Fränkische Schweiz

Raum und Herberge
Morgenandacht

„Under The Bridge – unter der Brücke“. Die Red Hot Chilli Peppers haben diesem Ort ein musikalisches Denkmal gesetzt. Für mich nicht nachzuvollziehen, was die US-Rocker zu ihrer Zeit geritten hat. Hier, zwischen den Betonpfeilern, sieht es aus furchtbar aus. Brennnesseln, verrostete Konservendosen, außerdem liegt ein dumpfer Geruch unter der Brücke. Nein, hier will ich weder Raum, noch Herberge finden.

 

Klaus schlägt mir auf die Schulter, verengt die Augenbrauen. „Is‘ ja nur ne Option, falls wir nichts anderes finden.“ Keiner von uns vieren lacht. Stattdessen Rucksäcke wieder auf und weiter. Altweibersommer, wir sind in Pegnitz. Es ist der letzte Tag unserer Wanderung durch die Fränkische Schweiz. Eine traumhaft schöne, sinnliche Region. Sanfte Berge, Marienfeste, diese plätschernde hügelige Mundart. Vergangene Nacht haben wir oberhalb von Pottenstein geschlafen. Im Schatten der Linde. Weiter unten die fränkische Kleinstadt. Am Himmel ein Matthias-Claudius-Mond. Halbrund.

 

Wir vier sind Fernweh-Freunde, von Jugend auf. Einmal im Jahr machen wir uns auf den Weg. Wir müssen. Es ist, als würde uns jemand rufen. Wie damals haben wir alles dabei: Brot, Schlafsack, Gitarre. Damit geht es von Ort zu Ort. Über Sandwege, Höhenpfade, Almwiesen. So haben wir die Wehrdörfer der Siebenbürger Sachsen kennen gelernt, die Seealpen in Südfrankreich, das zärtliche Masuren. Übernachtet wird im Zelt. Immer. Das geht ganz leicht. Mund auf, fragen. Irgendjemand gibt uns schon Herberge. Dann werden die vier schwarzen Dreiecksbahnen miteinander verknüpft. Abends steht die Kothe auf der Wiese hinter dem Pfarrhof oder unten am Fluss. Aber heute will das irgendwie nicht klappen.

 

Wir laufen weiter, erreichen den Ortsrand von Pegnitz. Dumpf hallen die Schritte auf dem Asphalt. Es wird jetzt schnell dunkel. Nur noch ein zarter Streifen Orange flimmert am Horizont. Wir kommen an einem dieser modernen Spaßbäder vorbei. Dann folgen zwei Tennisplätze. Auf der anderen Straßenseite liegen Wiesen, eingefasst von Weidepfählen. Am Rand der einen Weide zwei Schatten. Klaus stoppt, legt den Rucksack ab. „Ich schau‘ mich da oben mal um.“ Wir anderen setzen uns. Streichhölzer flammen, Tabak flüstert. Schweigen. Nach einiger Zeit kommt Klaus zurück. Er hat sein Filmstar-Lächeln aufgelegt „Habe mit den Leuten gesprochen. Wir können da oben unser Zelt aufschlagen.“ Wir satteln auf, gehen zum Lagerplatz. Der liegt direkt neben der Pferdeweide. Inzwischen ist es bereits dunkel. Die ersten Sterne treten aus den Tannen. Wir holen die Zeltbahnen heraus, verbinden die Planen miteinander, richten die Kothe auf.

 

Dann liegen wir im Gras. Nebenan schnauben Pferde, es duftet nach Heu, die Blätter an den Bäumen rauschen. Klaus summt den Red-Hot-Chillis-Klassiker „Under the Bridge“. Lachen. Ellenbogenstupsen. Alle sind froh, dass es nicht die Brücke geworden ist. Über uns die Milchstraße, Millionen Sterne. Keine Worte, bloß Träumen, die Ferne genießen, Geborgensein in der Unendlichkeit.

 

Mit einem Mal hören wir Schritte. Ein Mann und eine Frau kommen zu uns an den Lagerplatz. Die beiden sehen sympathisch aus. Er – volles Haar, Brille, sportlich. Sie schlank, ihre Frisur schulterlang, Strickmantel. Beide so um die Sechzig Jahre alt. „Dürfen wir uns zu euch setzen?“ „Natürlich“, antwortet Klaus. Es sind unsere Gastgeber. Sie haben Rauchwürste dabei, Krustenbrot, Dunkelbier. Die beiden setzen sich. Und dann erzählen sie uns von ihrem Kennenlernen, den Kindern, der Karriere. Wieder diese plätschernde, hügelige Mundart. Schließlich nennen sie uns ihre Namen. Und mir kommt es vor, als hätten wir mit einem Mal Raum und Herberge in der Weihnachtsgeschichte. „Bitte nicht lachen, wir heißen: Maria und Josef.“

 

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