Fasten, Beten, Friedenspilgern

Tapeshwar Nath Zutshi vor Mauer an Versöhnungskirche im Hintergrund Haus Bernauer Straße 5

Archiv Versöhnungsgemeinde / Keystone-Foto

Fasten, Beten, Friedenspilgern
Der Menschenrechts-Aktivist Tapeshwar Nath Zutshi und sein Protest gegen die Berliner Mauer
08.08.2021 - 07:05
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Symbolträchtig ist er genau am 8. August 1960 zu Fuß durch das Brandenburger Tor gegangen. An diesem Tag herrscht angenehmes Sommerwetter in Berlin. Es ist heiter, teilweise bewölkt. Der indische Staatsbürger und Friedensaktivist Tapéshwar Nath Zutshi lebt seit einem Jahr im West-Teil der Stadt. Heute hat er sich, wie immer im Anzug und mit Krawatte, nach Ost-Berlin auf den Weg gemacht. Nach einer Viertelstunde Fußweg hat der 33-Jährige sein Ziel erreicht: das „Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten“ der DDR, in der Luisenstraße. Vor Tagen bereits hatte er gegenüber der Presse erklärt, dort ein dauerhaftes Durchreise-Visum zu beantragen für Ostdeutschland.

 

Zutshi, ausgebildeter Chemie-Ingenieur und Diplom-Psychologe, war in Ost-Berlin kein Unbekannter. Die Sicherheitsbehörden der DDR beobachteten argwöhnisch jede seiner Aktionen. Bereits im März 1960 war er auf dem Alexanderplatz verhaftet und nach einigen Tagen Arrest in den Westen abgeschoben worden. Um den Hals trug er damals sein berühmt gewordenes Pappschild mit der Aufschrift: „Menschen hinter dem Eisernen Vorhang! Der erste Schritt zur Freiheit - legt eure Furcht ab und sprecht die Wahrheit“.

 

Das freie Denken und das ungehinderte Reisen in allen Teilen Deutschlands waren für den jungen Mann aus Indien erklärtes Ziel. Inspiriert wurde er bei seinen gewaltlosen Fasten-Aktionen, Hunger-Streiks und Pilgermärschen von seinem spirituellen und politischen Vorbild, Mahatma Gandhi.

 

Am Vormittag des 8. August 1960 unternahm Zutshi nun seinen Versuch, ein Reise-Visum für die DDR in Ost-Berlin zu bekommen. Er war sichtlich erstaunt, als ihn zwei Stasi-Beamte in Zivil diesmal freundlich begrüßten. Ohne weiteres bekam er das Dokument ausgehändigt, das ihm die Durchreise erlaubte: durch die DDR bis nach Westdeutschland. Es war ausgestellt auf den 12. August, den Tag, an dem Zutshi losfahren wollte, um in Frankfurt am Main und im bayerischen Bad Brückenau Freunde zu besuchen.

 

Bei seinen westdeutschen Freunden war Zutshi zwei Tage geblieben, übers Wochenende. Am Montag trat er seine Heimreise an, nach Berlin. Wie bei der Hinfahrt wollte er mit seinem Visum zurück durch die DDR reisen. Per Anhalter gelangte er nach Helmstedt, an den Grenzübergang, und kaufte sich mittags einen Bus-Fahrschein nach Berlin. Aber schon am nahen ostdeutschen Autobahn-Kontrollpunkt Marienborn holte man ihn aus dem Bus heraus. Sein Visum wurde für ungültig erklärt. Es habe nur für e i n e Fahrt gegolten, nur an einem Tag.

 

In früheren, ähnlichen Fällen, musste Zutshi notgedrungen mit dem Flugzeug nach West-Berlin zurückreisen. Jetzt, im August, wählte er den öffentlichen Protest: Er wollte hierbleiben: Auf der Autobahnbrücke, zwischen Ost und West. So lange werde er zwischen den Schlagbäumen der Interzonen-Kontrollpunkte hin und her gehen, bis ihm die DDR-Behörden die Durchfahrt erlauben.

 

Stundenlang wandert er im Niemandsland, auf der Grenze, bis es dunkel wird. Trotz des kalten, regnerischen Wetters verbringt er die Nacht im Freien. Über die Deutsche Presseagentur erfahren Hörfunk und Tageszeitungen von seiner neuen Aktion. So dauert es nicht lange, bis am nächsten Tag Pfarrer Leonhardt Reinhard von der Katholischen Kirchengemeinde Helmstedt bei Zutshi eintrifft. Jugendliche aus der Gemeinde bringen ihm ein Zelt. Sie helfen dem Fremden, es aufzubauen: direkt neben der Autobahn, auf dem Grünstreifen.

