Stephan Meckel
Durst nach Leben
Am Karfreitag - aus der evangelischen Stadtkirche in Laubach in Oberhessen
03.04.2026 10:05

Am Karfreitag übernimmt der Deutschlandfunk den Live-Gottesdienst des hr4 aus der evang. Stadtkirche in Laubach in Oberhessen.

Pfarrer Jörg Niesner gestaltet den Gottesdienst und predigt. Der ehemalige hr4 Moderator Hermann Hillebrand übernimmt die biblische Lesung und führt durch den Gottesdienst. 
An Karfreitag denken Christinnen und Christen an Jesu Tod. Jesus ruft am Kreuz: "Mich dürstet." Ein schlichtes, menschliches Gefühl – und zugleich tiefe Sehnsucht nach Leben. In diesem Gottesdienst erzählen drei Menschen von ihrem "Durst nach Leben": Sabrina beschreibt ihren Weg nach Erschöpfung zur inneren Stabilität. Roland berichtet von Verlust, Alkoholsucht und einem Neuanfang mit Musik. Ella, eine junge Frau aus der Gemeinde, spricht von ihrem Durst nach echter Weltbegegnung, Gerechtigkeit und Gestaltungskraft trotz Unsicherheiten. 

Pfarrer Jörg Niesner verbindet in seiner Predigt Jesu Worte mit diesen Lebensgeschichten. Er sagt: "Durst ist nicht gleich Durst. Er zeigt sich unterschiedlich – als Sehnsucht nach Sinn, nach Halt oder nach offener Zukunft. Jesus kennt unseren Durst von innen."  

Ein Terzett mit Simone Schwark (Sopran), Birgit Schmickler (Alt) und Christoph Kögel (Bass) singt u.a. Stücke von Distler und Enjott Schneider. Daniela Werner am Akkordeon interpretiert "Going Home" nach Dvorak, "Were You There" sowie Werke von Bach und Grieg. Dekanatskantorin Anja Martine hat die musikalische Leitung und spielt an der Barockorgel der Stadtkirche. Gesungen werden bekannte Lieder wie "Holz auf Jesu Schulter" (EG 97), "Ein Lämmlein geht" (EG 83), "Da wohnt ein Sehnen" (EG+ 102) und "Bewahre uns, Gott" (EG 171). 

Nach dem Gottesdienst können Hörerinnen und Hörer von 11 bis 13 Uhr anrufen und mit Pfarrer Niesner und Telefonseelsorgern sprechen. Die Nummer ist 0 69 / 5 80 98-468. 
Die Predigt zum Lesen und das Audio zum Hören finden Interessierte auf www.kirche-im-hr.de und www.rundfunk.evangelisch.de


Predigt:

I
Liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer,

Durst ist, wenn die Lippen trocken werden. Die Zunge klebt am Gaumen, der Hals fühlt sich rau an. Man schluckt, aber es hilft nicht. Der Kopf wird schwer, die Konzentration lässt nach, und Unruhe breitet sich aus. Der Körper schlägt Alarm: Da fehlt etwas.

Wenn der Durst stärker wird, dann zählt nur noch eins: Man denkt nicht mehr an Pläne oder Aufgaben. Man denkt an Wasser. An einen Schluck. An Linderung. Der Körper ist dann ehrlich. Er verhandelt nicht. Er beschönigt nichts. Er zeigt deutlich: Ich brauche jetzt Wasser.

Die meisten von uns erleben körperlichen Durst nur vorübergehend. An einem heißen Sommertag. Nach einem langen Weg. Beim Sport. Wir wissen, dass bald ein Glas Wasser da sein wird. Wir drehen den Hahn auf. Wir öffnen eine Flasche. Wir trinken, und das Leben kehrt spürbar zurück. Das ist nur ein kurzer Moment, der schnell vorbei ist.

Aber Durst kann auch anders sein. In vielen Teilen der Welt ist er kein kurzer Moment. Er bestimmt das Leben. Menschen gehen kilometerweit für Wasser. Kinder lernen früh, was es heißt, nicht genug zu haben. Dort ist Durst nicht nur unangenehm, sondern bedrohlich. Er greift in das Leben ein. Er entscheidet über Gesundheit, über Kraft, manchmal über Leben und Tod.

Durst betrifft das Innerste. Wenn dem Körper das Wasser fehlt, ist nur noch Notbetrieb möglich. Der Körper spart Energie. Er kämpft, solange er kann. Und wenn er nichts bekommt, bricht er irgendwann ein.

