Warum Weinen stark macht

Wort zum Tage

Man kann jetzt weinen lernen. In Japan geht das, tatsächlich. Da gibt es Kurse für Männer. Vorne steht ein junger Mann, der zeigt kurze Filme. Über Männer und Kinder, über kuschelige Tiere und was sonst so zu Tränen rührt. Der junge Mann fängt zuerst an zu weinen. Er wird dafür bezahlt. Hat das gelernt. Nach und nach weinen andere mit. Sie trauen sich. Öffnen die dicke Tür zu ihren Gefühlen. Man weiß ja, Männer weinen nicht gerne öffentlich. Jetzt dürfen sie, es kostet nichts. Einer macht es vor. Bald haben alle Tränen in den Augen. Und weil sie von der gleichen Firma sind, wird das Betriebsklima besser, heißt es. Das ist der Sinn der Kurse. Männer sollen weicher werden. Dann arbeiten sie entspannt und besser zusammen. Mit anderen Männern und Frauen. Tränen fürs Betriebsklima.

 

Als Junge sagte man immer zu mir: Männer weinen nicht. Männer sind nicht weich, heißt das. Männer sind kräftig und hart. Das ist so falsch wie dumm. Tränen sind wahr. Wer Tränen versteckt, versteckt die Wahrheit. Die Wahrheit über sich. Menschen sind nicht hart. Und wenn sie hart sind, hilft ihnen das nicht. Tränen zeigen, dass wir nicht alles im Griff haben. Im Gegenteil. Manchmal hat das Leben uns im Griff. Und tut weh. Wie am Gründonnerstag, als viele weinten und alles zu Ende schien.

 

An einem Grab habe ich mal bitter geweint, weiß ich bis heute. Da war ich fast dreißig. Und das Wunder – hinterher ging es mir besser. Der Schmerz war der gleiche. Das Leben war nicht anders. Aber ich war anders. Etwas gefasster, stärker durch Weinen. Nach der Tränenzeit war mir, als könne ich mich besser leiden. Weil ich eben nicht hart bin. Und Tränen meist ehrlich sind. Sie zeigen: Ich genüge mir nicht; brauche mehr als mich. Alleine kann es sein, dass ich mich auflöse. Ich brauche Menschen und Gott. Sie geben mir Fassung, halten mich zusammen. Tragen mich, wenn das Leben zu groß oder zu schwer wird. Wer weint, will Mensch bleiben. Einfach Mensch. Wer weint, will stärker werden durch Wahrheit. Die Wahrheit ist: Alleine bin ich oft zu schwach für die Welt. Ich brauche die Stärke der anderen. Und will in den Arm genommen werden. Von Gott und der ganzen Welt.

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