 

Nur mit seinem Sommeranzug und einem dünnen Regencape bekleidet, harrt er aus, im Niemandsland. Wenn man ihn nicht nach Berlin reisen lasse, erklärt er Journalisten, werde er in den Hungerstreik treten. Einen Tag später beginnt er damit. Nur Obstsaft und Tee nimmt er zu sich. Die ostdeutsche Presse verschweigt den Vorfall. Die westdeutsche ist irritiert.

 

Der fastende Aktivist auf der Autobahnbrücke ist sich aber seiner Sache bewusst. Seit der Niederschlagung der Revolutionen in Ostberlin im Juni 1953 und in Ungarn 1956 reifte in ihm die Überzeugung, dass nur eine Friedliche Revolution die politische Lage verändern kann. Das geteilte Deutschland empfindet er, wie er im Berliner Tagesspiegel schreibt, als „eine offene Wunde, zugefügt durch den letzten Weltkrieg“. Diese Wunde ist eine Gefahr für den globalen Frieden, fügt er hinzu. Er möchte dazu beitragen, dass sie heilt.

 

Von Gandhi habe er gelernt, dass jeder Mensch auf der Welt, und sei sein Einfluss auch noch so gering, etwas tun könne. Weil sich das Schicksal von Berlin auf die gesamte Weltpolitik auswirke, empfinde er es als seine Pflicht als Weltbürger, sich einzusetzen für die Freiheit von ganz Berlin. Um eine Bewegung des gewaltlosen Widerstands in die Stadt zu bringen, gründet er die Sathyagraha-Gesellschaft. Der Begriff stammt von Gandhi. Gemeint ist, den politischen Gegner als Verbündeten und Freund zu gewinnen - durch den enthusiastischen und geduldigen Appell an sein Gewissen.

 

Dass aber die Mehrheit der Deutschen in Ost und West in Resignation verfallen ist, angesichts der verhärteten Fronten im Kalten Krieg, macht den jungen Mann aus Indien fassungslos. Statt mit Stöcken und Steinen die sowjetischen Panzer zu bekämpfen, wie es 1953 und 1956 geschah, wolle er auf geistiger und moralischer Ebene kämpfen. Er empfange seine „Stärke vom Gewissen der Menschheit“, schreibt Zutshi in einem ganzseitigen Artikel für den Berliner Tagesspiegel. Drei Wege benennt er, diese Kraft frei zu setzen: „1. Wir sollten so weit wie möglich wahrhaftig sein; 2. Wir sollten so weit wie möglich ohne Hass sein; 3. Wir sollten bereit sein, soviel wie möglich für die Gerechtigkeit zu leiden“. Wenn in Ostdeutschland ein einzelner anfangen würde, frei über den politischen Druck zu sprechen, käme dieser Mensch ins Zuchthaus, das ist Zutshi klar. „Wenn jedoch viele Menschen anfangen, frei zu sprechen“, argumentiert er, „so können nicht alle eingesperrt werden“.

Nach einer Woche Fasten im Zelt auf der Autobahnbrücke bricht Tapeshwar Nath Zutshi Mitte August 1960 seinen Hungerstreik ab. Helmstedter Bürger hatten ihm zwar Wolldecken und wärmere Kleidung gebracht. Aber niemand wollte sich seiner Aktion anschließen. Am nächsten Tag reist er über Hannover mit dem Flugzeug zurück nach West-Berlin. Wenn er die Folgen des Hungerstreiks überwunden habe, sagt er der Presse, wolle er wieder zu seinem Arbeitsplatz gehen: in das Heizkraftwerk Reuter, in der Siemensstadt.

 

In den nächsten Monaten wird es stiller um den indischen Ingenieur, jedenfalls in Berlin. Es ist dieselbe Zeit, in der jede Woche Tausende Menschen die DDR über West-Berlin verlassen, vor allem gut ausgebildete Fachkräfte. Die Hälfte der Flüchtenden ist unter 25 Jahren alt. Die Fluchtwelle erreicht ihren Höhepunkt im Sommer 1961. Den längst abgestimmten Geheimplan zur Abriegelung West-Berlins stimmen Walter Ulbricht und Nikita Chruschtschow am 3. August in Moskau ab. Zehn Tage später, am 13. August 1961, wird die Grenze geschlossen. Es ist ein Sonntag.

