Ich glaube, ich bin gottlos

Szenen aus einem kirchenfernen Land
Ich glaube, ich bin gottlos

Jens Schlueter/epd

Über die Sendung:

Die Zukunft der Kirche erscheint manchem so düster wie ein schlecht besuchter und traurig gefeierter Gottesdienst. Die Volkskirche ohne Volk, das Lutherland ohne Christen. Doch wer genauer hinschaut, sieht auch anderes heraufdämmern. Menschen sehnen sich nach Ritualen im Alltag, nach Glauben andernorts. Sie lassen sich segnen. Und suchen allerorten zuerst die Kirchen auf. Das Reformationsjahr hat es einmal mehr gezeigt. Kleine Szenen aus dem unkirchlichen Osten.

"Am Sonntagmorgen" um 08.35 Uhr im Deutschlandfunk

 
Sendung nachhören

 

Sendung nachlesen:

 

„Mit Kürsche hab ick nüscht am Hut“. So hörte ich es im vergangenen Reformationsjahr in Wittenberg des öfteren. Kein Wunder, im unkirchlichen Osten, in Sachsen-Anhalt. „Mit de Kärch brauscht mer net kumme…“ So hört sich das längst auch in meiner pfälzischen Heimat an. Auch das ist wohl kein Wunder. Gähnende Leere in manchem Gotteshaus. Gottesdienste, in denen drei ältere Menschen sitzen. Die Zukunft der Kirche erscheint manchem düster. Doch wer genauer hinschaut, sieht auch anderes heraufdämmern. Das Reformationsjahr 2017 hat es einmal mehr gezeigt.

 

Musik: Träumerei (Schumann Klavierfassung)

 

Gott auf der Straße

„Ick bin ja gottlos“, erzählt mir die ältere Dame und lächelt verschmitzt unter ihrem Hütchen, „kenn dat ja nüscht mit dem Beten und so...“ Sie hält mich an, in den Wittenberger Wallanlagen, wir gehen ein Stück miteinander und sie erzählt aus ihrem langen Leben. „Hab Sie ooch schon am Markt bei den Andachten jehört, dat jefällt mir, auch wenn ick gottlos bin, die Musike und die Ruhe.“

 

„Schön“, sage ich „das gefällt mir, wenn Sie das so sehen“ und eile weiter, habe gerade keine Ruhe, nach einem etwas ärgerlichen Telefonat. Ein paar Meter weiter stellt sich mir ein junger Mann in den Weg, sehr jung, vielleicht vier Jahre alt.

 

„Du, weißt Du, wir haben Glück gehabt“, er zieht wichtig seine Latzhose hoch, „sooo ein Glück“, und sieht mich erwartungsvoll an. „Was ist denn passiert?“ frage ich schuldbewusst. „Papa hat den Schlüssel verloren, auf der Wiese... und jeeetzt haben wir ihn wieder gefunden. So ein Glück! Gott sei Dank“, sagt er wie ein Großer, mit groß erstaunten braunen Augen.

 

„Das ist ja toll“, lache ich und gehe langsam weiter. Der Kleine aber weicht mir nicht von der Seite. „Gott sei Dank“, sagt er immer wieder „Gott sei Dank. Und Glück gehabt, gell?“ Sein junger Papa, lächelt leise und flipflopt hinter uns her. Da stellt sich mir der Kurze fast auf die Füße und fragt: „Wie heißt dein Name?“- und ich bin hoffnungslos verliebt. Und als er sagt „Isst du jetzt auch Eis, weil wenn man sich geärgert hat, sagt der Papa, dann ist das guuut, du musst ein Eis essen“ – da ist mein Ärger wie weggeschmolzen.

 

Ja, viele mögen kirchenfremd sein, aber: Nein, niemand ist gottlos, nicht in Wittenberg und nicht andernorts. Im Gegenteil. „Wenn du ein Kind triffst, hast du Gott auf frischer Tat ertappt“, meint Martin Luther. Wie recht er hat. Glück gehabt, dass ich den Kleinen treffen durfte. Gott sei Dank.

 

So eine der Szenen, die ich erlebt habe. Im sogenannten „Reformationssommer“. Eine der kleinen Anekdoten, die ich auf Luthers Marktplatz in Wittenberg dann auch erzählt habe. Zu einer abendlichen kurzen Andacht. Mit wenig Worten drumherum, viel Musik und zunehmend mehr Menschen. Zur Weltausstellung Reformation kamen weniger Gäste als erwartet und zugleich mehr Wittenberger als gedacht, im unkirchlichen Osten.

