Macht hoch die Tür

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Macht hoch die Tür
05.12.2020 - 10:00
 

 

Ein langer, langer Schulweg

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit …“

Diese Worte wecken in mir eine Erinnerung aus der Schulzeit. In Kamerun, wo ich aufgewachsen bin, besuchte ich ein Internatsgymnasium, das 200 km von zuhause entfernt war. Nach den Ferien stand jedes Mal eine sehr aufregende zweitägige Reise dorthin bevor. Am ersten Tag musste man Jaunde, die Hauptstadt erreichen. Dafür gab es nur einen kleinen Bus, der einmal am Tag  fuhr. Die Abfahrt lag zwischen zwei und vier Uhr nachts. Es war die einzige Möglichkeit, um nach Jaunde zu gelangen. Von dort ging es am nächsten Tag weiter mit dem Zug. Er fuhr früh zwischen sieben und acht Uhr los. Auch er war der einzige, der täglich die Richtung meiner Schule ansteuerte. Diese Fahrt erlebte ich immer zusammen mit meinem Cousin, der dieselbe Schule besuchte.

Einmal hatten wir, trotz aller Bemühungen, keinen Platz im Bus bekommen. Wir mussten uns eine Lösung einfallen lassen. Hauptsache fortkommen. Jaunde zu erreichen war unmöglich. Mühsam erreichten wir Mbalmayo am Spätnachmittag. Hier konnten wir auch einen Zug bekommen. Der aber fuhr nur bis Otele, seiner Endstation, vier Bahnhöfe von unserer Schule entfernt. Und da wir erst am Spätabend in Otele sein würden, war ein Weiterkommen ausgeschlossen.

Als wir dann bei kargem Licht an der Bahnstation in Otele abstiegen, verschwanden alle anderen Passagiere schnell. Wortlos blickten mein Cousin und ich uns suchend um, als wollten wir einen Anhaltspunkt entdecken, der uns aus dieser aussichtslosen Situation erlösen könnte. Wir kannten uns hier nicht aus und konnten uns niemanden vorstellen, der uns hätte helfen können. Hin und wieder lief ein Mensch vorbei, warf einen fragenden Blick auf uns, sagte jedoch kein Wort. Es war nur eine Frage der Zeit, dann würde das knauserige Licht ausgeschaltet werden.

Eine gute Stunde standen wir da, neben unseren Koffern. Doch dann tauchte ein Mann mit Taschenlampe auf. Es käme kein Zug mehr an diesem Abend, falls wir darauf warteten, belehrte er uns. Nachdem er jedoch unsere Geschichte gehört hatte, bat er uns, zu sich nach Hause zu kommen. Er wohnte hinter dem Bahnhof. Seine Frau bewirtete uns, und mein Cousin und ich bekamen ein Bett für die Nacht.

Als wir uns für die Gastfreundschaft bedankten, sagte der Mann nur: „Wo eine Tür offen ist, da gibt es auch Menschen.“

Aufgenommen zu werden macht Hoffnung

Wenige Worte, die in jenem Augenblick eine Situation erklärten, die meinen Cousin und mich emotional tief berührten. Nicht nur erfüllte uns ein Gefühl tiefer Befriedung, das uns vom Strang der Aussichtslosigkeit befreite. Fantasien hatten sich, von der Angst genährt, in uns eingefressen. Wir sahen uns in einer völlig fremden Region verloren und ausgeliefert. Nun aber konnten wir befreit ein- und ausatmen, wieder hoffen. Das Gefühl der Sicherheit kehrte in uns zurück. Eine kleine Familie hinter dem Bahnhof hatte uns die Tür offen gehalten. Sie knüpften an eine alte südkamerunische Tradition an: In den Dörfern standen Haustüren bis in die späten Abendstunden immer offen. Eine geschlossene Tür hatte die Aussage, dass niemand zu Hause war. Wo aber Menschen waren, war es für sie eine edle Pflicht, dass sie ihre Tür offen hielten und Gastfreundschaft ausübten. Wir waren körperlich, vor allem aber seelisch gestärkt, als wir am nächsten Vormittag in den regulären Zug von Jaunde einstigen. Kurz später erreichten wir wohlauf unser Schuldorf.

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit …“

Vielleicht bezog sich Georg Weissel, der Pfarrer und Dichter, der im Winter 1623 diese Worte verfasste, auch auf eine solche befreiende Erfahrung. Er selbst soll ja berichtet haben, dass er in Königsberg während eines Schneesturms in der Nähe des Domes war. Nicht nur er, sondern zahlreiche andere suchten daraufhin im Dom Zuflucht. Dort öffnete ihnen der humorvolle Küster die Tür des Doms mit den Worten: „Willkommen im Hause des Herrn! Hier ist jeder in gleicher Weise willkommen … Das Tor des Königs aller Könige steht jedem offen.“ Georg Weissel bedankte sich beim Küster, da dieser ihm eine „wunderbare Predigt“ gehalten hätte. Die ersten Verse des Liedes „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ sollen ihm, laut diesem Bericht, da in den Sinn gekommen sein. Den Rest schrieb er zu Hause binnen kurzer Zeit.

Gott wird unser Gast

Aber dieser Text, den Georg Weissel fertigstellte, hat nicht die Menschen im Blick, die bei Gott zu Gast sind. Sondern Gott ist es, der als Gast zu uns Menschen kommt. Dies erklärt sich, wenn man weiß, dass das Lied anlässlich der Einweihung des besagten Doms am zweiten Advent 1623 entstand. Der im Hintergrund schimmernde Psalm 24 hat genau dieses Motiv im Blick. Er gibt eine alte israelitische Liturgie wieder, bei der Gott, dessen Gegenwart durch die Bundeslade dargestellt wurde, in den Tempel einzog.

Doch Georg Weissel schafft es, dass Gott nicht nur wie eine Majestät wirkt, die triumphierend in Haus, Stadt oder Land einzieht. Gott zieht auch ein in die Herzen der Menschen. Gott bringt nicht nur Herrlichkeit, sondern auch Sanftmütigkeit, Barmherzigkeit und Freude. Und der Mensch wird Gottes Gastgeber. Ob Gott die Gastfreundschaft des Menschen auch so intensiv erlebt wie ich damals mit meinem Cousin? Ich glaube schon.