Bin ich's?

Nachdenken über Judas
Feiertag
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1525 hält die Reformation Einzug in der freien Reichsstadt Nürnberg. Die humanistisch gebildete Äbtissin des Klaraklosters verteidigt ihre Lebensform. Sie fordert Glaubens- und Gewissensfreiheit – auch für die "Altgläubigen".

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Es ist schrecklich, wenn die Liebe lügt. Wenn ein Kuss zum Zeichen des Verrats wird. Nichts kann schmerzlicher sein als dieser Judaskuss in der Nacht der Gefangennahme Jesu. So habe ich es als Kind empfunden, wenn von Judas erzählt wurde. Ich habe mit Jesus gefühlt. Judas, der Verräter, war für mich der Inbegriff der Gemeinheit und Heimtücke.

 

In jenen Nachkriegsjahren, als ich Kind war, kam es mir allerdings nicht mehr in den Sinn, Judas mit „den Juden“ gleichzusetzen, so wie das der christliche Antijudaismus vor Auschwitz zu tun pflegte. Unterschwellig allerdings – unterschwellig war da immer noch diese verwirrende Nähe: Der Name „Judas“ klingt ja doch wie „Jude“. Und dann gab es auch die Bilder, auf denen der Judas mit dem Geldbeutel eben so aussah, wie sich der Antisemitismus den Juden vorstellen wollte: scharfkantig und mit stechendem Blick.

 

Aber Judas war in meiner Kinderseele nicht nur der böse Andere. Er gab mir auch Rätsel auf. Wenn es doch Gottes Plan und Wille war, dass Jesus für unsere Sünden sterben musste, warum war der Verrat des Judas dann überhaupt nötig? Waren die Feinde Jesu so dumm, dass sie ihn nicht hätten allein aufspüren können? Sie wussten doch, wie er aussieht. Wozu dann der Kuss? Und warum durfte die Sünde des Judas nicht auch vergeben sein wie alle andern Sünden? Ich hatte schon auch Mitleid mit Judas, der am Ende als der einzig wirklich Verdammte und Verlorene aus der Geschichte hervorgeht.

 

So war ich war froh, als Walter Jens in den 70er Jahren dem Judas einen flammenden Essay widmete und ihn in ein neues Licht rückte: Ohne Judas kein Kreuz, erklärte er. Ohne Kreuz keine Auferstehung. Judas war das wichtigste Werkzeug in Gottes Heilsplan. Es sollte endlich Schluss sein mit der Verteuflung des Judas. Und das war es dann auch. Seitdem sind viele Bücher und Artikel erschienen, die Judas erklärt und gerechtfertigt haben. Wenn ich heute im Internet nach Bildern von Judas suche, dann begegnet er mir vielfach in Gestalt des Schauspielers Ben Becker: blond und bullig. „Ich, Judas“ heißt das Programm, mit dem er Kirchen und Stadthallen füllt – als tragischer Held und religiöses Enfant terrible. Es ist schon verwirrend, wie sich in der Gestalt des Judas Schauder und Faszination, Verteuflung und Heroisierung abgewechselt haben. Ich will versuchen, noch einmal von vorn zu verstehen, was es mit ihm auf sich hat. Und zuerst fragen: Was sagt denn eigentlich die Bibel?

 

 

„Am Abend aber kam er mit den Zwölfen. Und als sie zu Tische saßen und aßen, sprach Jesus: ‚Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isset, wird mich ausliefern. Und sie wurden traurig und sagten zu ihm, einer nach dem andern: Bin ich’s? Er aber sprach zu ihnen: Einer aus den Zwölfen, der mit mir in die Schüssel taucht. Zwar des Menschen Sohn geht hin, wie es von ihm geschrieben steht; weh aber dem Menschen, durch welchen er ausgeliefert wird.‘“

Markus 14, 17 – 21,Luther-Bibel, Ausgabe 1964 („verraten“ geändert, s.u.)

 

 

„Einer unter euch wird mich verraten“, heißt es in der Luther-Bibel. Aber das ist nicht richtig übersetzt. Im griechischen Urtext ist Judas kein „Verräter“, sondern Einer, der Jesus übergibt, ihn ausliefert. So wie es auch von Gott gesagt wird: Er gibt seinen Sohn hin. Und von Jesus: Er gibt sich selbst hin. Immer steht da das gleiche Wort: paradidonai. So tut Judas also nur das, was nach biblischer Überzeugung geschehen muss. Trotzdem gilt ihm das „Wehe“: „Wehe aber dem Menschen, durch welchen er ausgeliefert wird.“

 

