Eine andere Gerechtigkeit

Wort zum Tage
Eine andere Gerechtigkeit
07.06.2016 - 06:23

Morgens vor allen anderen aufstehen, damit noch genug Zeit bleibt, die Mutter zu pflegen. Sie macht es ohne Murren, sie weiß, dass ihre Mutter viel für sie getan hat. Sie empfindet das als selbstverständlich, als eine Sache der Generationengerechtigkeit. Wären da nicht die seltenen Besuche ihres Bruders. Wenn er kommt, strahlt die Mutter über das ganze Gesicht. Nach zwei Stunden ist er wieder weg. Und sie steht wieder alleine da. Mit verletztem Herzen und zunehmend auch mit Wut über diese Ungerechtigkeit.

 

Die Frage nach der Gerechtigkeit ist ein sensibles und hoch aufgeladenes Thema – auch in unserer Gesellschaft. Ob bei Lohngerechtigkeit und Mindestlohn, bei der Frage der Boni und der Managergehälter – es geht es nicht einfach um den materiellen Mehrwert. Mein Selbstwert steht auf dem Spiel; der Wert meiner Bemühungen, meines Fleißes, meines Einsatzes. Ich merke das am deutlichsten, wenn ich mich selbst ungerecht behandelt fühle.

 

In die Sorge, zu kurz zu kommen, kann ich mich aber auch so hineinsteigern, dass ich nur noch mich selbst sehen kann. Darauf zielt Jesus in einem Gleichnis. Ein Weinbergbesitzer zahlt am Abend des Arbeitstages allen den gleichen Lohn aus, obwohl sie ganz unterschiedlich lang gearbeitet haben – zwölf Stunden, sechs oder nur eine. Das weckt den Zorn der Arbeiter, die sich am längsten im Weinberg gemüht haben. Doch der Weinbergbesitzer weist sie zurück und sagt zu einem von ihnen: „Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?“ Das starke alte Wort „scheel“ meint den schiefen Blick aus dem Augenwinkel heraus, den Blick, der vergleicht. Letztlich kann dieser scheele Blick nur noch das sehen, was er nicht bekommen hat. Er kann nicht mehr sehen, dass der eine Silbergroschen reicht.

 

Natürlich kann ich die Wut der Arbeiter verstehen und mit ihnen alle, die das Gefühl haben, dass Ihre Mühe nicht genügend gesehen wird. Aber das Gleichnis Jesu öffnet die Chance, aus dem Kreis des ständigen Vergleichens herauszutreten. Es geht Jesus um einen Blickwechsel. Ich gewinne wieder einen geraden Blick, der meinen Nächsten nicht ausschließlich unter der Perspektive anschaut, ob er mehr oder weniger geleistet hat, sondern mit der Frage, was auch er braucht, um zu leben. Und darum geht es im Gleichnis Jesu: Am Ende des Tages haben alle genug, um satt zu werden. Das scheinbar ungerechte Verhalten des Weinbergbesitzers erinnert an etwas, das leicht vergessen wird: Barmherzigkeit. Auf die sind – glaube ich – letztlich alle angewiesen. Dass man gnädig mit mir ist und mir gibt, was ich brauche, auch wenn ich es eigentlich nicht wirklich verdient habe. Ich glaube mit Jesus, das ist die Weise, in der Gott auf uns Menschen schaut: barmherzig.