Brisen

Schlechthin abhängig
Morgenandacht

 

Der Berg ruft. Ewig und elementar. Bis zum Gipfel braucht es wohl noch ein, zwei Stunden. Wie der Rücken eines Drachens liegt der Kamm vor uns. Scharfe Zacken stechen in den Himmel, über die steil abfallende Flanke ziehen sich Geröllfelder. Sie glühen rostrot in der Abendsonne. Genau 2.404 Meter misst der Brisen. Wir sind schon den ganzen Tag unterwegs. Die Waden brennen und reißen. Das wenige Gepäck wiegt zentnerschwer. „Oben fühlst du dich wie ein Riese“, sagen meine Freunde.

 

Der Brisen. Er liegt im Kanton Uri am Rand der Zentralschweiz. Zu seinen Füßen breitet sich der Vierwaldtstätter See aus, ein kleines Binnenmeer aus smaragdgrünem Wasser. Wir starten um sechs Uhr in Buochs, sind vier Mann, Jugendfreunde. Ich bin voller Erwartung und Energie, im Dorf gähnt noch Leere. Müde lehnen Klappstühle an der Uferpromenade, träge steigen die schneeweißen Ausflugsdampfer an der Mole auf und ab. Wir schauen auf zu den Bergen. Die Sonne verspricht einen warmen Spätherbsttag. Steil ragt die Wand des Buochserhorns nach oben. Rechter Hand liegt das Klosterdorf Maria Rickenbach. „Von dort können wir den Brisen sehen“, sagt Arndt Philipp. Er hat die Tour ausgearbeitet. Zwei Jahre lebt und arbeitet er schon in der Schweiz. Wir stopfen die Funktionsjacken in die Rucksäcke, stupsen uns mit den Ellenbogen in die Seiten, feixen. Zwei Tage Bergwandern, Kräfte messen, Übernachtung auf der Hütte.

 

Die Sohlen der Bergstiefel trommeln auf den Sandwegen. Jede Stunde wird das Dorf in unserem Rücken etwas kleiner. Hin und wieder müssen wir klettern. Steige mit Holzleitern, Passagen mit Drahtseilen. Aber das spornt uns nur um so mehr an. Höher, schneller, weiter. Gegen Mittag erreichen wir das Klosterdorf Maria Rickenbach. Rot-weiß-karierte Tische, Geranien, Geschirr klappert. Hier herrscht Sommer. Überall Menschen im T-Shirt. Ich gehe in die Knie, Stirn und Wangen glühen, die Oberschenkel sind weich wie Pudding. Die anderen straffen die Oberkörper, ich bekomme ein paar aufmunternde Rippenstöße. Die Kellnerin kommt. Wir bestellen Brühe mit Kümmelbrot, dazu Bratwurst. Kräftig, wohltuend, aber die verlorene Energie gibt mir das Essen nicht zurück. Die anderen genießen den Ausblick. Der Brisen leuchtet in der Sonne. Unten durch den See pflügen die Ausflugsdampfer.

 

Ich gehe zum Brunnen, sammle Wasser in den Handflächen, tauche mein Gesicht ein. Dann hinüber zur Klosterkirche. Der dumpfe Geruch von Kalkputz, Sonnenstrahlen streichen über weinrote Bastläufer. Ich betrachte das Marienbild. In ihrem Arm das Kind. Keine Spur von Müdigkeit. Getragen werden. Das wäre es. Die anderen scheinen meinen Wunsch zu ahnen. Nach der Rast geht es zum Hellwald. Dort gibt es einen Sessellift. Ein paar Minuten Schweben. Hunderte Meter legen wir im Flug zurück. Am Fuß einer Terrasse schwingt die Gondel aus. Hier beginnt der stachelige Kamm, der hinauf zum Gipfel führt. Rostrot glühen die Geröll-Schuppen. Ich ziehe die Funktionsjacke an, schultere den Rucksack, es geht weiter. Schritt für Schritt, höher und höher. Wieder das Wadenbrennen, stoßweise geht der Atem, aber irgendwie komme ich voran.

 

Und dann stehe ich auf dem Gipfel. Der Brisen, über 2.400 Meter. Um mich herum die schroffen Felswände der Zentralschweiz. In diesem Moment schrumpft alles auf Spielzeuggröße. Die schneeweißen Dampfer auf dem Vierwaldstätter See, das Klosterdorf Maria Rickenbach. Auch ich selbst werde ganz klein. Von wegen Riese, ich fühle mich winzig. Eine Zehntelsekunde gegen die Ewigkeit der Berge. Aber dieses Kleinwerden fühlt sich gar nicht schlecht an. Im Gegenteil –

befreiend. Ich bin dein, Du bist mein.

 

Mein Gipfel-Erlebnis dauert nur wenige Momente. Die anderen wollen weiter zur Hütte, der Drache ist ja bezwungen. Ich blicke mich noch einmal um, ziehe die Gurte straff. Ein sanfter Wind streicht über meinen Kopf. Tief drinnen stille Dankbarkeit. Statt höher, schneller, weiter das gute Gefühl ganz klein und doch getragen zu sein.

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