Im Text des Markusevangeliums ist es unüberhörbar: Dieser Mensch wird einer von den Zwölfen sein, die zu den engen Jüngern Jesu gehören. Kein heimlich Abtrünniger, sondern einer, der Jesus nahe steht. Und so wird allen Zwölfen auch gleich wehe zumute. Einer wie der andere fragt: Bin ich das etwa? Jeder hält es für möglich: Ich könnte es sein. Schließlich haben sie alle Jesus oft missverstanden. Oft hat er ihnen gezeigt, wie vernebelt sie in ihren Herzen doch sind. Sie haben Recht, an sich zu zweifeln, denn in den kommenden Stunden des Schreckens werden sie alle miteinander versagen: einschlafen, weglaufen, Jesus verleugnen. Sie sind nicht die Guten, unter denen Judas der einzig Abtrünnige ist.

 

Im Markusevangelium, das als erstes von den vier Evangelien entstand, wird es deutlich betont: Judas ist einer von uns. Wir alle könnten er sein.

 

Aber die späteren Evangelien setzen die Akzente anders. Bei Matthäus ist es nur noch Judas, der Jesus fragt: Ich bin’s doch nicht? – und das klingt hinterhältig, denn er hat bereits mit den Hohepriestern über Jesu Auslieferung verhandelt. Und dann bringt Matthäus die Tat des Judas in Verbindung mit einem Ereignis, das in der Geschichte Israels als Beispiel für einen besonders bösen Verrat bekannt war: Ahitofel, ein enger Berater des Königs David, machte gemeinsame Sache mit dem aufständischen Absalom. Als der Aufstand misslang, ging er hin und erhängte sich. Darum berichtet Matthäus vom Selbstmord des Judas: Die frühen Christen, alle jüdischer Herkunft, verstanden: Judas war einer wie Ahitofel, er ist den Tod des Verräters gestorben.

 

So ist überhaupt Vieles, was bei Matthäus steht, in Bezug auf die Schriften des Alten Testaments gesagt. Man muss nicht annehmen, es sei mit den 30 Silberlingen, die Judas für seine Übergabe erhielt, oder mit dem Kuss bei der Gefangennahme wirklich so gewesen. Auch da handelt es sich um Zitate aus dem Alten Testament.

 

Im Lukasevangelium nimmt das Bild des Judas noch dunklere Züge an. Für Lukas steht Judas unter dem Einfluss Satans, er verkörpert den abtrünnigen Ungläubigen, der dann in der Apostelgeschichte auch den schmachvollen Tod eines Ungläubigen stirbt. So berichtet es Petrus seinen Mit-Aposteln: Judas sei auseinander geborsten, seine Eingeweide herausgefallen, und das Land, auf dem er zugrunde ging, bleibe für immer wüst und unfruchtbar. Auch das sind Zitate aus dem Alten Testament, die den ersten Christen vor Augen führten: Einer von uns war Judas jedenfalls nicht.

 

Zum geldgierigen, heimtückischen Teufelskind wird Judas aber erst im Johannesevangelium. Nur Johannes berichtet von Judas als einem Dieb, der Jesus nie wirklich nahe stand. Und bei Johannes steht Judas dann auch für die ungläubigen Juden, die in seinen Augen Kinder des Verderbens waren.

 

Dabei ging es ihm wohl gar nicht so sehr darum, die Juden zu stigmatisieren. Er wollte mit seinen Drohworten vor allem die Zweifler in den eigenen Reihen treffen. Doch seine Verwerfungen hatten in der Geschichte der Kirche eine verheerende Wirkung.

 

Es ist schon so: Anfangs gab es unter den Christus-Anhängern ein Bewusstsein dafür, dass Judas einer von ihnen war. Doch dieses Bewusstsein hat sich bald verloren. Judas wurde immer mehr zum dunklen Gegenbild, mit dem die Christen nichts mehr zu tun haben wollten. Aber gerade darin sind wir ihnen wohl immer noch ähnlich. Sind wir doch oft genug auch Menschen, die Feindbilder brauchen, um sich selbst zu entlasten.

 

 

„Gott versöhnte in Christus die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“ (2. Kor. 5, 19)

 

 

Die großen Worte des Apostels Paulus beschreiben den Kern des christlichen Glaubens. Für die ersten Jünger Jesu waren sie verbunden mit ihrer eigenen Auferstehungserfahrung. Das Licht des Ostermorgens hatte ihnen Versöhnung geschenkt. So verzweifelt sie angesichts des Todes Jesu waren, so gewiss durften sie jetzt sein, dass nichts mehr sie trennen konnte von der Liebe Gottes. Alles Gewesene erschien in einem neuen Licht. Jetzt erst wurde ihnen wohl klar, wie sehr sie versagt hatten. Sie selbst hatten Jesus missverstanden und im Stich gelassen, sie waren nicht unschuldig. Sie schonten sich nicht, wenn sie davon erzählten. Davon geben die Evangelien Zeugnis. In der ersten Zeit nach dem Ostermorgen wussten sie wohl, dass auch Judas einer wie sie gewesen war. Einer, der auf seine Art irrte, wie sie auf ihre Art geirrt hatten.