 

Aus diesem bedrückenden ersten Sommer des Mauerbaus gibt es keine Nachrichten von Tapeshwar Nath Zutshi. Hat ihn die Wucht der Ereignisse resignieren lassen? Es sind die Wochen der ersten Todesopfer an der Berliner Mauer. In Berlin-Mitte wurde die Bernauer Straße geteilt. Die westliche Seite gehörte zum französischen Sektor, der östliche Bürgersteig zum sowjetischen Sektor. Auf der Ost-Seite der Bernauer Straße wurden die Häuser in den Wochen nach dem Mauerbau komplett geräumt. Die Haustüren und Hoftore, die Fenster und Keller wurden zugemauert und 2.000 Einwohner zwangsumgezogen. Eine Front aus Geisterhäusern blieb stehen.

 

Auch das prachtvolle Portal der neugotischen Versöhnungskirche, mit ihrem 75 Meter hohen Turm mitten im Todesstreifen gelegen, wurde eingemauert. Siebenundneunzig Prozent des Gemeindebereiches befinden sich im West-Berliner Wedding, die dort wohnenden Gemeindemitglieder werden ihre Kirche für drei Jahrzehnte nicht mehr betreten. Am 3. September 1961, drei Wochen nach dem Mauerbau, findet aber noch ein Gottesdienst statt, von dem sich sogar eine Tonbandaufnahme erhalten hat. Besuchen kann ihn nur eine kleine Schar von Gemeindemitgliedern aus Ost-Berlin. Es ist Kirchweihtag, und die Versöhnungsgemeinde hat einen letzten Festgottesdienst vorbereitet.

 

Gemeindepfarrer Helmut Hildebrandt ringt nach Worten.

„Wer wird sagen, ob dieses Kirchengebäude noch Bestand hat? Wenn unsere Kirche eine Brücke gewesen ist, einer Brücke der Versöhnung bis zum heutigen Tag, von hüben nach drüben, dann bleibt sie es trotz Mauer auch weiterhin mit ihrem Glockengeläut, mit ihrer Verkündigung, mit ihrem Orgelspiel“.

Pfarrer Hildebrandt beendet seine Predigt mit einer Vergewisserung:

 

„Lasst uns nie vergessen das Wort der Zusage von Jesus Christus: Ich bin bei Euch alle Tage, bis an der Welt Ende. Amen“.

 

Wenige Wochen später, im Oktober 1961, muss Helmut Hildebrandt mit seiner Familie das Pfarrhaus verlassen. Es steht bald ebenso geisterhaft leer auf dem Grenzgelände wie das große Gemeindehaus und die gemeindepädagogische Ausbildungsstätte „Burckhardthaus“.

 

Gegenüber diesem verlassenen Gebäudeensemble findet sich ein Jahr später Tapeshwar Nath Zutshi ein, im Oktober 1962. Hier, im Angesicht der unzugänglichen Versöhnungskirche an der Bernauer Straße, möchte er gegen die Berliner Mauer protestieren. Wie immer kündigt er seine Aktion zuvor in der Presse und bei den Senatsbehörden an. Er wählt als Tag seines Protestes den 2. Oktober - den Geburtstag Mahatma Gandhis. In seiner Ankündigung teilt er mit, dass er diesmal an der Grenze nicht nur meditieren möchte. Vielmehr hat er vor, am eingemauerten Kirchenportal die Sperrwand mit Meißeln und Brecheisen abzureißen.

 

Da auch die Ost-Berliner Sicherheitsbehörden informiert sind, bringen sie im Vorfeld der Aktion ein Maschinengewehr auf den Kirchturm. Im West-Berliner Senat wandelt sich die anfängliche Sympathie für den indischen Friedensaktivisten in Skepsis und Furcht vor einer Eskalation. Ein Jahr liegt zurück seit dem Mauerbau. 26 Menschen sind seitdem auf der Flucht aus Ost-Berlin umgekommen. Der Senat zieht die Notbremse: Zutshi wird der Mauer-Abbruch verboten. Es gehe nicht um den Schutz der Mauer, sondern um den Schutz der Menschen.

 

Dennoch ziehen am vereinbarten 2. Oktober über Tausend Menschen zur eingemauerten Versöhnungskirche, vor allem Jugendliche und Studierende. Die West-Polizei drängt die Menschenansammlung in die angrenzenden Straßen zurück.

 

Umringt von Hunderten von Menschen erklärt Zutshi während der folgenden zwei Stunden immer wieder, dass er die polizeiliche Absage seiner Mauer-Abbruch-Aktion akzeptiert. Am Ende lädt er die Umstehenden ein, vielmehr am Sonntag wieder zu kommen. Er möchte hier an der vermauerten Versöhnungskirche Gebetsstunden organisieren. Die Menge zerstreut sich.

