Meine Zeit in Gottes Händen

Evangelischer Rundfunkgottesdienst
Meine Zeit in Gottes Händen
Gottesdienst aus der Alt-Kath. Christuskirche, Offenbach
30.12.2018 10:05
20.06.2018
Christopher Weber und Christopher Sturm
Über die Sendung

‚Zwischen den Jahren‘ ist eine besondere Zeit. Zeit, zurück zu blicken und Zeit, nach vorn zu schauen. Zeit für sich selbst, mit anderen und mit Gott. Die beiden alt-katholischen Gemeinden Frankfurt und Offenbach feiern gemeinsam Gottesdienst in der Offenbacher Christuskirche und fragen nach der Zeit – wie Menschen sie erleben, heute und in den biblischen Texten. „Meine Zeit in Gottes Händen“ ist die Erfahrung, die sie weitergeben, die mit Hoffnung und Mut auf den Jahreswechsel und das neue Jahr schauen lässt. Flöte, Gitarre und Kontrabass gestalten zusammen mit der Orgel den Gottesdient musikalisch, die Predigt halten die beiden Pfarrer Christopher Sturm und Christopher Weber im Dialog.

 

Das Leitmotiv der Alt-Katholischen Kirche ist das Festhalten am Glauben und an den Ordnungen der alten und einen Kirche, deren Mitte und Haupt Christus ist. Der Name „alt-katholisch“ entstand im Hinblick auf die „alte“ Lehre der ungeteilten katholischen und apostolischen Kirche - in Abgrenzung zu den neuen Dogmen des Ersten Vatikanischen Konzils z. B. über die Unfehlbarkeit des Papstes.  Zwischen den Alt-Katholiken, der anglikanischen Gemeinschaft und der Evangelischen Kirche in Deutschland gibt es verbindliche ökumenische Beziehungen.

 

 

Gottesdienst nachhören

 

Den Gottesdienstmitschnitt finden Sie auch direkt unter http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=122

Predigt zum Nachlesen
 

Liebe Schwestern und Brüder hier in der Christuskirche, liebe Hörerin, lieber Hörer!

Alles hat seine Zeit – heißt es im Alten Testament, im Buch des Predigers. Für mich heißt das: Meine Zeit steht in Gottes Händen!

 

Und das heißt es auch für mich: Meine Zeit steht in Gottes Händen! Wir Pfarrer der beiden altkatholischen Gemeinden in Frankfurt und Offenbach sind in diese alte Weisheit eingebunden, genauso wie Sie, hier in der Christuskirche und als Zuhörer über das Radio.

 

Gemeinsam machen wir uns auf die Spurensuche - im Buch Kohelet und im Johannesevangelium. Auf die Spurensuche danach, wie eine alte Weisheit eine Verheißung sein kann. Wie aus einer allgemeinen Feststellung ein persönliches Bekenntnis, ein Vertrauen werden kann, mit dem ich wohlgemut durch das Leben gehe.

 

Das Buch Kohelet, das auch Prediger genannt wird, ist vermutlich in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts vor Christus in Jerusalem entstanden. Der Name Kohelet ist hebräisch und bedeutet so viel wie der „Versammler“. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um einen Spitznamen. Er bezeichnet jemanden, der Hörer um sich versammelt hat - vergleichbar mit einem Rundfunkmoderator oder einer Pfarrerin. Diesem ‚Versammler‘ geht es darum, seinen Zuhörerinnen und Zuhörern Lebenserfahrung zu vermitteln, damit sie ein glückliches, sinnvolles und gelingendes Leben führen können. Sein Denken wird deshalb zur alttestamentlichen Weisheitsliteratur gezählt wie z.B. die Sprüche Salomons oder auch einige Psalmen. Einige der wohl bekanntesten Verse aus dem Buch Kohelet haben wir eben gehört, gelesen von zwei Stimmen, um die beiden Pole menschlichen Lebens zu benennen.

