Wege aus dem Seelenleid

Gemeinde als soziale Stütze bei Depression

Margret Müller: Es traf mich wie ein Donnerschlag und es kam dann halt auch alles zusammen: mein Mann verstarb ganz plötzlich, er wurde tot aufgefunden, dann kamen berufliche Probleme, ich sollte versetzt werden, dann wurde ich krank und dann suchte ich den Trost im Alkohol.

Thomas Kurz: Da war ich siebzehn Jahre alt, wo ich das erste Mal damit konfrontiert worden bin, mit extremer Schwäche, Machtlosigkeit gegenüber sich selber.

 

Was Margret und Thomas[1]* erlebten, kennen viele Menschen. Überforderung, Liebeskummer, der Tod eines Nahestehenden, eine schockierende Erfahrung – all' dies kann Depressionen auslösen. 350 Millionen Menschen weltweit leiden an dieser Erkrankung. Damit ist die Depression in entwickelten Gesellschaften geradezu eine Volkskrankheit geworden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass Depressionen im Jahr 2020 die zweithäufigste Volkskrankheit sein werden. Jede vierte Frau und jeder achte Mann erkrankt einmal im Leben an einer Depression. Erste Anzeichen sind nicht selten Schmerzen, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen.

 

Der Geschmack des Lebens ist verloren gegangen, sagen diese Männer verschiedener Selbsthilfegruppen im Rückblick:

Am Anfang konnte ich nicht mehr schlafen, dann kamen diese Sorgen, dieses Gedankenkreisen dazu, mir ging’s immer elender. Das Schlimmste war eigentlich, dass ich mich auf nichts mehr konzentrieren konnte und auch nicht mehr kommunizieren konnte. Ich habe gedacht, ich muss hier weg von der Welt. Das ist mir alles zu viel. Das war schon eine Anstrengung, eine Treppe hoch zu laufen. Ich habe stark abgenommen, weder Freude noch Trauer. Sinnlosigkeit, gar nichts Positives mehr, die ganze Natur, alles war grau.

 

Die Depression betrifft den ganzen Menschen, sein Gemüt, seine Arbeitskraft, sein körperliches Wohlbefinden, seine Beziehungen zu den Menschen – und bei Gläubigen auch zu Gott. Margret hat ihr Glaube in der Krise geholfen:

 

Margret Müller: Mein Glaube war immer schon da. Aber, er half mir da raus. Ich machte eine Langzeittherapie und fand auch Trost in der Kirche, keine schimpfende Kirche, die sagte, was hast du da verbrochen, wie konnte dir das passieren, sondern eine tröstende Kirche, die dann sagt, man kommt aus allem raus, und auch Jesus ging es nicht gut und er hat es geschafft.

Doch der Glaube hilft nicht jedem weiter. Manche Gläubige leiden gerade wegen ihres Glaubens. Beate Jakob ist in Tübingen Ärztin und Theologin. Sie weiß um die wechselseitige Beziehung von Glauben und Depression.

 

Beate Jakob: Für manche Menschen ist Glaube, Spiritualität, eine Quelle der Kraft. Für andere ist es so, dass sie zum einen erfahren, dieser Glaube, den ich als selbstverständlich für mich gelebt habe, der entschwindet mir in der Depression. Diese Beziehung zu Gott ist weg. Das ist eine sehr schmerzliche Erfahrung und wir wissen natürlich, das ist im Grund ein Teil der Erkrankung.

 

Für die Behandlung einer Depression gibt es verschiedene Ansätze, meistens verbunden mit einer Therapie.

 

Dr. Günther Mild: …wir können eine bequeme Haltung nehmen und wir können die Augen so lassen, wie wir gerade möchten und erst mal hier im Raum verweilen. Und wir lassen die Aufmerksamkeit in einer natürlichen Weise da sein…

 

Dr. Günther Mild ist Arzt und Psychiater – viele Jahre lebte er zurückgezogen als buddhistischer Mönch. Dadurch verfügt der in Siebenbürgen Geborene über große Erfahrung in Meditation und Achtsamkeitsübungen. An der städtischen Klinik für Psychiatrie in Karlsruhe lädt er Klienten jeglicher Glaubensrichtungen ein, bei Achtsamkeitsübungen im Hier und Jetzt anzukommen.

