Alles Käse

Morgenandacht

Gemeinfrei via Unsplash/ Alana Harris

Alles Käse
11.11.2021 - 06:35
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Die Sendung zum Nachlesen: 

Es gibt Bereiche im Leben, da ist es ziemlich schwer, eine Entscheidung zu treffen.
Zum Beispiel beim Käse. Im Supermarkt.

Da ich gerne Käse esse, steuere ich rechts auf die mannshohe Kühlwand mit den Molkereierzeugnissen zu. Bevor ich die Pforten der Auswahlhölle öffne, halte ich inne:
Mit Löchern oder ohne? Würzig-herb oder herrlich-fruchtig, vegan oder mit Schinkenstückchen? Ja, den billigen - oder nein, lieber bio.

Mir wird bewusst: Ich muss eine Entscheidung treffen.

Unfähig auch nur annähernd alle Kriterien abzuwägen, öffne ich eine der Kühltüren und hoffe, dass kein Zonk dahinter sitzt.
Mein Kopf registriert, wie meine Hand zu einer Plastikschale voll mit weichen Käsescheiben greift. Ich lege sie in meinen Korb, in dem schon eine Avocado liegt. Sie war glückliche Gewinnerin bei demselben Auswahlverfahren in der Obst- und Gemüseabteilung. Geschafft. Stolz auf meinen Mut, Entscheidungen zu treffen, flaniere ich mit breiter Brust zur Kasse.

 

Beim Käse ist das mit den Entscheidungen ja noch ziemlich banal.
Herausfordernder ist das bei der Frage nach der Religion.

 

Allein bei den christlichen Konfessionen gibt es gefühlt unzählige.
Russisch-griechisch-serbisch-orthodox, katholisch, lutherisch, reformiert. Neu-apostolisch, apostolisch-katholisch, alt-katholisch, Adventisten, Methodisten, Baptisten, Freie evangelische Gemeinde, bekennende evangelische Gemeinde, Brüdergemeinde.

Und so weiter.
 

Und mindestens ebenso viele Fragen:

Große Kirchenglocken oder kleine Gemeinschaftsecken?
Mit Papst oder Pathos?
Liturgisch-musikalisch oder vielleicht doch charismatisch?

Intellektuelle Reden oder diakonischer Segen?

Viel Wort oder Weihrauch?

Im Talar vorm Altar oder einfach gehalten in modernen Gestalten.

 

Auf dem Markt der religiösen Sinnangebote bieten sich nicht nur die christlichen Kirchen an. Neben den großen anderen Weltreligionen, die ihrerseits wieder in viel verzweigte Strukturen verteilt sind, gibt es noch die Wellness-Angebote, die mir neben einem körperlichen Wohlbefinden auch die spirituelle Erfüllung versprechen. Ich kann zum Meditieren in ein Kloster, Yoga auf der Matte um die Ecke oder zum Beten meinen Teppich ausrollen. Es gibt Religionen wie Käse. Und mancher Käse zählt eher zur Esoterik als zur Religion.

 

Die Vielfalt der Möglichkeiten führt bei manchen Menschen zu einer Art Patchwork-Glaube. Sie suchen sich die besten Aspekte der verschiedenen Traditionen aus.

Und das hat auch etwas für sich, wenn ich mich mancher Altlasten entledigen kann und selbstbestimmt entscheide, was ich glauben möchte.

 

Niemand schreibt heute mehr vor, was wir zu glauben haben. Ich muss nicht glauben.
Aber ich kann. Wenn ich will. Und wenn ich will, bleibt die Frage, wie ich mich entscheide.
Was will ich eigentlich glauben?

 

Da ist sie dann wieder, die Gretchenfrage aus Goethes Faust: „Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?“

 

Zugegeben: bei der Beantwortung dieser Frage bin ich eher bei Gretchen als bei Faust. Die christliche Tradition, der christliche Glaube gehören zu meinem Lebensrepertoire. Da fühle ich mich zu Hause. Der YouTuber und Musiker Fynn Kliemann textet in seinem Lied „Zuhause“: Mein Zuhause ist kein Ort, das bist du. Das „Du“ ist für mich Gott, bei ihm fühle ich mich zuhause.

 

Ich kann aber auch die Fausts unserer Zeit verstehen, die sich nicht festlegen können oder wollen. Vielleicht weil es die persönlichen Erfahrungen mit Kirche und Glaube so schwermachen. Vielleicht weil man nie in dieser Tradition beheimatet war.

 

Goethes Faust sucht das Gute, Schöne, Anständige nicht in der überlieferten Religion. Aber die überlieferten Religionen können helfen auf dem Weg zu einem selbständigen, mündigen Glauben zu kommen. Zu einem Wertesystem, das weiterbringt. Zu einem Fundament im Leben, das trägt und Halt gibt.

 

Ich persönlich glaube, das Gute, Schöne und Anständige liegt nicht einfach auf der Straße. Mir hilft die Gemeinschaft mit anderen, der Austausch über das eigene Scheitern, die großen und kleinen Versuche, das Leben irgendwie in den Griff zu bekommen. Die Verbindung zu Menschen, die schon lange vor mir gelebt haben. Meine Inspirationsquelle dabei ist die Bibel.

Und damit habe ich es bei der Frage nach der Religion dann doch einfacher als beim Käse.

 

Es gilt das gesprochene Wort.