Aus der Wut zum Segen
mit Pfarrer Wolfgang Beck aus Hildesheim
06.07.2024 23:35

Das ist ungerecht! Die anderen haben es immer leichter als ich! Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, vermutlich haben sie solche Gefühle auch ab und zu: Anderen geht es gut, mir geht es schlecht. Einfach ungerecht. Klar, es ist sicher gut, wenn Menschen ein ausgeprägtes Unrechtsempfinden haben. Wenn Menschen protestieren, weil sie zu kurz kommen. Aber was geschieht, wenn aus gefühltem Unrecht der Eindruck permanenter Benachteiligung wird? Dann scheint sich mein Eindruck immer wieder zu bestätigen: Die anderen haben eine bessere Ausgangsposition. Eltern, die sie mehr unterstützen. Mehr Geld, weil es eine Erbschaft gab. Oder einfach mehr Glück.

"Und ich? Ich strample mich ab und hab kaum etwas davon?"

So muss es wohl vielen Menschen gehen, die derzeit in den europäischen Ländern den Eindruck haben, dass sie permanent benachteiligt sind. Wer ständig das Gefühl hat, kämpfen zu müssen, hinten an zu sein und mit der eigenen Not übersehen zu werden, bei dem kocht die Wut irgendwann über – manchmal auch bei den politischen Wahlen. Denn dabei kann ich es ja allen, die mir das Leben schwer machen", mal so richtig zeigen – ohne jedes persönliche Risiko! An diesem Wochenende wird in Frankreich gewählt. Aber das Bild, das Phänomen, das wir gerade in Frankreich beobachten, scheint derzeit in vielen Ländern ähnlich zu sein, in denen rechtspopulistische Parteien florieren und Erfolge feiern. Sie profitieren von denen, die wütend sind. Von denen, die mit Schaum vor dem Mund brüllen: "Ich muss mich abrackern und habe kaum etwas davon, während die andern mich auslachen und die Füße hochlegen." Es ist dieses Empfinden, dass ich besonders viel kämpfen muss. Und dann nutzen Menschen eben mal eine Gelegenheit, die Wut und den Frust rauszulassen. Klar, man könnte versuchen zu diskutieren und zu argumentieren: Mensch, es geht dir doch auch nicht schlecht. Aber wer angefüllt ist mit Wut und Zorn hat keinen Platz mehr für solche gut gemeinten Hinweise. Für Menschen im permanenten Kampfmodus und mit der Angst abzurutschen, gibt es eine großartige biblische Erzählung über Jakob.

Der biblische Jakob ist ein Typ, der eigentlich immer meint, zu kurz zu kommen. Er kämpft gegen seinen Bruder. Er kämpft um seinen Besitz und sieht sich im Wettstreit und in Konkurrenz. Jakob ist so eine Existenz, er lebt so ein unentspanntes Leben eines vermeintlich Benachteiligten. Den Kampf seines Lebens kämpft er in einer Nacht mit einem Engel. Oder vielleicht mit Gott. Ein bisschen aber wohl auch mit sich selbst. Der Kampf kennt kein Ende. Er geht bis zum Morgen. Ein Kampf, der erbittert die ganze Nacht durchgerungen wird. Aber am Schluss wird aus dem Kampf ein Segen.

Was auf den ersten Blick aussieht, wie eine Strafe, erweist sich schließlich als Segen. Das scheint mir für Menschen, die sich selbst so erleben, so kämpfend, entscheidend zu sein: Mündet mein Kämpfen und Ringen in Bitterkeit und wird grenzenlos? Oder kriege ich die Kurve, sodass Segen entsteht und ich versöhnt mit mir und anderen leben kann? Denen, die voller Wut sind, würde ich diese Wendung wünschen: Versöhntsein auch mit sich selbst.

Einen guten Sonntag!

Sendeort und Mitwirkende

Norddeutscher Rundfunk (NDR)
Redaktion: Sabine Pinkenburg
 

Kontakt zur Sendung

Katholischer Senderbeauftragter für Das Wort zum Sonntag für den NDR

Andreas Herzig, Erzbistum Hamburg

Am Mariendom 4

20099 Hamburg


Tel.:   040 248 77 112

E-Mail: herzig@erzbistum-hamburg.de

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