 

Menschen begegneten einander und vielerorts auch Gott. Und das nicht nur am Lutherhaus oder in Luthers Kirchen. Auch unterwegs in der Stadt - auf einer sogenannten „Spiritual Journey“ - erfuhren Menschen: Gott küsst unterwegs. Will heißen: Spiritualität findet Raum, im Alltag und zugleich Andern-Orts. Das lässt Fragen stellen und träumen von der Kirche der Zukunft…

 

Musik: Träumerei (Lullaby Outlaw)

 

Andernorts im Seelen-Raum

Sich in die Wolken träumen, erden und gen Himmel strecken. Spirituelle Erfahrungen. Wo finden sie Raum im Alltag? In Wittenberg etwa auf dem Bunkerberg. Einst war der Bunker Schutzraum. Dank einer Kunstinstallation bot und bietet er nun den Augen Halt zwischen oben und unten.

 

Spiegelflächen brechen das Sonnenlicht. Sie spiegeln das Grün der Erde und das Blau des Himmels. Besucherbeine laufen entlang, Gesichter sehen hinein, hundertfach vervielfältigt. Das Spiel mit den Wirklichkeiten ist anziehend. Einige Minuten jeden Morgen und Mittag sammelten sich Menschen dort oben zur Andacht, bei Sonne und Regen.

 

Wenige Psalmverse, ein Impuls, Schweigen. „Besonders die Stille tat mir gut.“ Das sagten fast alle, die dabei waren. Ruhe scheint ein wertvolles Gut in digitalen Zeiten. Mehr braucht es nicht, um anzukommen - bei sich, bei den anderen, bei Gott.

 

Wie und wo werden Menschen von Gott berührt, die mit Kirche kaum mehr Berührung haben?

 

Musik: Träumerei (Lullaby jazzig)

 

Andernorts im Musik-Raum

„Singen wir wieder `über den Wolken´?“, wurde ich oft gefragt in der Lutherstadt. Musik schlüpft über das Ohr direkt in den Bauch der Gefühle, in die Seele. „Das fasst mich so an, das Lied vom Engel“, meint eine Besucherin, „obwohl ich noch nie in der Kirche war“. Beim Volksliedersingen strömen die Gäste. Sie sitzen unterm Riesenrad, singen Mitschunkellieder und geistliche Volkslieder wie „Der Mond ist aufgegangen“, selbst im strömenden Regen unter schwarzen Wolken. Von Gänsehautgefühl spricht mancher ergriffen.

 

„Das waren ja mal keine Christenlieder, sondern welche, die man versteht“, sagt ein junger Mann aus Offenbach. Offenbar ist unsere Kirchenmusik inzwischen weit entfernt vom Kirchenvolk. Bach und Pachelbel, Orgel oder Bläsermusik. Wunderschön, aber jenseits des Bildungsbürgertums nicht von allen geliebt. Dennoch bestimmt meist solche „Kirchenklassik“ die Sonntagsgottesdienste. Anders bei Luther. Er lauschte den Bänkelsängern auf dem Wittenberger Marktplatz. Übernahm ungeniert Gassenhauer, die er mit seinen Ideen neu vertextet. „Nun freut euch lieben Christen g´mein“ etwa war ein Schlager, ein Liebeslied, eine Schnulze.

 

Der Reformator hat dem Volk auch beim Singen auf´s Maul geschaut. Mit Erfolg. Seine Lieder waren Taktgeber der Reformation. Und heute? Helene Fischers Atemlos covern und - ohne Schnappatmung zu bekommen - ins Gesangbuch übertragen?

 

Musik: Träumerei (Lullaby poppig)

 

Andernorts im Gottes-Raum

„Da vorn unter den Schwebenden, da will ich hin“, murmelt ein schlaksiges Mädchen am Kirchenportal, zieht das bauchfreie Top etwas tiefer und setzt sich schnurstracks still unter den Barlachengel in der Schlosskirche. Kirchen sind Orte mit Anziehungskraft, selbst für Menschen, die nicht wissen, was eine Kirche ausmacht.

Allein das Gebäude fasziniert schon mit dem Eintritt in eine kühle, andere Welt. Ein hoher Raum, der das eigene Innenleben, die Seele zärtlich umfängt und zugleich weitet. Erfahrungen des Heiligen. Kirchen sind Anders-Orte. Das macht sie auch für religiös ungeprägte Menschen heimelig oder faszinierend unheimlich. Und sie prägen das Bild der Dörfer und Städte - noch.

 

Wo Gotteshäuser aufgegeben werden sollen, erhebt sich darum oft auch von Nichtchristen Widerstand. Selbst in Luthers Landen, den neuen Bundesländern mit den wenigsten Christen und den meisten Kirchen geschieht das. Rentner restaurieren Dorfkirchen. Stadtkirchen werden umgenutzt. Kirchengebäude öffnen sich, bieten Raum für Stille, Meditation und Musik, für interkulturelle Theatergruppen oder Selbsthilfegruppen im Stadtviertel. Ob Gottesdienstort, Konzerthalle, Vesperkirche oder Flüchtlingszuflucht. Die Kirche der Zukunft formiert sich neu, reformiert sich, wird, was Kirche im Mittelalter einmal war: ein Ort der Begegnung.

