Kirche muss gehen

Morgenandacht

Gemeinfrei via Unsplash/ Akira Hoyo

Kirche muss gehen
10.11.2021 - 06:35
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Die Sendung zum Nachlesen: 

Angefangen zu arbeiten habe ich nach meinem Theologiestudium in einer Kirchengemeinde, die es noch gar nicht gab.

Zusammen mit einem Team habe ich die Freie evangelische Gemeinde in Osnabrück gegründet.
Das Ziel: Kirche so zu gestalten, dass sie nicht nur für die ältere Generation relevant ist.
 

Sondern: Kirche relevant für Menschen von heute.
Und das heißt: Themen aufgreifen, die auch für jüngere Menschen aktuell sind.
Oder Formen zu finden, die Menschen von heute ansprechen. Die gern bei Instagram oder in ihrem hippen Lieblingscafé Menschen treffen und das Leben genießen.

Manche von ihnen kennen Kirche eher als Institution, die Antworten gibt auf Fragen, die keiner mehr stellt. Das sollte sich ändern. Und das ändert sich auch gerade.
 

Inzwischen initiieren die Kirchen Projekte und schaffen Strukturen, die Kirche anders denken, neu gestalten und leben.

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland hat schon 2015 Erprobungsräume eröffnet – ein „Prozess zur Förderung anderer Gemeindeformen: wenn Christen zusammenkommen und nach außen strahlen – an anderen Orten, zu anderen Zeiten und auf andere Weise“[1]. Das geht nicht gegen die Kirche, wie viele sie kennen, sondern ist „eine Ergänzung und Erweiterung zum traditionellen Gottesdienst am Sonntagmorgen um 10.00 Uhr in der Kirche.“[2]

 

Ein Konzept, das auch andere Landeskirchen übernommen haben.

Aus dem anglikanischen Raum sind die „fresh Expressions of church“ nach Deutschland geschwappt. Also: frische Ausdrucksformen von Kirche.

In Deutschland verbinden sich im Netzwerk „freshX“ kirchliche Projekte vieler Konfessionen. Das reicht von römisch-katholisch über lutherisch bis evangelisch-freikirchlich bis hin zu Projekten, die noch gar keiner Kirchenstruktur angehören.
Dabei entstehen dann Surfergottesdienste an der Ostsee, Andachten in der Ulmer Kneipe oder Kinderprogramme im Cottbusser Plattenbau.

 

Die Erfahrung dabei: Die Fragen nach Gott, Spiritualität und dem Sinn des Lebens treten mit solchen neuen Formen keineswegs in den Hintergrund.
Menschen kommen nur nicht mehr direkt auf die Idee, Antworten darauf sonntagmorgens um 10.00 Uhr im Gottesdienst zu suchen.
Solche Projekte warten nicht darauf, dass Menschen in die Kirche gehen. Sondern Kirche geht zu den Menschen, an Orten und zu Zeiten und in den Formen, die heute oft passender sind.

 

Damit macht Kirche das, was schon der Apostel Paulus lebte.

Er schreibt an die Gemeinde in Korinth, dass er den Juden ein Jude geworden ist und denen ohne Gesetz auch einer von ihnen (vgl. 1. Kor 9,20f).
Paulus passt sich an, lebt seinen Glauben so, dass ihn auch die verstehen können, die unterschiedlich kulturell geprägt sind.

Heute heißt das: Kontextualisierung. Den Kontext, in dem Kirche lebt und arbeitet, kennen und verstehen lernen und dann Formen finden, wie christlicher Glaube darin gelebt werden kann.

Dafür muss Kirche gehen lernen.
Sie muss zu den Menschen gehen.
Und nicht darauf warten, dass endlich der klassische Sonntagmorgengottesdienst wieder gut besucht wird.

 

Die Freiburger Studie zur Kirchenmitgliedschaft 2019 hat für Aufregung gesorgt: Die Kirchen werden bis 2060 die Hälfte ihrer Mitglieder und damit auch Kirchensteuerzahler verlieren.

Gemeindegründungen evangelischer Freikirchen, neue Formen von Kirche und Erprobungsräume in den Landeskirchen sind Versuche, dem entgegenzuwirken. Sie machen Kirche für viele wieder interessant. Dabei wird sich manches verändern. Alte Strukturen laufen mit der Zeit aus.
Aber es sind Chancen dafür, dass Neues entstehen kann.

 

Und in den jungen, neuen Projekten wachsen neue Strukturen und Traditionen. In meiner Freien evangelischen Gemeinde Osnabrück haben wir eine Zeit lang die Gottesdienste sonntagnachmittags um vier mit Kaffee und Kuchen gefeiert. Gemütlich saßen wir an Gruppentischen und konnten uns miteinander austauschen. Corona hatte dieser Form von Gottesdiensten einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Gemeinde hat das sehr vermisst: FeG Osnabrück heißt doch Gottesdienst mit Kaffee am Nachmittag.
Äußere Formen werden also schnell zu Identitätsmerkmalen.

 

Die Herausforderung besteht darin, die Formen immer wieder neu zu durchdenken, zu reflektieren, zu überlegen: Was passt heute?
Und das nicht nur, wenn die Gesellschaft durch eine Pandemie durchgeschüttelt wird. Solches Veränderungsdenken gehört zur Struktur.

Denn Kirche muss gehen.
Und sie geht.

 

Es gilt das gesprochene Wort

 

[1] https://www.erprobungsraeume-ekm.de/ueber-uns/

[2] ebd.