Träum weiter

Wort zum Tage
Träum weiter
24.04.2020 - 06:20
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„Eine Stimme wie diese gibt es nur einmal in tausend Jahren.“ Sagte Martin Luther King über Mahalia Jackson. Die beiden verband eine langjährige Freundschaft. Seine Worte und ihre Lieder vereinten sich zu einer starken Stimme der Hoffnung auf Veränderung in den USA. 

Legendär ihr gemeinsamer Auftritt bei der Abschlusskundgebung des Marsches auf Washington am 28.8.1963. Mahalia Jackson sang „I Been ´Buked and I Been Scorned“ und „How I Got Over.“ „Ich wurde unterdrückt und verachtet” und „Wie habe ich das alles überstanden?“ In beiden Spirituals geht es um die Hilfe und den Frieden, den Menschen in der Begegnung mit Jesus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen erfahren. Martin hatte Mahalia gebeten, diese beiden Spirituals zu singen. 

Dann trat er ans Mikrofon. Ungewohnter Weise wollte aber kein Funke überspringen. Er war fast am Ende seiner Rede als ihm Mahalia in einer kurzen Redepause zurief: „Tell ‘em about the dream, Martin“. „Erzähl ihnen von deinem Traum!“

Für einen Moment blendete sie aus, dass er gerade vor 250.000 Menschen sprach. Und konnte so im entscheidenden Moment etwas in ihm wachrufen, das in ihm schlummerte. 

Wie er später in einem Interview sagte, war ihm plötzlich gegenwärtig, worüber er schon oft vorher gesprochen hatte. Dann erzählte er seinen Traum von einer Nation, in der jeder überzeugt ist: Alle Menschen sind gleich geschaffen. Alle sind Kinder Gottes.

Wenn wir „das alles überstanden haben“, wie wird unsere Welt dann aussehen? Manche erwarten jetzt eine große Besinnung, einen Tugendrausch, andere gehen eher davon aus, dass wir zurückschnellen in die alten Muster, vielleicht sogar noch heftiger als je zuvor. Wenn mir die Gegenwart irgendetwas zeigt, dann eines: Wir können auch anders. Was ist nicht alles möglich auf einmal? Millionen für den Gesundheitssektor, weniger Flugverkehr, digitalisierte Schule, drastische CO2-Reduktionen, weniger Konsum, Konzentration auf regionale und saisonale Produkte, Respekt für Krankenschwestern und Kassiererinnen, spontane Solidarität mit den Senioren aus der Nachbarschaft. Und plötzlich sind Deadlines, Termine und Events nicht mehr halb so wichtig wie Familie, Freundschaften und Nachbarschaft.

Kommunikation wird echter, direkter. Der Präsident der Hamburger Universität berichtet in einem Schreiben an alle Mitarbeiter*innen von seinem Traum von einem großen Campusfest und anschließender Familienfeier mit allen Kindern und Enkeln.

Wenn wir „das alles überstanden haben“, wie wird unsere Welt dann aussehen? Wie werden wir sein? Es kommt darauf an. Ob wir weiter träumen - von einer besseren Zukunft. Ob wir unsere Träume mit anderen teilen und für sie kämpfen. Und nicht zuletzt kommt es auf die Sängerinnen und Sänger an, die uns mit ihren Liedern locken, einander unsere Träume zu erzählen: Tell em about the dream. Erzähl ihnen von deinem Traum.

 

(mit Pastor Peter Arpad, Hamm)

 

Es gilt das gesprochene Wort.