"Wir müssen das Unglück müde machen." Das wünscht sich Pfarrer Benedikt Welter für das neue Jahr 2026. In seinem Wort zum Sonntag fragt er sich, wie das gehe kann. Vielleicht ja mit einer gewissen Kühnheit, die Dietrich Bonhoeffer zu Silvester in der Gefängniszelle an den Tag legt: Mit diesem Glauben, bei allem Unglück in guten Mächten wunderbar geborgen zu sein und so in das neue Jahr zu starten.
Sendetext nachlesen:
"Wir müssen das Unglück müde machen", sagt Tante Betsey zu ihrem Neffen David im Roman David Copperfield von Charles Dickens.
Ich finde diesen Satz grandios. "Wir müssen den Schicksalsschlägen kühn ins Gesicht sehen", hatte die Tante vorher schon gesagt. Dem Negativen KÜHN ins Gesicht sehen und das Unglück müde machen statt sich selbst. Das reiht sich doch gut ein in den Sack von Wünschen und guten Vorsätzen, mit denen das Neue Jahr begonnen hat. Es ist ja erst Tag drei im Januar. Die Feiertage sind vollbracht oder überstanden, je nachdem. Der "normale Wahnsinn" des Alltags nimmt so langsam Fahrt auf oder ist schon voll erblüht. Und da passt Tante Betseys Idee doch gut. "Wir müssen das Unglück müde machen." Ich begreife die Reihe von Feiertagen seit dem Heiligen Abend immer mehr im Sinne dieses Wortes: Weihnachten feiern, um kühn zu werden angesichts der Schicksalsschläge. Weihnachten feiern und ein Jahr festlich anfangen, um das Unglück müde machen zu können – sofort oder doch auf Dauer.
Denn um mich herum ist ja mehr als ein stummes kaltes Universum, dem ich völlig gleichgültig bin. Um mich herum sind "gute Mächte", die mich wunderbar beschützen, wie es in dem berühmten Gedicht von Dietrich Bonhoeffer heißt.
Geschrieben zu Silvester im Gestapo Gefängnis, mit dem Tod durch den Strang vor Augen: "Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.", schreibt er da.
Mir begegnen viele Menschen, die müde geworden sind an ihrem Leben: ein Schicksalsschlag – etwa der Tod eines nahen und geliebten Menschen – wird vom nächsten Unglück überholt – die Diagnose einer sehr schweren Erkrankung – und dann wird womöglich noch die Wohnung wegen Eigenbedarf gekündigt. Da wirst du so müde am Leben, dass du es kaum noch leben kannst.
Leider hat auch Tante Betsey kein Wort darüber gesagt, WIE David Copperfield das Unglück müde machen kann. Ich glaube, da hilft eine innere Kraftquelle; eine Kühnheit wie Bonhoeffers (und irgendwie auch mein) Glaube an die "guten Mächte". In der Regel kommen mir solche guten Mächte auf zwei Beinen entgegen. Denn es gibt sie noch: Menschen, die Interesse an mir haben; denen ich alles andere als egal bin. Es gibt sie noch: Menschen, die das eigene Glück hintenan stellt, weil ich ihr oder ihm etwas bedeute; die den Schicksalsschlag auch persönlich nehmen, der eigentlich nur mich getroffen hat – und die für mich da sind.
An diesem ersten Sonntag Anno Domini, im Jahr des Herrn 2026, will ich mit Tante Betseys Wort auch Sie ermutigen: Trauen Sie sich, das Unglück müde zu machen. Trauen Sie es sich zu und gestalten kühn und wach und von guten Mächten geborgen dieses Neue Jahr.
Katholische Rundfunkbeauftragte für Das Wort zum Sonntag für den SR und DR
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