Die Gnade, ich zu sein

Wort zum Tage
Die Gnade, ich zu sein
08.06.2016 - 06:23

Etwas ältere Menschen aus dem Westen Deutschlands werden sich erinnern: „Was bin ich?“ -das heitere Beruferaten mit Robert Lembke“ – mit kurzen Unterbrechungen von 1955 bis 1989 gesendet. Ein Rateteam musste mit Ja/Nein-Fragen den Beruf einer Person herausfinden und für jede Frage, die mit Nein beantwortet wurde, wurden 5 D-Mark in ein Sparschwein gesteckt.

 

Es ist kein Wunder, dass das „heitere Beruferaten“ gerade in Deutschland ein Erfolg war, denn was jemand ist, das verbindet sich gerade bei uns oft sehr stark mit dem Beruf. In anderen Ländern würde man auf die Frage „Wer bist du?“ wohl anders antworten, z.B.: „Ich bin ein glücklicher Familienvater mit drei Kindern.“

 

Aus dem heiteren „Was bist du?" kann aber im gewöhnlichen Leben auch sehr schnell ein unheiteres „Bist du was?“ werden. Wie man auf diese Frage antwortet, entscheidet darüber, welche Stellung man in der unausgesprochenen gesellschaftlichen Hierarchie einnimmt. Nicht wenige Menschen hadern damit, dass sie nicht das sind, was sie gerne sein möchten. Der Vergleich mit anderen führt dazu, dass manchmal selbst gestandene Frauen und Männer sich unsicher und sogar wertlos fühlen. Plötzlich erscheinen ihnen ihre Lebensentscheidungen zweifelhaft und es steigt in ihnen das Gefühl auf, dass sie nicht genug aus ihrem Leben gemacht haben. Dann ist es gut, sich anders an den eigenen Weg zu erinnern; nicht mit der kritischen Distanz eines Richters, der die Versäumnisse und Fehler in den Blick nimmt, sondern mit den Augen, die offen sind für das Gute.

 

Wenn ich an die Gespräche denke, in denen ältere Menschen auf ihren Lebensweg zurückblicken, hat mich immer wieder erstaunt und berührt, wie sie im Rückblick etwas in ihrem Leben am Werk gesehen haben, das sie „Gnade“ nennen. Eine Kraft, die ihnen zufloss und ihnen half, sich nicht aufzugeben; das sichere Gefühl, dass einer die Hand über sie hielt; die überraschende Erfahrung, dass sich ein neuer Weg öffnet, als ein alter zu Ende ging. Manchmal wurde darin so etwas wie ein roter Faden der Gnade erkennbar.

 

Der Apostel Paulus hatte trotz eines ziemlich kurvenreichen und gebrochenen Lebensweges den Mut zu sagen: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.“ Er wusste sehr wohl, dass er keine „ weiße Weste“ hatte. Er bezeichnete sich selbst sogar als den geringsten der Apostel. Aber er erkennt auch: Durch alle Brüche und Untiefen, durch falsche Entscheidungen und schwierige Lebenswege hindurch, hat Gott aus mir etwas gemacht, zu dem ich stehen kann.

 

Nein, ich bin nicht die Idealausgabe meiner selbst, ich bin nicht immer die strahlende Gestalt, die ich gern wäre. Aber: Ich darf mich und meinen Weg annehmen. „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.“ Sie gibt mir den Mut und die Freiheit, so wie ich bin weiterzugehen.