Vorbereitung auf „danach“

Wort zum Tage
Vorbereitung auf „danach“
21.04.2020 - 06:20
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Wie lange noch?

Viele Klagegebete der Bibel fragen so. Nicht „Warum“, sondern: Wie lange? Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir? Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele? Man hätte gern einen, der sagt: Bis Dienstag, 5. Mai, 18:00 Uhr. Man könnte sich darauf einstellen, Pläne machen, Übersicht gewinnen.

Ich erinnere mich an eine Zeit, in der wir acht Wochen lang täglich Besucher auf der Intensivstation waren. Nur wussten wir eben nicht, dass es acht Wochen dauern und dann gut sein würde. Ich hätte mir gewünscht, es zu wissen. Denn so war jeder Tag ein Kraftakt und die vor uns liegenden Zeit ein riesiger Mehlberg, mit dem Teelöffel abzutragen. Wie lange noch?

Nach einer Woche Homeoffice und Kontaktverbot ruft mich ein Kollege an. Ich fühle mich wie Jona im Bauch des Wals, sagt er. Ich kann nicht sofort folgen, denke: Moment, du hast jetzt gerade nicht die Aufgabe, den Menschen einer riesigen Metropole radikale Einschnitte im Alltagsleben anzusagen, weil sonst der Untergang ihrer Stadt droht. So war das ja bei Jona, er sollte der Überbringer unangenehmer Botschaften sein und so die Stadt Ninive vor der Katastrophe bewahren. Verständlich, dass er lieber fliehen wollte und sich auf ein Schiff in die andere Richtung begibt. Als dieses Schiff in Seenot gerät, kommt die Besatzung zu dem Schluss, dass der Sturm nur zu stillen ist, indem Jona über Bord geworfen wird.

Ein großer Fisch nimmt ihn in Quarantäne.

Jona in seinem Bauch. Gerettet zwar, doch ganz allein, im Dunkeln. Er fährt nicht auf Sicht, denn er sieht gar nichts. Das Sehen muss er dem großen Fisch überlassen. Er sitzt fest. Drei Tage lang. Nur, dass er das eben nicht weiß. Wie lange noch? Weder am Start noch am Ziel. Weder zu Hause noch am Bestimmungsort. „Nichts steht mir zur Verfügung. Alles ist ungewiss. Was ich tun kann, ist darauf warten, irgendwann an Land gespuckt zu werden und das zu tun, was ich tun soll.“ Wann wird das sein? Wo werden wir wieder an Land gehen? Wird uns dann klar sein, was unsere Aufgabe ist?


Jona bereitet sich im Bauch des Wals auf das Ende der Quarantäne vor.

Er singt ein Lied, aber ein Klagelied ist es nicht. Er singt ein Danklied:

„Du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, Herr, mein Gott!“ (Jona 2,7)

Jona singt von seiner Rettung, als wäre sie schon passiert.

Er malt sich aus, wie er mit Gottes Hilfe hindurchgekommen ist.

Singt so, als würde er von einer guten Zukunft aus auf diese Zeit jetzt zurückblicken.


Systemische Therapeuten laden zu dieser Perspektive ein, indem sie die „Wunderfrage“ stellen: Stell dir vor, die ganze Krise ist vorbei und es ist gut geworden. Mal dir den Dienstag nach der Krise konkret aus. Was tust du? Was hat dir geholfen, das alles zu überstehen? Welcher innere Wandel hat bis dahin in uns allen stattgefunden? Und: Wo zieht es dich jetzt hin?

Gewagt. Aber warum nicht? Heute ein Danklied singen von einer Rettung, die noch kommt.

 

Es gilt das gesprochene Wort.