 

Aber als aus der Jüngerschar eine Bekenntnisbewegung wurde, die sich verteidigen musste gegen die Andersgläubigen, wollte man von der eigenen Fehlbarkeit nicht mehr so viel wissen. Man vertrat ja den wahren, den neuen Glauben. Der Gedanke, wirklich selbst Schuld zu haben am Leiden und Sterben des Menschensohns, war ohnehin schwer zu ertragen. Es lag nahe, außerhalb der eigenen Reihen einen Hauptschuldigen auszumachen, einen Verräter, neben dem sich die eigenen Verirrungen harmlos ausnahmen. Judas bot sich an. Judas, der nicht mehr bei ihnen war, der Auferstehung nicht erlebt hatte. Er eignete sich als Sündenbock. Auf ihn ließ sich die Last der Schuld abwälzen.

 

Aber hatte denn Jesus nicht die Schuld auf sich genommen und war gestorben, damit Versöhnung möglich würde? Damit es ein Ende habe mit den verteufelten Sündenböcken? War es nicht das, was die Christen glaubten? Und nun brauchten sie doch noch einen Andern, brauchten den Judas, auf den sie Schuld projizieren konnten. So wurde Judas zum Schatten-Bruder des gekreuzigten Christus. Und mit ihm und nach ihm die Juden. Denn lange genug hieß es in der Christenheit: Für unsere Schuld ist Jesus gestorben, aber schuld an seinem Tod – das waren die Juden.

 

So gibt es guten Grund, zu erschrecken beim Nachdenken über Judas. Mag er unter den Jüngern derjenige gewesen sein, der Jesus an seine Gegner auslieferte, so tat er damit doch etwas, was nach christlicher Überzeugung Gott selbst wollte, um schließlich Versöhnung zu wirken. Es waren vielmehr die Christen selbst, die ihren Christus verrieten, wenn sie dem Judas und den Juden die Versöhnung verweigerten. „Ich, Judas“ – können wir als Christen darum gar nicht sagen. „Wir Verräter“ – das wäre wohl richtiger.

 

 

schöner judas

da die sonne ihren untergang feiert

berührst du mein herz

und ich denke dir nach

ach was war

dein EINER VERRAT

gegen die VIELEN

der christen und kirchen

die dich verfluchen?

 

Ich denke dir nach

und deiner

tödlichen trauer

die uns beschämt

 

 

Kurt Marti hat diese Zeilen geschrieben und ihnen den Titel „Abendland“ gegeben. Was ist der eine Verrat des Judas gegen die vielen Male, die das christliche Abendland die Sache Jesu verraten hat – machthungrig, selbstgerecht, gewalttätig, wie es sich im Lauf seiner Geschichte gezeigt hat?

 

So fragt Kurt Marti und verneigt sich vor der tödlichen Trauer des Judas, der sein Tun doch bitter bereute. Auch wenn die Gestalt des Judas in der Bibel legendenhafte Züge trägt und wir über den historischen Judas so gut wie nichts wissen, so gilt doch: Zur Erinnerung an ihn gehört die Reue, mit der er die 30 Silberlinge in den Tempel wirft, die Verzweiflung, an der er zugrunde geht. Unschuldiges Blut vergießen – das hatte er wirklich nicht gewollt, als er gemeinsame Sache mit den Gegnern Jesu machte. Aber warum tat er es dann überhaupt? Warum wollte er Jesus dem geistlichen Gericht ausliefern? Dazu sagt die Bibel nichts, das bleibt unsern Vermutungen überlassen. Und Vermutungen gab es im Lauf der Zeit sehr verschiedene. „Geldgier“ war eine der dümmsten, denn das Geld warf Judas ja wieder weg. Viele haben dann gedacht, er sei ein religiöser Nationalist gewesen, von Jesus enttäuscht, weil der sich nicht an die Spitze der politischen Befreiungsbewegung stellte. Aber dafür fehlen alle Anhaltspunkte. Oder hat Judas vielleicht geglaubt, Jesus werde gerade am Kreuz seine Macht erweisen und einfach heruntersteigen? So haben es die Spötter auf Golgatha ja gebrüllt: „Ist er der König Israels, so steige er nun vom Kreuz. Dann wollen wir an ihn glauben.“ In seinem Judas-Roman vermutet Amos Oz, auf ein solches Wunder habe Judas gehofft. Mir kommt das eher unwahrscheinlich vor. Ich kann am besten die Erklärung nachvollziehen, die Eugen Drewermann gegeben hat.

