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Paternoster
Ein Aufzug, ein Gebet – und das Leben
02.09.2026 06:20

Eine alte Art von Aufzügen: der Paternoster. Die Kabinen fahren ständig im Kreis, ohne zu halten. Man muss selbst den Schritt tun und zusteigen. Darüber lässt sich sehr schön übers Leben philosophieren.

Sendetext:

Ich bin Polizeiseelsorgerin und mein Büro ist in einem von diesen großen typischen Polizeidienstgebäuden in Berlin. Dort gibt es einen Paternoster-Aufzug. Ich liebe es, mit dem Paternoster zu fahren, weil es immer ein bisschen aufregend und abenteuerlich ist. Und ich schaue dem Aufzug auch gerne beim Fahren zu.

"Paternoster", zu Deutsch "Vaterunser". Genau wie der Anfang des bekannten christlichen Gebets. Warum dieser Name? Direkt in den Himmel kommt man damit jedenfalls nicht. Der Aufzug fährt ja eher endlos im Kreis. Jede Kabine fährt rauf, wird oben in den anderen Aufzugsschacht umgesetzt und fährt dann wieder runter. Sie hält nicht auf den einzelnen Etagen, sondern man steigt zu, wenn eine Kabine vorbeikommt.

Paternoster. Der Name kommt wohl von der Konstruktionsweise: Wie an einer Schnur sind die Kabinen aufgehängt, vergleichbar mit den Perlen an einer Rosenkranz-Kette. Beim Rosenkranz stehen die kleinen Perlen für das "Ave Maria", die größeren für das "Paternoster", das Vaterunser. Im Islam gibt es mit der Gebetskette Misbaha etwas Vergleichbares.

Es geht um eine meditative Wiederholung ohne Nachdenken, sich einfach Fallenlassen, voller Vertrauen. Ein bisschen wie der Paternoster-Aufzug, obwohl man da schon aufpassen muss, wo man hintritt. Denn der Paternoster hält ja nie an. Er läuft in einer ständigen Schleife, ist immer in Bewegung. Ich muss den richtigen Moment abpassen und dann beherzt hineintreten.

Genau wie im Leben. Manchmal sind schwierige, ja existentielle Entscheidungen zu treffen: Möchte ich Kinder haben? Soll ich meinen Job kündigen? Trenne ich mich? Will ich nochmal umziehen? Es braucht Mut, um einen Schritt zu tun. Sich auf eine neue Beziehung einzulassen. Überhaupt auf Menschen zuzugehen. Enttäuschungen zu überwinden. Wenn man den ersten Schritt nicht geht, dann passiert nichts… Und das Leben fährt vielleicht an einem vorbei.

Was passiert eigentlich an den Wendepunkten des Paternosters, ganz unten im Keller oder ganz oben? Man kommt jedenfalls nicht auf dem Kopf stehend wieder raus, auch wenn sich dort die Fahrtrichtung ändert. Auch an den Wendepunkten stürzt der Paternoster nicht ab. Das finde ich beruhigend. Es geht weiter.

Mich erinnert der Paternoster an die meditative und beruhigende Kraft der Wiederholung. Manch einer, manch eine findet sie beim Laufen oder Schwimmen, beim Stricken oder Musikmachen. Oder eben beim Gebet.

Und dann lockt mich der Paternoster, mutig nach vorn zu treten. Einen kraftvollen ersten Schritt zu machen. Das Leben wird mich tragen.

Es gilt das gesprochene Wort.

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