinstadt. Jeden Job als Reinigungskraft nimmt sie an, um über die Runden zu kommen und für ihren Sohn zu sorgen. Der erinnert sich an Spaghetti mit Ketchup und Toast mit Käse. Und dass seine Freunde aus der Schule oft zusammengelegt haben, damit er mit ins Kino kommen kann.

Mitte der 70er ändert sich alles. Da tritt Karl in Monis Leben. Die beiden lernen sich wieder beim Tanzen kennen, oder wie sie immer gesagt hat: beim Schwofen. "Karl hat Moni über alles geliebt. Ihr alles gegeben, was sie vorher nicht kannte." So hat es Robert erlebt. Auch Karl war nicht wohlhabend, aber sie hatten jetzt genug zum Leben. Konnten sogar im Sommer in den Urlaub fahren.

Allerdings: Das mit dem Alkohol wurde bei Moni irgendwann zum Problem. Da hat Karl sie vor eine Entscheidung gestellt. Er ist eine Woche allein verreist und hat gesagt: Triff eine Entscheidung, bis ich wiederkomme: für den Alkohol oder für mich. Moni entscheidet sich für ihn. Sie rührt keinen Tropfen mehr an. "Ohne Karl wäre auch ich nicht geworden, der ich bin", sagt Monis Sohn Robert heute. Nach der Schule will er unbedingt Koch werden. Also nicht auf die Zeche wie alle andern. Karl unterstützt ihn damals. Wie ein echter Vater. Und heute leitet Robert seine eigenen Restaurants.

Stark wie der Tod ist die Liebe, denke ich. So besingt es das Hohelied in der Bibel. Und darüber spreche ich am Grab. Wie stark die Liebe ist, das lerne ich an dieser Geschichte. In schweren Zeiten tut Moni alles für ihren Sohn. Auch seine Freunde stehen zusammen für ihn ein, legen zusammen, weil sie zeigen wollen, dass er dazugehört. Und dann ist da Karl. Er liebt Moni über alles. Einmal setzt seine Liebe eine Grenze – und das hilft Moni, sich für diese Liebe zu entscheiden. Wie gut! Und schließlich ist da noch diese väterliche Liebe, mit der Karl den jungen Robert unterstützt, seinen eigenen Weg zu finden.

Liebe ist stark. In schweren Zeiten kann sie alles verändern. Sie trägt durchs Leben und am Ende sogar durch die Trauer. Ich spüre es, wenn ich am Grab dieses Herz aus Rosen sehe und wenn ich diesen beiden Männern in die Augen schaue: Stark wie der Tod ist die Liebe.

Es gilt das gesprochene Wort.

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