Zwischen diesen Polen, den Extremen, bewegt sich – so sieht es Kohelet - unser Leben – in der Zeit, die uns zur Verfügung steht. Kohelet hat die menschlichen Grunderfahrungen kunstvoll ineinander und miteinander verwoben. Es ist eine lange Liste - und nichts hat der ‚Versammler‘ dabei ausgelassen, verschwiegen und uns erspart.

 

Auch das nicht – es gibt eine Zeit zum Töten. Es gibt eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, hören wir Kohelet sagen.

 

Ist wirklich für alles Zeit? Eine Zeit fürs Töten, das will ich nicht.

 

Schau dich um in der Welt. Syrien, Jemen, Ostukraine, kürzlich der Attentäter auf dem Weihnachtsmarkt in Straßburg. Scheinbar gehört das zu unserem Leben dazu, ist unser Schicksal …

 

Nein, ich finde es schrecklich, dass es immer noch Kriege gibt. Damit will ich mich nicht abfinden. Ich möchte die Dinge nicht totschweigen. Ich glaube an die Kraft der Versöhnung.

Ich lebe in einem Land, das nach dem 2. Weltkrieg gerade diese Erfahrung machen durfte: Es gibt eine Zeit des sich Versöhnens und des Heilens. Mir fällt die Rede ein, die der französiche Präsident Emmanuel Macron zum Volkstrauertag im Deutschen Bundestag gehalten hat. Offen benannte er die vielfältigen und manchmal auch widersprüchlichen politischen Sichtweisen in beiden Staaten. Und ganz am Ende seiner Rede sagte er einen Satz, der mich tief bewegt hat: Können Sie jedes Mal, wenn Sie die Worte aus Frankreich vielleicht nicht ganz genau verstehen, daran denken, dass Frankreich Sie liebt.

 

Den anderen lieben. Ihm zugestehen, dass er es gut mit mir meint. Dass er an meiner Seite ist, auch wenn ich nicht alles verstehe, was ihn gerade bewegt. Das ist wahre Versöhnung. Das ist etwas zutiefst Heilendes.

 

Es gibt eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, schreibt Kohelet.

 

Im Mai ist meine Mutter gestorben. Eine Woche lang haben wir sie begleitet, bei ihrem „Umzug in ein neues Leben“, wie sie es nannte. Mein Bruder und ich waren bei ihrem letzten Atemzug dabei. Ein großes Glück, dass wir uns dafür die Zeit nehmen konnten. Später wurde mir bewusst, dass sie bei meiner Geburt meinen ersten Atemzug vernommen hat. So eng sind Geburt und Sterben miteinander verwoben.

 

Es gibt eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, sagt uns Kohelet.

 

Immer wieder dürfen wir im Gottesdienst Menschen trauen, die Ja zueinander sagen. Sie gehen mit großem Idealismus und mit viel Liebe in ihre Beziehung hinein. Und dann geschieht es, dass sie sich trennen. Sie lösen ihre Umarmung und ihre Bindung, weil die Liebe erloschen ist. Das ist sehr schmerzhaft.

 

Ich stimme dir zu. Doch ich erlebe auch, dass Arme und Herzen nach einer Trennung frei werden – frei für neue Umarmungen und Beziehungen. Es ergeben sich neue Perspektiven und Lebensmöglichkeiten.

 

Wenn ich Kohelet richtig verstehe, glaubt er an einen allmächtigen Gott. Alles, was in der Zeit geschieht, sei von Gott vorherbestimmt und damit den Menschen unverfügbar. In Kohelets Augen reagieren wir nur auf das Vorgegebene: wir lachen und weinen, verlieren und behalten, führen Krieg und schließen Frieden. In der Zeit auch meine Zeit zu entdecken, die ich leben und gestalten kann – das kommt in dieser Denkwelt nicht vor. Was mir in Kohelets Weisheit fehlt, ist die Beziehung zu Gott. Die Liebesbeziehung, die Nähe und Vertrauen schafft. Ist der Gott der Bibel, wie er hier bei Kohelet vorgestellt wird, wirklich unverfügbar, ist alles um mich herum und in meinem Leben vorherbestimmt? Das wäre keine Verheißung – sondern etwas, mit dem ich mich einfach abfinden müsste.