 

Studien mit buddhistischen Mönchen haben ergeben: das Gehirn sendet bei einer Meditation in erhöhtem Maße genau den Botenstoff aus, der Entspannung fördert und Angstgefühle mindert.

Professor Michael Berner leitet die Psychiatrische Klinik am Städtischen Klinikum Karlsruhe. Seit über 20 Jahren beschäftigt er sich mit den Aktivitäten des Gehirns bei einer Depression.

 

Prof. Michael Berner: Dann kann das mit diesem Stress nicht mehr umgehen und dann macht es folgendes: Dann sagt es, ich kommunizier' jetzt nicht mehr und ich fang einfach nicht mehr an, Emotionen zu verarbeiten. Und dann bekommen wir in der elektro-chemischen Kopplung des Gehirns ein Defizit an den Überträgersubstanzen, die für die Kommunikation des Gehirns unter einander verantwortlich sind. Dann haben wir ein Defizit an Botenstoffen, namentlich Dopamin, Serotonin und Noradrenalin, und das wiederum macht dann das typische Erscheinungsbild einer Depression. Und dieses Erscheinungsbild ist eben nicht nur ein nicht können oder nicht wollen, sondern das ist ein nicht mehr vermögen der Emotionsregulation, verbunden mit den Kernsymptomen der Depression.

 

Ein Hauptsymptom der Depression ist sozialer Rückzug. Bei leichteren Formen der Depression biete daher ein soziales Netz bereits gute Heilungschancen. Manchmal fehle den Erkrankten einfach ein neuer Sinn im Leben.

 

Prof. Michael Berner: …Der effektivste Faktor, lange zu leben, ist ein soziales Netz zu haben, familiäre, beruflich, freundschaftliche und sonstige Bezüge in seinem Leben überhaupt zu haben, das ist das, was einen hält.

 

Zuhören, da sein… Das sind die ureigensten Aufgaben der Seelsorge, erkannte die Tübinger Ärztin und Theologin Beate Jakob. Sie engagiert sich beim Deutschen Institut für ärztliche Mission, kurz Difäm. Heute ist es ein weltweites Netzwerk für christliche Gesundheitsarbeit. Zusammen mit der Universität Tübingen erforschte sie, welche Impulse eine Kirchengemeinde Menschen mit depressiven Erkrankungen geben kann.

 

Beate Jakob: Die Kirchengemeinden sind ja von ihrem Wesen her ein soziales Netz. Eine Gemeinde ist auch der Ort, wo existenzielle Fragen angesprochen werden, wo man gemeinsam die Frage auch nach dem Sinn des Lebens stellt, nach Gott fragt, wo man den Glauben gemeinsam lebt.

 

So entstand das Projekt Kirchengemeinde und Depression, bei dem wissenschaftlich begleitet drei Kirchengemeinden zwei Jahre lang die Seelsorge depressiv erkrankter Menschen zur Chefsache gemacht haben: Gesundheit, einmal nicht ausgelagert in Krankenhausflure, sondern mitten drin in einer Kirchengemeinde.

Seelsorge, die Muttersprache der Kirche, komme im Alltag oft zu kurz, meint der württembergische Pfarrer Johannes Eißler aus Eningen bei Reutlingen. Kurzerhand führte er im Rahmen der Studie eine Seelsorgesprechstunde ein.

 

Johannes Eißler: Eine Krankheit ist immer eine Verletzung und es ist nicht so, dass man da ohne Narben raus kommt. Was ich aber gelernt habe, ist, man kann raus kommen.

