Was glaube ich eigentlich?

Morgenandacht

Gemeinfrei via Unsplash/ Aaron Burden

Was glaube ich eigentlich?
08.11.2021 - 06:35
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Die Sendung zum Nachlesen: 

Gelegentlich werde ich nach meinem Glauben gefragt. Meine Gesprächspartner wollen dann wissen, was mich so am christlichen Glauben fasziniert, dass ich als Pastor sogar meinen Beruf danach ausgesucht habe.

 

Im Theologiestudium habe ich gelernt:
Kern des christlichen Glaubens ist, dass ich gerechtfertigt bin nicht aus Werken des Gesetzes, sondern aus Glauben an Jesus Christus. Wenn ich so auf die Frage nach meinem Glauben antworte, dann werde ich manchmal angeschaut, als käme ich direkt aus dem Mittelalter. Gerechtfertigt nicht aus Werken des Gesetzes, sondern aus dem Glauben an Jesus Christus. Dieser Satz ist für Viele weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick verständlich.

 

Kaum verwunderlich.

Denn vor wem sollte ich gerechtfertigt werden?
Ich meine – vor welcher Instanz?
Wer nicht an einen Gott glaubt, fühlt sich keiner himmlischen, höllischen oder göttlichen Instanz zur Rechenschaft schuldig.

 

Dieser Gedanke – gerechtfertigt aus Glauben an Jesus – den hat Paulus vor knapp 2000 Jahren so formuliert:

 

Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus sind auch wir zum Glauben an Jesus Christus gekommen. (Gal 2, 16)

 

Für Paulus – und auch für Martin Luther 1500 Jahre später – war völlig unbestritten, dass sie sich vor Gott zu rechtfertigen haben.
 

Heute ist das anders.

Heute muss sich niemand mehr vor einem Gott rechtfertigen.

Und viele wollen Gott lieber los werden.
Oder haben unterwegs Gott verloren – ohne es zu wollen.

 

Und ich gebe zu: Das ist ja auch eine Befreiung.

Dieser Gedanke, keinem Gott etwas schuldig zu sein, Gott los zu werden, hat etwas Befreiendes.

Und wer Gott los geworden ist, braucht ihn auch nicht zurück, um sich von ihm oder seinen Vertretern ein schlechtes Gewissen machen zu lassen.

 

Und da soll die Kirche auch nicht mit der Hölle drohen und sagen: „Doch, doch! Du musst dich vor Gott rechtfertigen. Denn du bist ein Sünder und der Glaube ist die Lösung.“

 

Fast so wie bei einem Mann mit einer Glatze, dem ich zuerst eine Haartransplantation und dann einen Haarschneider andrehe – ich schaffe erst ein Problem, für das ich dann die Lösung parat habe.

 

Für mich bleibt aber die Frage: Vor wem oder was rechtfertigen sich Menschen heute? Manchmal habe ich das Gefühl, die Hölle ist nur irdischer, aber keineswegs humaner geworden.

 

Martin Luther schrieb in seinem Kommentar zum Galaterbrief*: Der Glaube reißt uns von uns selbst weg und stellt uns außerhalb von uns selbst.

 

Sich selbst entrissen werden. Klingt auf den ersten Blick auch nicht viel besser.

 

Doch von sich selbst entrissen zu werden, das hat auch etwas Befreiendes:

Ob ich hoch oder niedrig von mir denke.

Ob mich manchmal der Größenwahn plagt oder ich mit Minderwertigkeitskomplexen zu kämpfen habe.
Mein Glaube kann mich von dem Druck befreien, der manchmal auf meinen Schultern lastet. Den ich mir oft selbst aufbürde. Oder den die moderne Gesellschaft auf mir ablädt – höher, schneller, weiter, koste es, was es wolle. Das zwingt mich fast in die Knie.
Was für eine Befreiung, davon losgerissen zu werden.

 

Ich gebe zu: Das ist leichter gesagt, als diese Botschaft im Herz zu tragen.
Wie sehr habe ich während den Lockdowns vermisst, anderen Menschen zu begegnen, zu predigen, wie gewohnt zu arbeiten, Feedback zu bekommen.

Sich selbst entrissen zu sein, heißt aber auch: weniger davon abhängig zu sein, dass andere meine Arbeit wertschätzen. Und ich kann meiner selbst gewiss sein – auch ohne die ständige Begegnung mit anderen.

 

Durch den Glauben sich selbst entrissen zu sein, heißt nämlich nicht, verlassen zu sein.

Glauben ist kein Ort der Verlassenheit, sondern im Gegenteil – der Gottesnähe. Gott reißt mich los und macht mich fest – in Christus. Wer an Gott glaubt, kann die Erfahrung machen: Ich muss nicht allein auf mich selbst vertrauen, sondern bin geerdet, verankert.
 

Gerechtfertigt durch den Glauben an Jesus Christus klingt dann in meinen Ohren nicht mehr ganz so mittelalterlich. Im Gegenteil – das, was Kern meines Glaubens ist, hat das Zeug meine Perspektiven zu verändern.

 

*In epistolam S. Pauli ad Galatas Commentarius, 1531/1535:

„Und das ist der Grund, warum unsere Theologie Gewißheit hat: Sie reißt uns von uns selbst weg und stellt uns außerhalb unser, so daß wir uns nicht auf unsere Kräfte, Gewissen, Sinn, Person, auf unsere Werke stützen, sondern auf das, was außerhalb unser ist, nämlich auf die Verheißung und Wahrheit Gottes, der nicht täuschen kann – Atque haec est ratio, cur nostra Theologia certa sit: Quia rapit nos a nobis et ponit nos extra nos, et non nitamur viribus, conscientia, sensu, persona, operibus nostra, sed eo nitamur, quod est extra nos, Hoc est promissione et veritate Dei, quae fallere non potest.“

(In epistolam S. Pauli ad Galatas Commentarius, 1531/1535 [WA 40/1, S. 589,25–28; Übersetzung nach: D. Martin Luthers Epistel-Auslegung, Bd. 4: Der Galaterbrief, hg. v. Hermann Kleinknecht, 2. Auflage, Göttingen 1987, S. 228).

Es gilt das gesprochene Wort.