"Mich dürstet", sagt Jesus am Kreuz.

Das ist kein komplizierter Glaubens-Satz. Das ist ein körperlicher Satz. Ein Satz aus einem ausgetrockneten Leib. Ein Mensch hängt am Kreuz, der Atem geht schwer, die Kehle ist trocken, die Kräfte schwinden. Jesus sagt direkt, was er spürt: Ich habe Durst.

Was Ella, Sabrina und Roland berichten, zeigt mir: Durst ist nicht immer im Mund. Durst gibt es auch im Herzen. Wir kennen Momente, in denen etwas in uns trocken wird. Wenn wir lange funktionieren. Wenn wir stark bleiben wollen. Wenn wir nur Erwartungen erfüllen. Wenn wir zu schwere Verantwortung tragen. Wenn die Sehnsucht da ist nach einem guten Platz im Leben. Und irgendwann merken wir: Ich habe keine Kraft mehr. Ich kann nicht mehr nur geben. Ich brauche etwas.

Dieser innere Durst zeigt sich nicht immer direkt und laut. Er kommt langsam. Als Erschöpfung. Als Reizbarkeit. Als Rückzug. Als das Gefühl, alles ist schwer geworden.

Oft versucht man, ihn zu übergehen. Sagt sich: Es geht schon. Andere schaffen es doch auch. Stell dich nicht so an.

Aber Durst lässt sich nicht weg reden. Er meldet sich wieder. Er macht deutlich, dass wir nicht aus uns selbst leben. Nicht alles aus eigener Kraft schaffen. Dass wir angewiesen sind. Auf Wasser. Auf Nähe. Auf Sinn. Auf Beziehung. Auf ein Wort, das trägt.

Durst ist kein Makel. Nichts, für das wir uns schämen müssen. Er ist ein Zeichen dafür, dass wir leben. Wer nichts mehr braucht, ist nicht lebendig. Wer nichts mehr vermisst, ist nicht berührbar. Durst zeigt, dass in uns noch etwas wach ist. Dass da Verlangen ist nach Leben. Nach Lebendigkeit.

Karfreitag führt uns genau an diesen Punkt. Ein Mensch ist am Ende seiner Kraft. Und er sagt einen Satz, der nichts beschönigt. Er benennt den Mangel. Ganz menschlich.

"Mich dürstet."

Dieses Wort steht heute im Raum als etwas, das wir kennen.

Wir hören jetzt Musik, Bachs Andante A-Moll. Vielleicht hilft sie, dem eigenen Durst im Leben auf die Spur zu kommen Nun erklingt Musik – Bachs Andante A-Moll. Danach wird es um Gottes Nähe zu unserem Durst gehen. Gottes Nähe am Kreuz.

II
Am Kreuz hängt kein stolzer Held. Dort hängt ein Mensch. So zeigt sich Gott. 
Sein Körper ist verletzt, sein Atem wird flacher, die Kräfte gehen zu Ende. Der Evangelist Johannes verschweigt das nicht. Er zeigt einen, der ausgeliefert ist – dem Schmerz, der Erschöpfung, der Endlichkeit.

Jesus kann nicht mehr viel reden. Er erklärt nichts. Er verteidigt sich nicht. Er sagt einfach: Ich bin durstig. Damit wird klar: Gott ist nicht jemand, der über menschliche Schwächen erhaben bleibt. Gott teilt Durst und Schmerz. Gott ist mittendrin. 

Das fordert heraus, auch mich. Denn manchmal hätte ich es erstmal lieber anders: Gott, der stark und erhaben bleibt. Gott, der souverän bleibt. Gott, der über dem Leiden steht.

Aber die Geschichte von Karfreitag zeigt ein anderes Bild. 
Sie zeigt Jesus, der Leid und Tod nicht einfach überspringt. Der nicht ausweicht. Nicht davonläuft. Der die Tiefen des Lebens kennt. Die Müdigkeit. Die Angst. Den Mangel.

Für mich ist das tröstlich: Unser Durst im Leben ist Gott nicht egal. Gott weiß: Mangel kann tödlich sein. Gott hat es selbst durchgemacht. Der Essig, den sie Jesus reichen, der hat nicht geholfen.  

Unser Lebensdurst zählt. Wir müssen ihn kennen und nennen.  Wir brauchen nicht "drüber stehen". 
Man kann diesen Durst betäuben. Eine Zeit lang ignorieren. Aber er kommt zurück. Er gehört zu uns.

