Gemeinfrei via Fundus/ Hans Genthe
Verwandlung
Schritt für Schritt aus der Krise
12.05.2026 06:20

Sie ist Kriminalpolizistin und souverän in ihrem Job. Aber ein Trauerfall wirft sie seelisch aus der Bahn. Was hilft, um wieder Tritt zu fassen?

Sendetext:

Wir gehen langsam, Schritt für Schritt. Die Polizistin und ich. Um uns herum das frische Grün des Frühlings. Gemeinsam drehen wir wieder einmal unsere Runde im Park.

Dieses Ritual pflegen wir seit dem letzten Herbst. Ich bin Polizeiseelsorgerin, und die Polizistin hatte mich um ein Gespräch gebeten. Ihre Mutter war vor kurzem verstorben. Ihr Tod hat bei der Tochter einiges an Emotionen ausgelöst. Sie ist einverstanden, dass ich hier ihre Geschichte erzähle.

Sie ist Kriminalpolizistin. Bearbeitet Einbrüche, ist für die Geschädigten da, ermittelt. Darin ist sie souverän. Die Situation mit ihrer Mutter dagegen erlebt sie als Kontrollverlust: Sie fühlt sich einsam. Plötzlich rückt sie in die Position der älteren Generation. Noch dazu sind ihre Kinder gerade dabei, sich abzunabeln.

So viel Verlust und Veränderung auf einmal machen ihr zu schaffen: Nachts kann sie nicht schlafen. Die Tage wirken schwer und trübe, der Alltag surreal. "Würden Sie mit mir spazieren gehen?", hat sie mich gefragt. "Ich will mir mal alles von der Seele reden." Das haben wir gemacht. Ich hörte zu.

Am Ende des ersten Gesprächs habe ich sie gebeten: "Malen Sie zu Hause doch mal auf ein leeres Blatt, wie sich Ihre Trauer anfühlt." Sie malte lauter Fragezeichen. "Ein Fragezeichen steht für Gott", erzählt sie mir. Sie kommt aus einer Familie, die wenig mit Glauben zu tun hat. Aber sie hat immer eine Verbindung gespürt zu einer höheren Macht. Wie auch immer sie sich diese vorstellt. Jetzt in der Trauer sucht sie – auch nach Gott.

Im Winter spazieren wir noch ein paar Mal durch den Park. Von Treffen zu Treffen verändert sich etwas. Sie ordnet die Unterlagen ihrer Mutter. Geht auf Reisen. Besucht auch mal den Gottesdienst in ihrer Heimatgemeinde. Bei unserem letzten Spaziergang ist schon Frühling. Sie ist voller Freude, innerlich aufgeräumt. Verglichen mit unserem ersten Treffen wie verwandelt.

Die Trauer um ihre Mutter gleicht einem Weg. Keinem geraden und er führt auch nicht immer nur vorwärts.

An einigen Stellen ist sie stehengeblieben, auch mal zurückgegangen, weil sie mit dem Verlust gehadert hat und ihre verstorbene Mutter festhalten wollte. Und dann ist sie doch weitergangen: Den Weg zwischen Festhalten und Loslassen. Mit der Zeit hat sie für sich neue Anfänge entdeckt: ein ehrenamtliches Engagement, ihre Verbindung zu Gott, einen neuen Lebensabschnitt.

Vielleicht werden die Fragezeichen nicht weniger, aber sie verändern ihre Bedeutung. Wie auch die Trauer sich verändert, vom schmerzhaften Kontrollverlust zu einem Gefühl der neuen, anderen Verbundenheit mit dem verlorenen Menschen. So führt der Weg der Polizistin wieder in eine neue Zukunft. Ganz langsam, Schritt für Schritt.

Es gilt das gesprochene Wort.

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