 

Er geht davon aus, dass Judas ein vernünftiger, frommer, bürgerlicher Mann war. Einer, der sich eingebunden wusste in die religiöse Tradition seines Volks und ihre Institutionen. Als er Jesus begegnete, war er fasziniert von dessen Freiheit und Güte, von seiner grenzenlosen Barmherzigkeit. Aber es quälte ihn doch, dass Jesus so radikal war, dass er die berufenen Geistlichen ständig provozierte, lang bewährte Regeln verletzte, immer wieder vernichtende Worte fand für die Hüter von Gesetz und Ordnung. Ebenso machte es ihm unglücklich, dass die Priester und Schriftgelehrten es so gar nicht wahrhaben wollten, welche erneuernde Kraft von Jesus ausging. Judas war hin- und hergerissen zwischen seinem Herzen, das für Jesus schlug, und seiner Vernunft, die die Tradition nicht preisgeben wollte. Er hoffte auf eine Lösung dieses Konflikts. Das höchste Gericht sollte Jesus anhören, Jesus sollte sich mit den Priestern verständigen: Ein Kompromiss müsste doch möglich sein.

 

So gesehen, wäre Judas Einer gewesen, der es wirklich nur gut meinte, als er seiner eigenen Vernunft mehr traute als den Worten Jesu. Der darum Jesus bei der Gefangennahme auch nicht in heuchlerischer Absicht küsste, sondern ihm ehrlich seine Verbundenheit zeigen wollte. Der dann aber umso mehr verzweifeln musste, als er erkannte, wie sehr er sich getäuscht hatte. Die Obrigkeit dachte doch gar nicht daran, mit Jesus zu verhandeln. Sie wollte ihn nur stumm machen und weg haben. Keine Gnade für Jesus – wie konnte Judas da noch an Gnade für sich selbst glauben? Er hatte gehofft, eine Lösung für seinen inneren Zwiespalt zu finden. Nun war alles für ihn verloren.

 

Wie viel besser war da nach ihm doch die Kirche dran! Auch sie hat ja immer nach Kompromissen gesucht und die Lehre Jesu so ausgelegt, dass sie sich vertrug mit den jeweiligen Vorstellungen von Vernunft und Ordnung.

 

Ich glaube, wir alle machen es immer wieder so. Wenn wir etwa von Jesus hören: „Sorget nicht“, dann nehmen wir ihm das nicht einfach ab, sondern gehorchen lieber den Stimmen, die uns zum Sorgen antreiben. Wenn er uns die Armut oder die Feindesliebe ans Herz legt, dann finden wir, er hat gewaltig übertrieben. Und sind dabei doch gewiss, dass all unsere Halbherzigkeit und Kompromissbereitschaft Vergebung finden in der Liebe Gottes.

 

Judas dagegen ist verzweifelt, weil er den, der ihm die Freiheit aufgetan hat, preisgegeben hat an die Kräfte, die Freiheit nicht zulassen können. Judas steht neben uns und fragt: Machst du es nicht immer wieder genauso?

 

 

Es ist schrecklich, wenn die Liebe lügt. So hat mein Nachdenken über Judas angefangen im Gedanken an den Schauder, den mir der sogenannte Judaskuss eingejagt hat. Nun glaube ich, dass Judas gar kein Lügner war. Wahrscheinlich hat er Jesus wirklich geliebt und wollte ihn für sich retten. Jetzt muss ich wohl sagen: Es ist schrecklich, wenn die Liebe irrt. Wenn sie in bester Absicht den geliebten Menschen gefangen nimmt und ihm so zum Verhängnis wird. So selten ist das ja gar nicht, dass Menschen, gerade weil sie sich nahe sind, blind werden für die Freiheit des Andern. Dass sie über den geliebten Menschen bestimmen wollen. Es einfach zu gut mit ihm meinen. Von ihm etwas einfordern, das nur der eigenen Bestätigung dient. Für all diese Irrtümer der Liebe mag der Judaskuss auch stehen.

 

Musik dieser Sendung:

(1) Bach, Cellosuite Nr. 3 C-dur: Allemande

(2) Bach, Cellosuite Nr. 3 C-Dur: Courante

(3) Bach, Cellosuite Nr. 3 C-Dur: Sarabande

(4) Bach, Cellossuite Nr. 3 C-Dur: Bourrée

(5) Ingrid Caven, Each man kills the thing he loves

 

Literaturangaben:

(1) Kurt Marti, Der Traum, geboren zu sein, Nagel & Kimche im Hanser Verlag München, Wien 1996, S. 128

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