 

Im Evangelium öffnet Jesus uns eine Tür. Er ist die Tür. Wer durch ihn hindurchgeht, wird gerettet werden. Jesus verheißt Leben in Fülle.

 

Es fällt mir auch schwer, mich zwischen den Extremen von Kohelet zu orientieren. Mal strebe ich mehr zur einen, mal mehr zur anderen Seite. Und bei vielen der Lebenswirklichkeiten bin ich mir nicht sicher, wann sie gut und wann sie nicht gut sind, für mich und auch für andere.

 

Leben ist komplex und vielschichtig. Da gibt es nicht überall ein eindeutiges ‚richtig‘ oder ‚falsch‘. Nicht immer ist klar, was dahintersteht und welche Konsequenzen es gibt. Gute Gedanken, Gefühle und Begegnungen mit anderen Menschen – die können sich auch schnell ins Gegenteil verkehren. Nicht alles, was neu ist, muss auch zwangsläufig gut sein. Nicht immer ist es leicht, Bewährtes im Leben loszulassen. Aber manchmal auch nötig!

 

Deshalb bemühe ich mich auch, niemanden einfach in eine Schublade zu stecken:

Erinnern Sie sich an die Statements, die wir eingangs des Gottesdienstes gehört haben?

Die Frau, die erst in ihrer zweiten Ehe erfahren hat, was es heißt einander mit Liebe und Respekt zu begegnen.

Der junge Mann, der seine Zeit braucht, um sich seiner gleichgeschlechtlichen Liebe bewusst zu sein.

Der geborene Alt-Katholik, für den es gerade die eingeübten guten Gewohnheiten sind, die seinem Leben Halt und Sicherheit geben.

 

Leben umfasst immer beide Seiten. Das eine, wie das andere. Eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen. Eine Zeit zum Klagen und eine Zeit zum Tanz.

Jesus wusste das. Wenn er sich mit einer Tür vergleicht, dann heißt das, er kennt beide Seiten, das ganze Leben. Weihnachten ist er als kleines Kind zu uns Menschen gekommen. Unterwegs mit seinen Jüngern hat er Gottes Liebe zu uns Menschen Gestalt gegeben. Ausgespannt am Holz des Kreuzes hat er all jene in den Arm genommen, die unter der Zerrissenheit des Lebens leiden.

Jesus nimmt uns an die Hand und führt in die ganze Fülle des Lebens. Sie zeigt sich in Ausgelassenheit und Freude. Sie erwächst aber ebenso aus der Erfahrung enttäuschter Liebe, verweigerter Anerkennung und erlebter Kränkung. Da hat Kohelet schon recht, wenn er sagt, dass alles seine Zeit im Leben hat.

Ein Leben in Fülle, wie Jesus es versteht, ist kein Upgrade in ein besseres Leben nach menschlichen Maßstäben. Er öffnet die Tür zu Gott und macht Mut, mit seiner Liebe und Gottes Kraft das eigene Leben, so wie es ist, anzunehmen. Und dann ist es ein Leben jenseits aller faulen Kompromisse! Solches Leben in Fülle ist vielfältiger als die Kategorien von ‚Gut und Böse‘, ‚richtig und falsch‘, ‚entweder – oder’, in die wir es gern hineinstopfen. Leben in Fülle macht Mut, Farbe zu bekennen und Stellung zu beziehen. Zu behalten, was gut ist, auch wenn es unmodern erscheint. Anzunehmen, was wir nicht ändern können. Und neue Wege zu gehen, wenn die alten in die Irre geführt haben.

 

Jesus kennt unsere Bedürfnisse nach Anerkennung, Respekt und Zärtlichkeit. Er ist die Tür, mit ihm dürfen wir unsere Sehnsucht herauslassen aus unseren Herzen und sie in das Licht seiner göttlichen Liebe stellen. Damit wir uns, unsere Nächsten und Gott in seiner Liebe erkennen. Dafür ist Gott Mensch geworden. Amen.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

20.06.2018
Christopher Weber und Christopher Sturm