Wir sind verwundbar. Alle!

Wir sind verwundbar. Alle!
mit Pfarrer Gereon Alter aus Essen
31.07.2021 - 23:55

Wir sind verwundbar. Alle!

Guten Abend, meine Damen und Herren.

Wir sind verwundbar. Alle! Das hat das Hochwasser uns mal wieder in Erinnerung gebracht. Das erleben wir in der Pandemie tagein tagaus. Und das bekommen wir auch in unserem persönlichen Umfeld zu spüren. Wenn jemand plötzlich an Krebs erkrankt oder in eine psychische Krise schlittert. Wir Menschen sind verwundbar.

Und dennoch versuchen wir genau das mit aller Macht zu verdrängen. Jetzt, in den Tagen nach dem Hochwasser, lässt sich das besonders gut beobachten. Da bricht sich zwischen all der großartigen Hilfe, die geleistet wird, immer wieder auch der Unverwundbarkeitsmythos seine Bahn. "Das darf und wird so nicht wieder passieren." – "Wir werden das in den Griff bekommen." – "Es wird alles wieder so werden wie früher." – "Zusammen kriegen wir das hin."

Solche Sätze sind sicher gut gemeint. Und dennoch wirken sie auf mich wie Wahlkampfversprechen. Im Grunde weiß jeder, dass das nicht stimmt. Dass es zu große Versprechungen sind, nicht einlösbare. Denn das nächste Unglück kommt bestimmt. Wenn nicht als Hochwasser, dann als Terroranschlag oder Chemieunfall. Und dennoch krallen wir uns am Mythos der Unverwundbarkeit fest. Um Schuld zu kaschieren, keine Wähler zu verlieren oder einfach um nicht als Schwächlinge dazustehen.

Aber wir sind schwach. Wir sind verwundbar. Das gehört zu unserer Natur. Als Jesus vor Pilatus stand, am Ende mit seinen Kräften und seiner Mission, geschunden am Leib und an der Seele, da hat Pilatus über ihn gesagt: "Das ist der Mensch." Kein unbesiegbarer Held, sondern einer, der verwundbar ist.

Was wäre, wenn wir etwas mehr zu dieser Verwundbarkeit stünden? – Meine Erfahrung als Seelsorger sagt mir, dass wir einiges gewinnen würden. Wir würden zum Beispiel mit einer anderen Haltung helfen. Da gäbe es dann nicht die Armen, die es nun mal getroffen hat, und die anderen, die ihnen großzügigerweise helfen. Wir würden einander auf Augenhöhe begegnen – wissend, dass es jeden und jede treffen kann. An anderer Stelle und auf andere Weise vielleicht. Aber: wir sind alle verwundbar.

Würden wir mehr dazu stehen, würden wir auch konkreter und passgenauer helfen können. Denn wir würden einander keine leeren Versprechungen machen, sondern das tun, was in unseren Kräften steht. "Was können wir hier und jetzt tun, um die Not in Grenzen zu halten?" würden wir fragen, anstatt einander vorzugaukeln, dass es keine Not mehr geben wird.

Und: unsere Hilfe würde stetiger werden. Denn wir würden uns nicht erst dann engagieren, wenn uns etwas besonders anfasst oder sich Kameras darauf richten. Wir würden uns einbringen in dem Wissen, dass es immer Menschen gibt, die Hilfe brauchen. So ist übrigens in der jüdisch-christlichen Tradition der sog. "Zehnt" entstanden: Ich gebe regelmäßig zehn Prozent von dem, was ich habe, um anderen zu helfen – ganz unabhängig davon, wann und wo die Hilfe erforderlich ist. Denn jeder wird mal Hilfe brauchen. Irgendwann auch ich.

Zugegeben: Bei mir sind es keine zehn Prozent. Aber ich habe mir schon angewöhnt, nicht nur auf die mediale Berichterstattung zu reagieren, die eine Not ja auch ganz schnell wieder aus den Augen verlieren kann, sondern auch und vor allem denen zu helfen, die in Vergessenheit geraten sind. Denn deren Not ist oft noch am größten.

"Zeige deine Wunde", hat schon Joseph Beuys gesagt und damit gemeint: zeige dich als der, der du wirklich bist. Ein großartiger, liebenswerter, aber eben auch verwundbarer Mensch. Das wäre in meinen Augen noch der größte Gewinn, denn wir hätten, wenn wir etwas mehr zu unserer Verwundbarkeit stünden: Wir wären mehr die, die wir eigentlich sind. Menschen. Verwundbare Menschen.