 

Eine Kirchengemeinde als soziales Netzwerk ist eine Quelle der Kraft. Idealer Boden, seelische Gesundheit zu fördern, für alle, nicht nur für depressiv Erkrankte. Unter diesem Vorzeichen gründeten sich vor einem Jahr in Stuttgart spontan sechs Nachfolgeprojekte zu dem Tübinger Modell. Heidrun Ferguson war im Stuttgarter Stadtteil Heumaden von Anfang an dabei.

 

Heidrun Ferguson: Ich denke, wir können viel bewegen, und ich denke, wir können uns auch bewusst machen, dass wir schon eine Reihe von Ressourcen haben, auf die wir bislang keine besondere Beachtung gelegt haben, die es in der Kirchengemeinde gibt. Es gibt gemeinsame Mittagessen, es gibt die Freizeiten, es gibt die Stufen des Lebens. Das ist so ein religiöser Kurs für Erwachsene, und auch einfach das Miteinander im Gottesdienst ist ja schon ein sehr wichtiger Stützfaktor.

 

Die Erfahrungen mit dem aktiven Zugehen auf depressiv erkrankte Menschen sind unterschiedlich. Als hilfreich erlebt werden einfühlsame Predigten, die auf die Gefühle Depressiver eingehen, Chöre und Singgruppen finden Zuspruch, ebenso wie die Seelsorgesprechstunde.

 

Johannes Eißler: Das erste ist, dass wir versuchen, die Menschen nicht ganz alleine zu lassen. Wir sehen da unsere Grenzen, aber dass wir sie und vor allem auch die Angehörigen, die Familien, die ja meistens stark betroffen sind, dass wir ihnen das Gefühl geben, ihr seid nicht vergessen. Ihr seid bei uns in unseren Gebeten, in unseren Gedanken, und dass wir versuchen Kontakt zu halten.

 

Gut angenommen wird außerdem ein Fahrdienst für Menschen, die sich alleine nicht aus dem Haus trauen. Gerade Menschen mit Neigung zu Depression scheuen oft das Fremdheitsgefühl beim Betreten von Räumen voller Unbekannter. Michaela, die selbst schon einer Depression litt, kennt das.

 

Michaela Kauschke: Wenn jemand bei uns anrufen möchte und die Schwelle überwinden, dass er halt allein zu einer Veranstaltung geht, die er nicht kennt und Leute trifft, die er nicht kennt, können wir auch jemand mit dem Auto abholen, dann kann man sich schon mal unterhalten, dann kennt man sich schon.

 

Hilflosigkeit und Ohnmacht machen gerade Angehörigen besonders zu schaffen. Sie leiden unter der inneren Abwesenheit der depressiven Mütter, Väter, Geschwister. Sie quälen Schuldgefühle, weil sie nicht helfen können. Viele reden sich im Gespräch mit dem Pfarrer die Last von der Seele. Doch der Erfahrung ‚Glaube spendet Trost‘ steht die Erkenntnis gegenüber, dass in manchen Fällen auch der beste Wille nichts bewirken kann.

 

Johannes Eißler: Es ist tatsächlich so, dass wenn jemand an einer ganz tiefen Stelle sitzt, also sozusagen im tiefen Tal, dann schaffen wir das kaum, an seinen Kopf, an seine Seele ran zu kommen.

 

Zweifel auch am Glauben und der Kirche müssen erlaubt sein, darüber sind sich Therapeuten wie Seelsorger einig. Ja, Zweifel wahrzunehmen ist ein Teil der Therapie. Denn – ohne die aktive Auseinandersetzung mit der Krankheit geht es nicht. Diesen beschwerlichen Weg muss jeder Betroffene gehen, wenn er aus der Depression herauskommen will.

 

Paul Becker[2]: Ich habe eine sehr gute Therapeutin gehabt und dann war ich ja auch insgesamt sechs Wochen im PZN in Wiesloch. Ich hatte einen Musiktherapeuten, der hat mir dann die Zeit eingeräumt, dass ich in zwei Gruppen dieses Getrommel und Getue da mitmache. Am Anfang hatte ich grausame Angst beim ersten Mal, da ich sehr lärmempfindlich war und auch immer noch bin, und hab dann halt gemerkt, dass es mir irgendwie gut tut, dass alle die klebrigen Gedanken, die nicht weichen wollen, die negativen, dass die dann dabei verschwinden.

