Damit wir nicht blind werden

Damit wir nicht blind werden
mit Pastoralreferentin Lissy Eichert aus Berlin
11.09.2021 - 23:50

Guten Abend. Sollen wir mit den Taliban reden? Heute vor 20 Jahren der brutale Anschlag mit fast 3.000 Toten: Nine Eleven. Als Reaktion riefen die USA den globalen Krieg gegen den Terror aus. Allein in Afghanistan mehr als 200 000 Tote, darunter sehr viele Zivilisten. Und noch immer geht der Terror weiter.

Vor kurzem rief der amerikanische Präsident, immerhin mein katholischer Glaubensbruder: „Wir werden Euch jagen. Ihr werdet dafür bezahlen.“ Wollen wir diese Botschaft - und Praxis - von Rache und Vergeltung wirklich weitergeben an unsere Kinder und Kindeskinder?

Mahatma Gandhi hat gesagt: „Auge um Auge – und die ganze Welt wird erblinden.“ Wenn auf Gewalt immer Gegengewalt folgt, steigt nur die Opferspirale. Gandhi, der Hindu und gewaltfreie Friedenskämpfer, trug die Bergpredigt Jesu bei sich, ist überliefert. Betete die Seligpreisungen auch im Gefängnis. Die Seligpreisungen. Kann das funktionieren: mit den Seligpreisungen zum Frieden?

„Selig sind die Sanftmütigen; sie werden das Land erben.“

Die Sanftmütigen, die Böses nicht mit Bösem vergelten. Ich denke an Soldaten und Soldatinnen, die helfen, schützen und nicht als Besatzer empfunden werden. Ich denke an die Hilfswerke, die viele in ihrer Not erreichen. An Frauen und Männer von Belarus bis Hongkong, die für die Freiheit, wie Gandhi, ins Gefängnis gehen. Ich hoffe und bete, dass demokratiebewegten Frauen und Männer das Land erben.

„Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.“

Frieden ohne gerechte Verteilung der Güter? Den gibt es nicht. Ich denke an junge Menschen, die ihre Privilegien, ihren Lebensstil ändern und sich für eine solidarische Verteilung von Ressourcen auf der Welt einsetzen.

Und jetzt wird’s richtig heftig:

„Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen.“

Jesus verherrlicht hier nicht die Verfolgung, das wäre zynisch. Esa geht darum, die unselige Spirale der Gewalt zu stoppen. Ich fürchte gerade um Frauen in Afghanistan, um Lehrerinnen, Journalistinnen, Richterinnen. Die Seligpreisungen wollen allen Mut machen, die wegen ihrer Überzeugungen bedrängt werden, Hass und Hetze ausgesetzt sind.

„Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“

Kinder Gottes – nicht Gotteskrieger, oder wie früher Kreuzritter. Frieden stiften, im Großen wie im Kleinen. Also doch mit den Taliban reden? Oder wenigstens verhandeln. Ja, die Bergpredigt ist alltagstauglich, auch in der Politik. Mit Waffen gewinne ich keine Menschen, baue keine Demokratie auf und finde auch keinen Frieden im eigenen Herzen. Die Seligpreisungen sind wie ein Kompass für Entscheidungen, die Frieden bringen. Damit Rache und Vergeltung nicht das letzte Wort haben. Und die Menschheit nicht erblindet.

Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht und einen gesegneten Sonntag.