Gemeinfrei via Fundus/ Kai G. Fuchs
Herbst
Notfallmappe für den eigenen Tod
05.09.2026 06:20

Der Herbst ist die Lieblingsjahreszeit unserer Autorin. Für sie zeigt der Herbst nicht nur, dass alles vergeht.

Sendetext:

Jetzt in diesen Tagen beginnt meine Lieblingsjahreszeit. Der Sommer neigt sich, und es wird langsam Herbst. Die Bäume hängen voll mit Früchten. Die Scheunen füllen sich. Es ist die Zeit der Ernte. Das, was im Frühjahr gesät wurde, ist gewachsen – wenn es genug Wasser bekommen hat…

Viele mögen den Herbst nicht. Das Licht nimmt ab, es wird kälter und nasser. Da sehnen sich viele die Leichtigkeit der Sommertage zurück. Der Herbst ist irgendwie unbequemer, melancholischer. Nebel kommt auf, die Blätter verfärben sich und fallen von den Bäumen. Der Herbst erinnert uns an unsere eigene Vergänglichkeit. Klar, niemand denkt gern über den eigenen Tod nach. Aber wir sind alle davon betroffen.

Ich bin Pfarrerin. In den Trauergesprächen, die ich in Vorbereitung auf eine Beerdigung führe, erlebe ich eine ganze Bandbreite: Manche Verstorbene haben über ihren Tod hinaus viel durchdacht und vorbereitet. Andere haben sich gar nicht damit beschäftigt. In einigen Familien gibt es große Zurückhaltung, über Sterben und Abschied zu sprechen. Das verstehe ich. Es ist ja auch kein schönes Thema. Aber eben eines, vor dem sich niemand drücken kann.

In der Polizei Berlin gibt es eine Notfallmappe für alle Beschäftigen. Jede und jeder kann seine Wünsche für den Notfall, letztlich für den eigenen Todesfall, festhalten. Organisatorische Informationen sind darin wie Patientenverfügung, Organspende, Versicherungen. Praktische wie Passwörter. Und emotionale wie die Gestaltung der eigenen Trauerfeier.

Ich habe auch angefangen, meine Notfallmappe auszufüllen und mit meinem Mann über einzelne Punkte zu sprechen. Es fühlt sich echt komisch an. Traurig irgendwie, bittersüß. Auch notwendig. Und auch etwas erleichternd.

In Psalm 90, einem Gebet aus der Bibel, heißt es: "Lehre uns, unsere Tage zu zählen, damit wir ein weises Herz erlangen."

Ich verstehe das so: Es geht nicht darum, ständig an den eigenen Tod zu denken. Oder Angst davor zu haben. Sondern das eigene Leben bewusst zu leben – gerade, weil es endlich ist.

Die Notfallmappe erinnert mich daran: Mein Leben liegt nicht allein in meiner Hand. Ich glaube: Es gibt einen größeren Kreislauf von Werden und Vergehen. Oder besser von Vergehen und Werden. So ist es ja auch mit den Blättern im Herbst: Sie vergehen und werden wieder zu Erde. Und daraus wächst später neues Leben. Mein Leben wird enden und weitergehen. Nach dieser tieferen Weisheit suche ich, sucht mein Herz, besonders jetzt, wenn der Sommer endet und der Herbst beginnt.

Es gilt das gesprochene Wort.

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