Schau mir in die Augen…

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Schau mir in die Augen…
03.07.2021 - 10:00
 

 

Humphrey Bogart erkennt die Liebe

„Ich seh dir in die Augen, Kleines“. Humphrey Bogart flüstert es Ingrid Bergman zu. Es ist eine Szene aus dem Film Casablanca. Die Schauspieler agieren natürlich nicht unter ihrem eigentlichen Namen, sondern spielen Rick und Ilsa. Die erleben gerade abenteuerliche Turbulenzen auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. Beider Lebenswege haben sich schon früher gekreuzt und dann wieder voneinander entfernt. Aber nun ist die Zeit gekommen, einander die Liebe zu gestehen und gemeinsam den Lebensweg fortzusetzen. Der Blick in die Augen zeigt Rick, dass es Ilsa ernst ist mit der Liebenserklärung. Denn die Augen sind der Spiegel der Seele. So sagt es zu Beispiel Hildegard von Bingen. An den Augen erkennt man die seelische Verfassung eines Menschen.

 

„Wir verstehen uns“

In die Augen sahen einander bei ihrer ersten Begegnung auch Biden und Putin, im Jahr 2011, als der heutige Präsident noch Obamas Stellvertreter war.  Hier war es Biden, der zuerst den Blick in die Augen seines politischen Gegners wagte. Er sagte: „In Ihren Augen sehe ich keine Seele.“ Putin konterte: „Ich sehe, wir verstehen uns.“ Das bedeutet zweierlei, glaube ich. Zum ersten: Ich sehe, dass du ein Realist bist und mich richtig einschätzt. Und zum zweiten: Auch du hast keine Seele, wie ich an deinen Augen sehe. Zumindest in diesem Punkt verstehen sich Putin und Biden – sie sehen sich gegenseitig als seelenlose Machtmenschen, denen es nur auf die Erweiterung ihres politischen Einflusses und um Vergrößerung ihrer Macht geht, gleichgültig, welche Schäden sie damit anrichten.

Es wäre beunruhigend, wenn es stimmte, dass die die beiden Führer der größten Atommächte dieser Welt seelenlos wären und nur nach politischem Kalkül handeln würden. Die Kälte, die es ohnehin reichlich gibt in der Welt, würde noch um einige Grade zunehmen. Ob es aber wirklich so ist, dass beide keine Seele haben, steht dahin.

 

Gott bringt meine Seele zurück

Es fragt sich nämlich, was das eigentlich ist, die Seele. In einer Zeitungsannonce las ich, dass man einen Weg wisse, wie der Leser in Kontakt mit seiner Seele kommen könne. Spätestens als ich dieses las, wurde mir bewusst: Meine Seele, das bin ja ich. In der Sprache Jesu Christi enthält der Begriff Seele den lebendigen Kern des ganzen Menschen, seine leibseelische Ganzheit, das Lebende an sich. Ich habe keine Seele, ich bin eine Seele. Wenn also meine Seele mit mir korrespondiert, korrespondiere ich mit mir selbst. Ich führe ein lautloses Selbstgespräch. Jedoch ist dieses Selbstgespräch keineswegs überflüssig. Ich erlebe dabei mich selbst in meinen Neigungen, meinen Überzeugungen, meinen Idealen, meinem Glauben und mache mir bewusst, was mir wirklich wichtig ist. Meine Aufgabe ist es, im Einklang mit meiner Seele, also mit mir selbst zu leben. Meine guten und bösen Taten legen Zeugnis ab, ob mir das gelingt. Ich erkenne, wo ich im Einklang mit mir selber lebe und handle und wo ich gegen mich selbst verstoße. Wenn mir letzteres passiert, verleugne ich mich selbst.

Doch bleiben wir dabei nicht allein. Der Psalm 23 bezeugt von Gott, dass er meine Seele erquickt. In der jüdischen Übersetzung heißt das: Gott bringt mir meine Seele zurück. Ob nun Biden und Putin im Einklang mit sich selber agieren, darüber steht uns kein Urteil zu. Aber wir können auf jeden Fall dafür beten, dass Gott auch ihre Seelen erquickt.