(K)ein Bild von Gott

Morgenandacht

Die Zehn Gebote gelten als allgemeingültige Verhaltensregeln. Dabei wird leicht übersehen, dass sie auch Zumutungen enthalten. Etwa das zweite Gebot: Du sollst Dir kein Bildnis von Gott machen. Das ist schwierig, wie man schon in der Bibel lesen kann. Dort gibt es viele Bilder und Umschreibungen Gottes: Gütiger Vater, liebevolle Mutter, mächtiger König, guter Hirte –  oder Gott wird poetisch als unendliche Himmelskraft gedacht.

 

Menschen müssen sich Bilder von dem machen, was ihnen wichtig ist. Das kann man auch der klassischen Kunst entnehmen. Da findet man Gott symbolisch dargestellt als himmlisches Auge, oft von einem Dreieck umrahmt. Oder sogar ganz unverschlüsselt als alten Mann mit langem, weißen Bart. Ein Bild, das man nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

 

Kein Bild von Gott haben war schon immer schwierig. Heute wohl noch mehr, denn heute wollen viele nur das glauben, was sie sehen. Oder wofür es zumindest einen wissenschaftlichen Beweis gibt.

 

Warum also kein Bild von Gott?

 

Das war die Frage in einem Gottesdienst mit Konfirmanden. Darin schauten sich alle ein Bild an. Zuerst durften die Konfirmandinnen und Konfirmanden sagen, was sie sehen:

„Ich sehe lauter gerade Linien.“

„Das sind Bahngleise.“

Ja, und da hinten ist ein Bahnhof“

„Ja, das ist der Darmstädter Bahnhof“

 

Einer zeigt auf ein bestimmtes Gleis: „Von da fahre ich immer los, wenn ich am Wochenende meinen Vater besuche.“

 

Dann dürfen die Erwachsenen ergänzen. Eine junge Frau sagt:

„Ich bin dort an jedem Arbeitstag und sehe ganz viele Menschen. Morgens gehen sie eilig zur Arbeit und abends müde wieder zurück.“

 

Ein Familienvater ergänzt: „Da oben, auf der Gleisüberführung, bin ich mit einer Passantin zusammen gestoßen. Wir haben uns angeschaut, dann habe ich um Entschuldigung gebeten und irgendwie noch den Satz nachgeschoben, ob ich das mit einem Kaffee gut machen könne. Heute sind wir verheiratet. Angefangen hat es genau da, auf dem Bild.“

 

Eine 80 Jahre alte Dame zeigt auf ein Gleis weit rechts und sagt: „Dort ist 1942 mein Vater in den Krieg geschickt worden. Ein Zug voller Soldaten. Meine Mutter und ich haben ihm hinterher gewinkt. Und dann nie wieder gesehen.“

 

Die traurige Erinnerung der alten Dame hallt in der Kirche eine Weile nach. Die Stille durchbricht ein älterer Herr, der sich für Geschichte interessiert. Er zeigt ganz nach links, Gleis 1, direkt beim Bahnhofsgebäude, und sagt: „Da stand früher der persönliche Salon-Zug von Großherzog Ernst-Ludwig. Damit ist er zusammen mit seinen Schwiegervater, dem russischen Zaren Nikolaus gefahren.“

 

Die Kinder schauen irritiert: Großherzog? Zar? Nie gehört.

 

Der Pfarrer sagt: „Ein Bild – und jeder sieht darin etwas anderes: Alte Geschichten, neue Geschichten. Freude und Leid. So ist das auch mit Gott. Gott ist zwar immer derselbe. Aber im Verlauf eines Lebens entdeckt man immer neue Seiten von ihm und so lernt man Gott immer neu kennen.

 

Manche sagen sich: „So, jetzt bin ich konfirmiert - abgehakt. Oder: So, jetzt habe ich mir ein Bild von Gott gemacht. Darum brauche ich mich nicht mehr zu kümmern.“ Und dann legen sie Gott Jahrzehnte lang in einer Schublade ab. Später lernen sie immer mehr vom Leben kennen und wissen immer mehr von der Welt. Dabei merken sie nicht, dass vieles davon gar nicht mehr zu dem Bild von Gott passt, das in ihrer Schublade schlummert.

 

Schade eigentlich, denn Gott kann man jeden Tag neu entdecken. Und manchmal muss man das sogar, weil die alten Bilder nicht mehr passen. Die Lebensreise mit Gott ist und bleibt ein Abenteuer mit einem geheimnisvollen Begleiter. Der ist mal unsichtbar, dann sitzt er wieder direkt neben einem. Mal drängt er sich einem auf und ein anderes Mal sucht man überall nach ihm und findet ihn nicht. Deshalb ist es besser sich kein festes Bildnis von Gott zu machen. Schon gar keines für die Schulbade. Sondern sich offen zu halten für eine gemeinsame Lebensreise mit immer neuen Erfahrungen. Gut möglich, dass heute eine dazu kommt.

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