Salz. Oder: Jesus irrte

Morgenandacht
Salz. Oder: Jesus irrte
26.07.2016 - 06:35

Die Bibel hat nicht immer Recht. Nicht einmal Jesus hatte immer Recht. Mitten in der Bergpredigt zum Beispiel irrte er. Jesus meinte, Häuser dürfe man nicht auf Sand bauen. Das kann man als zeitbedingte Einschätzung erklären: Jesus konnte es damals und dort in Israel nicht besser wissen. Heutzutage aber baut man richtig große Häuser, also Wolkenkratzer, am besten und eigentlich immer auf Sand.

 

Ein echter Irrtum ist Jesus dann beim Salz unterlaufen. „Ihr seid das Salz der Erde“ hatte er seinen Anhängerinnen und Anhängern zugerufen und zugemutet, – um dann fortzufahren: Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten. (Mt 5,13)

 

Zum einen: Salz kann nicht nicht mehr salzen. Salz – also Kochsalz – bleibt Kochsalz. NaCl bleibt NaCl. Das Salz, das wir ernten, ist meist Millionen Jahre alt; es kann schlicht nicht verderben. Und zum anderen: Heutzutage werden 60% der weltweiten Salzproduktion genau deshalb gewonnen, damit man darauf herumtrampelt. Denn inzwischen ist Salz am häufigsten Streusalz.[1]

 

Am Salz in der Bergpredigt Jesu zeigt sich: Jesus konnte sich irren, ja, Jesus hat sich geirrt. Aber wenn er, wenn Jesus sich irren konnte, war er dann nicht Gottes Sohn? Denn als Gottes Sohn hätte er es doch besser wissen müssen. Nun, ich glaube, der Gottessohn ist ganz Mensch geworden. Und zum Menschsein gehört der Irrtum. „Errare humanum est“, das waren die ersten lateinischen Brocken, die ich lernte. „Irren ist menschlich.“ Jesus und die Bibel müssen nicht immer Recht haben. Jesus war ganz Mensch und die Bibel ist von Menschen geschrieben. Das macht beide für mich aber nicht weniger wertvoll oder heilig. Im Gegenteil: Jesus zeigt uns wie Gott ist. Und die Bibel ist das Buch des Lebens. Davon bin ich überzeugt. Aber um beides zu erkennen, muss und soll, ja darf ich meinen Verstand nicht abschalten sondern muss, soll und darf ihn gebrauchen. Glaube und Vernunft, auch kritische Vernunft sind keine Gegensätze.

 

Dass sich Jesus beim Salz, seiner Verderblichkeit und Verwendung irrte, ist kein Widerspruch. Aber dass er grundsätzlich diesen Vergleich, dieses Bild wählte: „Ihr seid das Salz der Erde“ – das finde ich großartig!

 

„Ihr seid das Salz der Erde“! Das ist schön, das ist weise und das ist ungemein herausfordernd. Dieses schöne Bild versteht man sofort. Denn auch wenn heutzutage mengenmäßig das meiste Salz Streusalz ist, symbolisch steht Salz für etwas anderes: Für Geschmack und Würze, für Reinigung und Desinfektion, auch für Haltbarmachen und Dauer. Christen sollen Geschmack geben, nicht langweilen. Christen sollen auch reinigend wirken, kritisch sein, Missstände anprangern und beheben helfen. Christen sollen bebauen und bewahren, diese Welt erhalten und positiv weiterentwickeln. Das alles steckt im Salzbild – und noch mehr: Jesu Bild ist weise: „Salz ist kostbarer als Gold“ heißt ein slowakisches Märchen. Es hat Recht: Ohne Salz ist alles so fade, dass auch ein Leben mit noch so viel Gold, aber ohne Salz nicht mehr lebenswert scheint. Jesu Bild ist aber auch ungemein herausfordernd. Denn Salz der Erde, d. h. für die Erde, für die Menschen zu sein, ist gar nicht so einfach. Und es muss immer wieder neu bestimmt werden, was das jetzt und heute heißt.

 

Nicht, dass Jesus irren konnte und geirrt hat ist das Problem. Sein Salzwort bleibt ja verständlich, nicht auf Sand zu bauen ist Redensart bis heute. Jesu Wahrheit steckt viel unmittelbarer in der Frage an mich selbst: wie werde ich dem gerecht? Wie und wo bin ich, wie und wo werde ich Salz?

 

[1] Mark Kurlansky: Salz: Der Stoff, der die Welt veränderte, München 2002