Mit allem möglichen Verständnis

Wort zum Tage

Neulich im Kindergarten. Der Kleine, vier Jahre alt, fragt den Großen, fünf Jahre alt: „Darf ich dein Freund sein?“. Und als der Große nicht gleich antwortet, sondern so zögerlich dreinschaut, sagt der Kleine noch hinterher: „Ich bring dir morgen auch was mit!“ Als könne oder müsse man Freundschaft kaufen. Kann man natürlich nicht. Das weiß die Erzieherin. Die kennt solche Fragen. Immer wieder versuchen Kleinere oder Schwächere, sich sozusagen einzukaufen in eine Gruppe von Größeren oder Stärkeren. Wollen mitmachen. Und auch etwas gelten. Wollen dazugehören zur Kraft oder zur Lautstärke. Und hoffen, ein kleines Geschenk mache ihnen den Weg frei.

 

Macht es nicht. Freundschaft kann man nicht kaufen, natürlich nicht. Die Erzieherin greift ein, wenn sie das mitbekommt. So geht das nicht, sagt sie, du kannst auch ohne Geschenk mit den anderen spielen. Dann kehrt ein bisschen Ruhe ein ins Gemüt des Kleinen. Hoffentlich. Der Wunsch aber bleibt, zeitlebens: Dazugehören, nicht abseits stehen, anderen etwas wert sein. Kaufen kann man das nicht. Manchmal kann man es sich erarbeiten. Besser gesagt: sich erfühlen. Indem man achtsam ist und anderen zuhört. Nicht schon alles weiß, sondern die besondere Not hört. Also das, was gerade diesen einen Menschen bedrückt oder eng macht. Man vergisst nie, wer einem aufmerksam zuhörte. Ohne flotte Ratschläge, ohne verurteilen, gar noch vorschnell.

 

Jeder Mensch braucht einen, der ihn nicht verurteilt. Oder eine, die nicht verurteilt. So sind Freunde. Sie verurteilen nicht. Sie hören zu, wissen mal Rat, machen Vorschläge, urteilen vielleicht auch – aber sie verurteilen nicht. Sie suchen Verständnis. Darum lieben wir sie. Für ihr Verständnis. Verstehen heißt nicht, alles am anderen richtig und gut zu finden. Es heißt, Nöte zu erkennen. Auch die Nöte, die zum Fehler geführt haben. Verurteilen hindert Leben, Verständnis hilft Leben. Im Verständnis eines anderen fühle ich mich eingebettet, buchstäblich. Ich liege weich, atme frei, friere nicht. Und danke dann meinem Schöpfer, dass es Freunde gibt. Solche Freunde, Geschenke des Himmels. Die selbst keine Geschenke brauchen, um einfach da zu sein. Mit allem möglichen Verständnis.

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