 

Was Paul über seine Hemmung laut zu werden im Psychiatrischen Zentrum Nordbaden berichtet, kennt die Musiktherapeutin Angelika Christiansen nur allzu gut.

 

Angelika Christiansen: …ne totale Hemmung bei ganz vielen. Und es geht ja auch gar nicht nur ums Krach machen. Es geht ja auch da mehr ums Hören und Spüren und überhaupt, was möchte ich denn? Ein Thema, was uns hier ja auch immer begleitet, ist dass es alle immer ganz harmonisch und schön haben wollen und alles immer passen soll. Und das ist ja auch wunderbar, aber ganz oft passt’s halt nicht, so wie’s im Leben auch nicht passt. Und die Musik ist, so sehe ich das, ein total guter Weg, dieses scheinbar nicht Passende auch lieben zu lernen. Denn wer liebt’s nicht, mal auch Krach zu machen, und aus der Reihe zu tanzen und vielleicht ´nen ganz anderen Rhythmus zu spielen als die anderen?

Seelische Gesundheit in der Kirche verankern – das Beispiel des Difäm-Projektes Kirchengemeinde und Depression und das Projekt Seelische Gesundheit in Stuttgart zeigen, wie Glauben und moderne Wissenschaft sich ergänzen können.

 

In Stuttgart-Heumaden erhält das Projekt „Seelische Gesundheit“ sogar Unterstützung durch die Mitarbeit des gemeindepsychiatrischen Zentrums. Sonja Zug arbeitet dort im sozial- und gerontopsychiatrischen Dienst. Sie weiß, dass ihr Engagement auch Kirchenmitglieder polarisiert.

 

Sonja Zug: Es ist normal, verschieden zu sein. Wir alle sind anders und wir sind alle verschieden und jeder befindet sich in einer anderen Lebenssituation, hat vielleicht andere Bewältigungsaufgaben, andere Herausforderungen gerade in seinem Lebensabschnitt zu bewältigen. Es gibt aber sicherlich auch andere Stimmen, die sagen, die Gemeinde beschäftigt sich mit seelischer Gesundheit und mir geht es gerade selber nicht so gut und jetzt soll ich mich auch noch damit beschäftigen. Das ist mir eigentlich viel zu viel, das möchte ich gar nicht. Es wird da sicherlich unterschiedliche Stimmen geben.

 

Unterm Strich darf der Pfarrer sogar mehr als der Therapeut. Er weiß sich und den Erkrankten von der Liebe Gottes getragen, darf mit oder für den Erkrankten beten.

 

Johannes Eißler: Man darf einfach seine Geschichte erzählen. Sozusagen so ein doppeltes Standbein zu haben, dass man sagt, ich habe hier meine Therapeutin, meinen Therapeuten, aber ich habe auch noch einen Seelsorger. Und am Ende eines Gespräches frage ich. Darf ich noch ein Gebet sprechen? Darf ich Sie segnen? Und das sind Aspekte, die vielleicht in einer therapeutischen Behandlung so nicht stattfinden können.

 

Die Heilung einer Gemütskrankheit wie der Depression braucht viel Zeit. Unschätzbar wertvoll ist diese Zeit, die Angehörige, Freunde, Bekannte und Ehrenamtliche den Kranken in Form von Zuwendung schenken. Heidrun Ferguson vom Projekt „Seelische Gesundheit“ appelliert an Vertrauen und Geduld.

 

Heidrun Ferguson: Bei vielen Leuten dauert es ja auch länger, bis sich Sachen entwickeln. Da muss ich immer an dieses Kirchenlied denken, wo es dann heißt: Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch wachsen und gedeihen steht in des Himmels Hand.

 

Und manchmal dauert’s eben ganz lang, bis aus so einem Samen dann wirklich was wächst.

 

[1] Name geändert

[2] Name geändert

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23.07.2017 08:35