Die leere Krippe

Die leere Krippe
mit Pastoralreferentin Lissy Eichert aus Berlin
18.12.2021 - 23:55

Guten Abend.

Der Hirte war groß und stark. Doch er hinkte, konnte nur an Krücken gehen. Meist saß er mürrisch am Feuer und passte auf, dass es nicht ausging.

Als in der Heiligen Nacht der Engel den Hirten erzählt, in Betlehem sei das Jesuskind geboren, schüttelt er nur den Kopf. Und als die anderen Hirten losziehen, das Kind zu suchen, bleibt er zurück. Schaut ihnen nach und denkt: „Lauft nur! Ist doch Blödsinn.“ Die Zeit vergeht. Missmutig stochert er mit der Krücke in der Glut. „Und wenn‘s nun doch stimmt?“ Er nimmt die Krücken unter die Arme und humpelt los. Als es dämmert, erreicht er den Stall. Den Ort hat er also gefunden. Aber wo ist dieses geheimnisvolle Kind? Er lacht bitter: „Ha, es gab doch keinen Engel!“

Da entdeckt er die leere Krippe, sieht die Kuhle, in der das Kind gelegen hat. Ganz warm wird ihm ums Herz. Alle Bitterkeit fällt von ihm ab - sein Hadern mit dem Schicksal, seine Wut auf die böse Welt. Alles wie weggeblasen. Verblüfft geht er davon…

 

…und merkt erst gar nicht, dass er seine Krücken bei der Krippe vergessen hat. Er will schon umkehren, sie holen. Aber  - warum eigentlich? Zögernd geht er weiter, mit immer festeren Schritten.

Schöne Geschichte. Doch im richtigen Leben? Patienten ringen mit dem Tod. In der Ukraine wächst die Angst vor Krieg. Geflüchtete frieren in Wäldern oder hängen in Lagern fest. Morgen ist es fünf Jahre her, dass 13 Menschen beim Bummel über den Berliner Weihnachtsmarkt durch ein Attentat getötet wurden.  

Und warum halte ich dann immer noch fest an der Hoffnung, dass alle Trauer, die Verzweiflung, all die Wut sich irgendwann wandeln, auflösen, vielleicht sogar geheilt werden?

Spannend finde ich, dass die Krippe in der Geschichte leer ist. Die Familie ist mit dem Jesuskind längst weitergezogen. Gott ist weg – und ist doch da? Das macht mich neugierig. Also mache ich mich auf - wie der humpelnde Hirte – und folge meinem inneren Wissen: Gott lässt sich in allem suchen und in allem finden. 

Das ist die Hoffnung, aus der ich lebe. Ich habe aufgehört, Gott verstehen zu wollen. Gott ist immer größer und immer anders.

Aber an der Suche nach Gott halte ich fest. Im Guten wie in der Zerrissenheit der Welt. Im bangen Warten, wie es wohl weitergeht. Was auf mich, auf uns zukommt. Denn wenn ich Gott suche,  bin ich gerettet. Dafür steht die Krippe. Als Einladung. Wir brauchen Orte, an denen wir das Schwere – die vielen Krücken - zurücklassen können.

Wie der Hirte. Der die Geschichte vom Gotteskind im Stall erst nicht glauben konnte. Und dann die leere Krippe als seinen „heiligen Ort“ entdeckt, einen Ort, der so erfüllt ist von Liebe und Frieden, dass er wie verwandelt weiterzieht.

Gehen wir also zur Krippe. Einfach mal nachschauen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie immer neu Ihren „heiligen Ort“ entdecken, den Ort, an dem Sie Frieden und Liebe finden.