 

Wie werden Kirchenräume - als Haus Gottes und der Menschen - neu belebt?

 

Musik: Träumerei (Lullaby . Ethno)

 

Andernorts im Stadt-Raum

„Hier stehe ich und kann nicht anders. Ich will Frieden für alle und ein Pony für mich“, ruft das Mädchen in Rosa, das neben Luthers Statue auf einem eigenen Podest steht. Letzte Station der sogenannten „Spiritual Journey“’. Immer wieder traf man Menschen, allein oder zu mehreren, mit dem orangenen Heftchen in der Hand, auf spiritueller Reise durch die Lutherstadt. Sie führte zu zwölf Stationen, an Lutherstätten, ein Cafe oder einen Friseursalon und zum Schluss eben neben Luthers Denkmal.

 

Gott küsste unterwegs. Das Mädchen in Rosa und viele andere. Auch zum abendlichen Ausklang auf dem Marktplatz. „Es ist ungewohnt, dass hier mittendrin gebetet wird“, sagt eine Wittenbergerin über ihren Einkaufstüten, „aber ich mag es“. Zum Sechs-Uhr-Glockenschlag war sie meist dabei, samt ihren Tüten.

Und wie sie saßen oder standen viele unterm offenen Himmel. Nah am Geschehen oder nur im Vorbeiflanieren: Gott auf dem Markt begegnen. „Ick bin ja gottlos, versteh´ nüscht von Kürsche, aber dat hier versteh ich“, meint die ältere Dame, der ich in den Wallanlagen begegnet bin, „und ich mag ooch Ihre Geschichten“. Die kurzen Szenen des Tages, Erlebtes zwischen Himmel und Erde, sprachen viele Passanten an.

 

Und immer wieder die Musik. Ein paar Gitarrenakkorde, ein gesummtes „über den Wolken“ oder „die Gedanken sind frei“ und die Menschen kamen. Anfangs saßen nur Wenige vor der Bühne. Bald waren manche an den Cafétischen und Bierbänken rund um den Platz dabei und feierten aus der Ferne mit. Am Ende des Reformationssommers saßen oft hunderte Menschen in den Bänken vor uns. Und jedes Mal sangen wir in den Abendhimmel „Jeder Mensch braucht einen Engel…“.

 

Musik: Träumerei (Lullaby futuristisch)

 

Engel unter uns

Eines Mittags saß ich am Marktplatz im Strandkorb, neben mir eine ältere Dame mit Gipsbein. „Ich hab’s nicht mit Gott, ich glaube an nichts, aber an Engel schon...“, ruft sie mir etwas zu laut ins Ohr.

 

Sie ist halb taub und über achtzig, erzählt sie mir. „Aber ohne Engel, da könnte ich nie mehr gehen“, schreit sie. Aufgewachsen ist sie in Wittenberg, als Kind noch in den Bunker gerannt, sie kannte ihn noch weniger friedlich, den Bunkerberg. Und damals war sie noch gut zu Fuß.

 

Aber jetzt - eine Straßenbahn hat sie erfasst, in Berlin. „Einen Schritt weiter und es wär´ aus gewesen. Aber ich hab einen Schutzengel. Das glaub ich.“ Und damit ist sie nicht allein. Über 70 Prozent aller Deutschen glauben an Engel. Und Martin Luther meinte einmal: „Fürbitten heißt nichts anderes, als  jemanden einen Engel senden“.

 

Als ich diese Geschichte am Ende der Tage in Wittenberg erzählt hatte, kam ein junger Mann auf mich zu, der mir bekannt schien. „Dann schicken Sie mir auch einen Engel bitte, Sie erinnern sich vielleicht, ich habe neulich den Schlüssel verloren, aber vor längerem meine Frau, sie ist ausgezogen“, sagt der junge Vater.

 

„Duu, ich hab den Segensroboter gesehen, kannst du mich auch segnen?“, fragt gleich sein Sohn, der Kleine, in den ich mich verliebt hatte, „ich weiß ja nicht, wie das geht, aber duu weißt es bestimmt“. Ich bin berührt, berühre den Jungen, segne ihn. Und dann gehen die Beiden wieder ein Eis essen.

 

„Wir werden das Abendgebet hier vermissen, kann das nicht weitergehen?“, fragten einige Wittenberger am Ende des Reformationsjahres.

 

Ja - wie wird es weiter gehen mit der Kirche? Luther wird auf dem Marktplatz stehen bleiben. In Lutherstadt und anderswo. Wir aber können weiter gehen. Denn Reformation geht weiter. Dahin, wo Gott küsst und die Menschen unterwegs sind.

 

Musik: Träumerei (Schumann Harfenfassung)

 

Es gilt das gesprochene Wort.