 

Am folgenden Sonntag setzt Tapeshwar Nath Zutshi seine Idee um, und hält ab 9 Uhr morgens drei Gebetsstunden in der Hussitenstraße, nahe der Versöhnungskirche. Rund 300 Menschen sind gekommen. Es werden religiöse und weltliche Lieder gesungen. Auf der Ost-Berliner Seite ist ein Lautsprecher aufgebaut, und dröhnt Tanzmusik über die Mauer. Aber der indische Ingenieur lädt zum Schweigen ein, und zu stiller Meditation. Er spricht über den Sinn seines Anliegens, und bittet die Versammelten, für die Menschen jenseits der Mauer zu beten. Er gedenkt der Flüchtlinge, die kürzlich an der Berliner Mauer erschossen wurden. Die Menschenansammlung bleibt friedlich. Der Zuspruch in der Bevölkerung jedoch für Zutshis gewaltfreie Vorhaben nimmt rapide ab in den kommenden Wochen.

 

Noch zwei Jahre bleibt Zutshi in West-Berlin. Für seinen bescheidenen Lebensunterhalt arbeitet der junge Ingenieur nach wie vor im Kraftwerk Reuter bei den Berliner Elektrizitätswerken. Wichtig ist ihm der Kontakt zu den Arbeitern, zur einfachen Bevölkerung. Bei ihnen und auf den Veranstaltungen seiner Sathyagraha-Gesellschaft versucht er das Zugehörigkeitsgefühl zu wecken – zu den Menschen hinter der Mauer. Hin und wieder berichten die Berliner Zeitungen von seinen Aktionen. Zutshi stellt sich mit Plakaten auf die Straße, betreibt eine rege Pressearbeit und schreibt Briefe an den SED-Generalsekretär Walter Ulbricht. Demonstrativ geht er am Checkpoint Charlie in der Friedrichstraße unmittelbar bis an die mit dem weißen Strich markierte Grenze heran. In der Hand ein Bild von Gandhi.

Aber er findet keinen Zuspruch in der breiten Öffentlichkeit. Einige Monate später, im Juli 1964, will er West-Berlin verlassen. Kaum jemand verstehe seine Grund-Idee, erklärt er. Enttäuscht lässt er nach fünf Jahren die geteilte Stadt hinter sich. Im August 1964, kurz vor dem dritten Jahrestag des Mauerbaus, ist Zutshi in England. Vier Tage lang demonstriert er dort vor der sowjetischen Botschaft in London, allein. Um den Hals ein Schild mit den Worten: „Die Mauer ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Aber Berliner Freunden hatte er anvertraut, dass er zurückreisen werde nach Indien. Dort verliert sich seine Spur. 2008 soll er verstorben sein, im Alter von 81 Jahren.

 

Gern hätte ich es Zutshi gegönnt, in den heutigen Tagen noch einmal an die Bernauer Straße zu kommen. Um ihm die Umrisse zu zeigen, wo die alte Versöhnungskirche gestanden hat. 1985 wurde sie gesprengt. Aber nach dem Sturz der Mauer hat die Gemeinde ihr Grundstück zurückerhalten. Sie errichtete darauf eine kleine Kapelle. Gebaut aus Lehm, vermischt mit dem Schutt der gesprengten Kirche. Diese Kapelle ist heute das spirituelle Zentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer, dem zentralen Gedenkort der Bundesrepublik für die deutsche Teilung.

 

An der Bernauer Straße, wo Zutshi gefastet und gebetet hatte, erklingt heute wieder eine Orgel. Sie wurde vor vier Jahren eingeweiht. Die Orgelstücke dieser Sendung stammen von einer aktuellen CD, welche die Gemeinde zum 60. Gedenken an den Mauerbau herausgegeben hat; ihr Titel: „Der Klang der Versöhnung“. Vor Corona besuchten täglich Tausend und mehr Menschen aus aller Welt dieses kleine Gotteshaus, umgeben von einem Roggenfeld. Es ist ein Ort zum Stillwerden. Zum Begreifen, dass es ein gewaltloser Widerstand war, der in den 80er Jahren in Ostdeutschland eine Demokratiebewegung anwachsen ließ. Bis in der Friedlichen Revolution vom Herbst 1989 Hundertausende auf die Straße gingen: oft aus den Kirchen heraus, nach politischen Andachten für eine Veränderung der Gesellschaft.

Die zentrale Botschaft war und ist: „Keine Gewalt!“

 

Es gilt das gesprochene Wort.