Schöne, schwierige Freiheit

Morgenandacht

„Ich finde es gut, evangelisch zu sein, weil man sozusagen dazu erzogen wird, dass man kritisch denkt, weil man sich immer neu definieren muss, weil man beispielsweise keine feste Instanz hat und jeder muss selbst das für sich Richtige finden. Dann hat man direkt dieses kritische Denken und das ist ein entscheidendes Merkmal.“

 

Evangelisch sein auf dem Dorf in Schwanenberg am Niederrhein. Was heißt das? Im Sommer haben hier Jugendliche und junge Erwachsene in ihrer Kirche ein Theaterstück auf die Bühne gebracht. Titel: Anders glauben. Es erzählt die Geschichte der Reformation vor Ort. Jetzt im September gab es ein paar zusätzliche Aufführungen und plötzlich wurde wieder aktuell, was das heißt: evangelisch sein, sich eine eigene Meinung bilden, in Freiheit leben. Manche der jungen Leute dürfen morgen das erste Mal wählen gehen bei einer Bundestagswahl.

 

„Das schwierige an der Freiheit ist, dass man sich erstens selber eine Meinung bilden muss. Dass sie nicht vorgegeben wird. Und zweitens, heutzutage ist es so, man selber gestaltet sein Leben und muss es auch gestalten. Das Gute ist natürlich, dass man sich dann auch aussuchen kann, was man beruflich machen kann, wo man hin ziehen will, wie man leben will, ...“

 

Und erst recht, welche Partei oder welchen Kandidaten man wählen will, wenn man das erste Mal die Chance hat, mitzubestimmen bei einer Wahl.

 

„Das Schöne ist wirklich, dass ich mich äußern kann, dass ich tatsächlich die Möglichkeit habe, mich darzustellen oder meine Meinung zu präsentieren. Schwierig an der Freiheit ist, ich muss auch verstehen, der andere hat auch eine Freiheit. D.h., ... meine Freiheit hat auch Grenzen.“

 

Selber denken und sich frei äußern zu können, ist den Jugendlichen wichtig. Für sie gehört dazu...

 

„Dass, wenn man selber seine Meinung äußert, man auch mit Kritik rechnen muss. Und die Kritik einstecken muss. Und dass man aber auch die Meinung anderer tolerieren sollte. Und auch kritisieren darf.“

 

In dem Theaterstück „Anders glauben“ haben die Jugendlichen gelernt, dass Freiheit und Toleranz nicht selbstverständlich sind. Das Stück hat die Grabenkämpfe und Glaubenskriege früherer Zeiten nicht ausgeklammert, sondern bewusst dargestellt. Das hat viele nachdenklich gemacht.

 

#Wenn man eben in die Vergangenheit schaut, dann erkennt man nicht nur an Katholiken und Protestanten, dass Leute aufgrund ihres Glaubens verfolgt werden können, sondern halt auch... zweiter Weltkrieg, die Judenverfolgung. Und eben diese Verfolgung aufgrund des Glaubens, das haben wir heute nicht mehr. Da sind wir sehr glücklich darüber.“

 

„Es ist schade, dass es sich wieder drehen kann. Dass Leute nicht miteinander auskommen. Und dass viele Glaubensrichtungen nicht zusammenleben können. Und das sollte eigentlich jeder tun.“

 

Die Jugendlichen spüren genau, dass es bestimmte Strömungen und politische Parteien gibt, die bestimmen wollen, wer in Deutschland dazugehört und wer nicht, welche Herkunft oder Hautfarbe, welche Religion oder Meinung genehm ist und welche nicht. Das fordert ihren Glauben heraus und ihre politische Haltung.

 

„Ein Glaube ist ein Ankerpunkt im Leben. Wenn die Welt um einen herum sozusagen zusammenbricht, dann kann man sich auf etwas fokussieren und dort neuen Halt finden. Aber erst mal unabhängig davon, was man glaubt.“

 

„Ich glaube, dass auch in Deutschland, auch im Christentum nicht alle sehr tolerant sind. Aber dass unsere Gemeinde und unser Glaube hier und auch unsere Erziehung von den Eltern, von der Gemeinde, von der Schule sehr tolerant ist. Und dass das uns hier zusammen stärkt und uns tolerant macht. Aber man sieht in den verschiedenen Regionen in Deutschland, dass sich das auch ändert.“

 

Mit ihrem Theaterstück zur Reformationsgeschichte wollten die Jugendlichen ihre Zuschauer auch wachrütteln:

 

„Wir leben in Freiheit, wir haben Frieden, wir können alle zusammenleben in Solidarität, und dass die einfach mal merken, dass man diesen Gedanken auch festhalten muss. Man muss auch einfach wach bleiben und dabei bleiben.“

 

Ich bin mir sicher, dass die Jugendlichen aus Schwanenberg morgen dabei sind und wählen gehen. Denn sie haben gelernt: Freiheit und Demokratie darf man nicht nur anderen überlassen. Sie wollen mitbestimmen und mitgestalten. Und das ist gut so.

 

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