Gut leben

Morgenandacht

 „Haben Sie mal 'nen paar Cent?“ Ein junger Mann in zerschlissenen Klamotten spricht mich am Bahnhof an. Er sitzt unter Wahlplakaten. „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“, sagt das eine. „Zeit für mehr Gerechtigkeit“ das andere. Ausgerechnet. Dieser junge Mann hat gerade kein gutes Leben. Und dass er hier sitzen und betteln muss, findet er bestimmt nicht gerecht. Also gut, ich krame im Portemonnaie. Oben am Bahnsteig der nächste. „Haben Sie vielleicht etwas für mich?“ Ein Mann, graue Haare, leicht gebückt. Er riecht nach Alkohol. Ich zögere. „Vielleicht 'nen Kaffee oder 'ne Bretzel?“ frage ich. In Sichtweite ist dieser Verkaufsstand auf dem Bahnsteig. „Hatte ich gerade schon“, sagt er. „Dann heute nicht“, höre ich mich sagen.

 

Bis zu drei Personen am Tag bekommen etwas von mir, in der Regel ein Euro, vielleicht mal zwei. Irgendwann ist das Budget dann überfordert. Und dann gebe ich nicht, aber ich erkläre es auch. ... Also ich trete schon mit den Leuten in Kontakt und sage: Tut mir leid, heute bin ich den dritten Euro, den vierten Euro bin ich gerade losgeworden und so weiter.

 

So hält es Uwe Becker, Professor für Sozialethik an der Evangelischen Hochschule in Bochum. Er kennt sich aus mit Armut in Deutschland. Wenn ich nicht wegsehe, sondern darauf achte, dann sind das ganz schön viele, die auf der Straße leben. Wie kommt das und wer ist eigentlich verantwortlich? Der einzelne, der in Not geraten ist? Die Gesellschaft, die solche Armut in Kauf nimmt? Ich, der ich am Sonntag diese oder jene Partei wähle? Oder eben jetzt etwas gebe oder nicht? Schwierige Fragen. Mag sein, ich kann als Einzelner die Not in diesem Moment etwas lindern. Aber für Uwe Becker kommt die Ethik hier schnell an ihr Ende.

 

Denn was wir dort in solchen Situationen machen, ist ja nichts anderes, als in Form eines Kontakts einen Austausch zu gestalten, etwas zu geben an Worten und an Dingen, aber wir können die Politik, die maßgeblich Armutsfallen verschärft und aufbaut, die können wir nicht ersetzen, die können wir nicht kompensieren durch individuelles Verhalten.

 

Wenn man in Deutschland in Armutsfallen tappen kann, dann ist arm zu sein nicht nur ein persönliches Schicksal einzelner.

 

Das hat natürlich viel damit zu tun, dass wir doch eine steigende Zahl von Menschen haben im Alter, die mit ihrer Alterssicherung nicht klarkommen. Die Zahl der Erwerbsminderungsrenten steigt, und die Rentenhöhe ist so, davon kann man eigentlich nicht leben.

 

Also müssen Menschen versuchen, ihr Einkommen aufzubessern. In der Zeitung lese ich: Immer mehr Menschen haben zwei Jobs. 2,7 Millionen Arbeitnehmer. Mehr als Hälfte davon arbeitet im Hauptjob schon Vollzeit. Das scheint aber nicht zu reichen (1). Und für die Rente bringt der zusätzliche Minijob gar nichts. Manche sammeln dann im Alter Pfandflaschen oder betteln. So wie der Mann oben auf dem Bahnsteig. Uwe Becker, der Sozialethiker, wundert sich, was unser Staat reguliert und was nicht. Dass die Renten etwa auf 43% sinken werden, ist festgelegt. Aber eine gesetzlich geregelte Mietpreisbremse funktioniert nicht.

 

Der Mietmarkt in bestimmten urbanen Zentren führt dazu, dass Menschen aus ihren angestammten Wohnquartieren, wo sie ein Netzwerk haben, wo sie ihre sozialen Bindungen, ihre Kontinuitäten haben, dass sie dies verlassen müssen, weil sie die Mietpreise nicht mehr tragen können.

 

Schon wieder eine Armutsfalle. Neben den Älteren und Alten trifft es in Deutschland vor allem die Kinder.

 

Wir haben nach wie vor eine hohe Zahl von Kinderarmut. Das ist kein Wunder bei dem Hartz IV-Regelsatz, der für Kinder übrig bleibt. Da reicht es vorne und hinten nicht.

 

Es gibt also eine ganze Reihe struktureller Gründe, die Armut befördern. Dennoch begegnen mir am Bahnhof und anderswo einzelne Menschen mit ihrer persönlichen Geschichte, die jetzt Hilfe brauchen.

 

Ich glaube, wenn wir diese Geschichten alle im Einzelfall sprechen lassen könnten, hätten wir eine andere Kultur der Empathie und das Mitgehens und der nachvollziehbaren Sorge um diese Menschen.

 

Ich glaube, Gott schaut am liebsten auf die Schwachen, die Unbedeutenden, die ganz unten sind. Deshalb sind mir die andern nicht gleichgültig, auch wenn ich persönlich gut leben kann. Und deshalb ist mir eine Politik wichtig, die dazu beiträgt, dass mehr Menschen gut genug leben können. So kann ich den Bettlern auf dem Bahnsteig in die Augen sehen, nachfragen und auch selbst den Geldbeutel öffnen.

 

 

(1) Rheinische Post, 30.08.2017, Seite B1: Immer mehr Menschen haben zwei Jobs. Merlin Bartel über die Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit.

Sendungen

Vorherige Sendung
Morgenandacht
20.09.2017 06:35
Nächste Sendung
Morgenandacht
23.09.2017 06:35