Roland und Sabrina zeigen das: Es ist ein langer Weg. Bis man sagt: "So geht‘s nicht weiter." Bis man zugibt: "Ich bin abhängig. Es muss sich ändern."
Aber Sabrina und Roland zeigen auch: Es lohnt sich. Karfreitag heißt: Gott geht mit; ist an deiner Seite. Der Durst nach Leben ist kein Fehler im Glauben. Er gehört zum Kern des Glaubens.

Wer an seine Grenze kommt, steht nicht allein. Er ist an einem Ort, den Gott selbst kennt. Jetzt kommt das Akkordeon mit Solveigs Lied von Edvard Grieg. Danach zeigen die Geschichten von Sabrina und Roland, wie aus tiefem Durst neues Leben wachsen kann.

III
Jesus sagt: "Mich dürstet." Jesus sagt das nicht, weil gleich alles gut wird. Er sagt diesen Satz im Sterben. Sein Körper ist erschöpft. Die Kraft geht zu Ende. 
Karfreitag ist ein schwerer Tag. Er verspricht keine schnelle Heilung. Aber er zeigt etwas Wichtiges: Auch dort, wo alles fehlt, bin ich nicht gottverlassen.
In den Geschichten, die wir gehört haben, ist etwas zu Ende gegangen. Ein Selbstbild. Eine Gewissheit. Eine Form von Leben, die nicht mehr getragen hat. Das tut weh. Es erschüttert. Es zwingt zur Ehrlichkeit.
Und manchmal beginnt genau dort eine Bewegung. Etwas verändert sich. So hat Sabrina diese Veränderung erlebt: 

Zeugin Sabrina:
Ich habe verstanden: Dass etwas scheitert, heißt nicht, dass ich falsch bin. Manchmal passt der Zeitpunkt nicht. Oder der Rahmen. Heute ist mein Leben ruhiger. Ich habe wieder einen Job, in dem ich Wertschätzung erlebe und abends noch Kraft für mich habe.

Und ich weiß jetzt: Auch nach einem Zusammenbruch kann wieder etwas wachsen.

Jörg Niesner:
Roland, mein Vater, der seinen Lebensdurst lange mit Alkohol betäubt hat, lebt nun wieder im Einklang mit sich. Das erlebt er so: 

Zeuge Roland:
Heute stille ich meinen Durst anders: Ich bin wieder unter Menschen, zusammen mit meiner Familie und besonders gerne mit meiner Enkeltochter.
Ich bin sogar wieder als Vertretungslehrer in die Schule gegangen, und ich merke: Ich kann es noch. Ich werde noch gebraucht.
Ab und zu mache ich wieder Musik, spiele Trompete. Es macht mir wieder Freude und die gute Laune ist zurück.
In der Therapie habe ich gelernt, dass ich jederzeit rückfällig werden kann. Da muss ich aufpassen. Aber ich hoffe, ich bleibe stark, und ich weiß, dass ich notfalls Hilfe bekomme.

Jörg Niesner:
Ella, die dieses Jahr Abitur macht, hat Durst nach vorne, in die Zukunft hinein. Sie hofft, dass sie ihren Platz findet. Und sie will dort, wo sie ist, ihren Teil beitragen, um die Welt gut zu gestalten. Ella setzt dabei auch auf ihren Glauben an Gott: 

Ella:
Ich glaube: Gott ist nicht ein alter Mann auf Wolken. Ich glaub: Gott sieht dich. Gott ist da. Du musst das Leben nicht allein tragen.

Ich weiß nicht, wie viel ich bewirken kann. Aber ich will es versuchen.
 

Fortsetzung Predigt:

Das sind keine großen Worte. Es ist noch kein Osterjubel. Es ist einfach Leben, das weitergeht. Aber verändert.

Der Blick auf den durstigen, sterbenden Jesus zeigt: Gott kennt unseren Durst und leidet mit. Gott weiß, wo wir sehnsüchtig, hilflos und bedürftig sind.

Und darin liegt eine große Hoffnung: Unser Durst trennt uns nicht von Gott. Sondern genau da, am tiefsten Punkt, im größten Durst, wo wir das Verlangen am stärksten spüren – da ist Gott auch. 

Amen.

Es gilt das gesprochene Wort.

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Service

Hörertelefon von 11 bis 13 Uhr: 069 580 98 468

Kontakt zur Sendung

Pfarrerin Heidrun Dörken
Evangelische Senderbeauftragte für den Hessischen Rundfunk
Telefon: 069 58098 607
E-Mail:   h.doerken@ev-medienhaus.de